Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 472 (sequence 6)
- Language
- German
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472 Zeit zwei Jahrtausenden haben die Bekenner des Judenthums Leiden und Verfolgungen zu erdulden, für die es ailch annähernd kein Seitenstück giebt in der Geschichte der Völker und Nationen. Von aller Welt verstoßen und verdrängt, zu Boden geworfen und mit Füßen getreten, waren sie aus gegenseitige Hilfe und Aufrichtung angewiesen. Aus dem einen Lande vertrieben, haben sie bei ihren Glaubensbrüdern irr anderen Länderir Zuflucht gefunden; wurde der ein Theil Israels geplündert und beraubt, so wurde ihnr durch den anderen, verschont gebliebenen Theil wieder aufgeholfen, so daß sich so oft in Israel das Schriftwort bewährte: „Wenn Esau über das eine Lager kommt und es schlägt, so ist das andere Lager da, um Rettung zu bringen." Und wo gab es ein Lager Israels, das für die Daner von Leiden und Verfolgungen verschont geblieben wäre? Der Leidenskelch des Völkergriinmes ist an allen Lagern Israels vvrübergegangen, sie Alle hatten ihn, bald zu dieser, bald zu jener Zeit, bis auf die Neige zn leeren. So wurde in dem Herzen des Israeliten durch die Leiden, die er selbst erfahren, Berständniß und Mitgefühl erweckt für die Leiden Anderer, und dainit zugleich die Willigkeit und Geneigtheit, sie zu mildern, so iveit es in seiner Kraft stand, ja häufig weit über seine Kräfte hinaus. Und nun denken wir uns einmal diese Erweckung zuin Mitgefühl und zur Mithilfe, diese Uebung der Milde und Barinherzigkeit fortgesetzt von Jahrhundert zu Jahrhundert, fortgesetzt durch ein» lange, lange Reihe von Geschlechtern, anerzogen und anererbt von Eltern auf Kinder und Kindeskinder, ist^s ein Wunder, daß sich da in Israels Mitte eine Opferwilligkeit und Opserbereitschaft ausgebildet hat, die nicht leicht ihres Gleichen findet in der Welt, und die uns selbst unsere Feinde bewundernd zugestehen, und dürfen wir da nicht gerade vom Standpunkte der modernen Wissenschaft aus, die das Gesetz der Aneignung und Vererbung kennt, von einem eigenartigen, auf Milde und Barmherzigkeit gestimmten jüdischeil Herze» reden? Ich brauche es nicht erst zu sagen, und ich bin gewiß, nicht dahin mißverstanden zn werden, als sollte das jüdische Herz lediglich dem jüdischen Leid offen stehen; nein, gerade darin soll die Eigenthümlichkeit des jüdischen Herzens sich offenbaren, daß es zugänglich sei dem Leid und Weh, wo immer es sich findet. Wird doch in der heiligekl Schrift das Gebot der Liebe gegen Fremde mit dem Hinweise begründet: „Ihr kennt ja die Seele des Fremdlings, denn Fremdlinge seid Ihr geivesen im Lande Aegypten." Geiviß, wer so viel Leideil und Prüfungen zu bestehen hatte wie Israel, der wird überhaupt kein menschliches Leid als ein fremdes nnsehen, sondern es mitempfindeü als sein eigenes. Aber ebenso gewiß ist es, daß das jüdische Herz zu Opfern ungewöhnlicher Art sich bereit halten und ausschwingen muß, wo ungeivöhnliches Eleild und Unheil ihm entgegentritt, wie dasjenige es ist, in welchem unsere Glaubensbrüder in den osteuropäischen Ländern schmachten, zumal dieselben anderswo aus Hilfe und Rettung nicht zu rechnen haben, zumal, wie die nreisten Länder ihnen ihre Grenzeir versperreil, auch die meisten Menschenherzen sich ihnen verschließen, zumal jene Humanität und Nächstenliebe, deren unsere Zeit sich rühmt, denen gegenüber Halt macht, deren Lehre die Menschheit ihre höchsten Güter, die Grundlage ihrer Civilisation zu danken hat. Und sollte es etwa auch in Israels Mitte Menschen geben, die ans diese beweinenswürdige Höhe unserer vielgepriesenen Huinanität sich stellell, die da meinen, es vertrüge sich mit ihrer geseüschaftlicheil Stellung nicht, ein Uebriges für ihre unglücklichen Glanbensbrüder zu thim, die da ivähnen, um wahrhaft human zu sein, müsse man hartherzig gegen die nächsten Angehörigen sich zeigen, »lüsse Ulan — im Gegensätze zur Forderung des Propheten — sein Herz von Fleisch wandeln in ein Herz von Stein, oder aber, es genüge, wenn man von seiner sonst geübten Freigebigkeit selbst für fernliegende Zwecke auch etliche Brosamen für seine mit Untergang bedrohten Bruderstämme abfallen läßt? Sollten wir jemals auf diese Höhe unseres sich humair nennenden Zeitalters herabsinken, dailii würde das Judenthnm anfhören, für uns eine sittliche Macht zu sein, dann gäbe es für uns keinen Versöhnungstag mehr, keine Verzeihung vor Gott und unserer Geschichte. Haben wir es nicht vernommen, was der Prophet an unsereinVersöhnullgstage wie mitPvsaunenstößrn verkündet hat? Das Fasten, Beten und Kasteien allein macht noch immer iricht den Versöhnungstag. Vielmehr: „Brich dem Hungrigen dein Brod und gewähre Obdach den umherirrenden Armen, so du einen Nackten siehst, bekleide ihn und entziehe dich deinem Fleische nicht." Also übe vor allem Milde und Barmherzigkeit, legt der Prophet dir ans Herz. Damit du aber ilicht glaubest, du dürftest Diejenigen übersehen, die dir am nächsten stehen, um dich ins Weite und Unermeßliche zn verlieren, fügt er hinzu: „Entziehe dich Denen nicht, die Fleisch sind von deinem Fleische und Blut von deinem Blut." Nun haben allerdings in dem letzten Viertel des abgelanfenen Synagogenjahres die Alliance israelite, die deutschen Bne-Brith-Logeu, einzelne Gemeindeverbände und Lokalkomitees zu Gunsten unserer Glaubensbrüder Aufrufe erlassen, die in den jüdischen Herzen einen mächtigen Widerhall gefunden. In beu »leisten jüdischen Gemeinden Deutschlands und wohl auch des Auslandes wurden erfolgreiche Sammlungeil veranstaltet, und wo es noch nicht gescheheil sein sollte, da wird es noch, bevor die Festesstimmen verklungen sein werden, sicherlich geschehen. Allein mit der einmaligen, vorübergehenden Hilfe dürfen wir uns nicht beruhigen. Auch der Prophet Jesaias begnügt sich nicht mit der Mahnung: „Brich dem Hungrigen dein Brod und bekleide den Dürftigen," sondern er fordert mehr, unendlich mehr, er fügt hinzu: „Du sollst anferbauen verfallene Trünuner, Gruildvesten für spätere Geschlechter sollst du aufrichten, man soll dich nennen Rissevermanrer, der öde Pfade beivohnbar macht." Diese Worte des Propheten, sie müssen das Programm des heutigen wie des zukünftigen Israel iverden. Unsere hartbedrängten Glanbensbrüder in Rumänien, Galizien und Rußland, bedürfen, ohile Rücksicht auf die augenblicklichen, wechselnden Stimmungen und Verfügungen der jeweiligen Machthaber, der dauernden, aufmerksamen und aufopferungsvollen Fürsorge; hier gilt es, humane Werke zu schaffen von großer, weittragerlder Bedeutung, hier gilt es, öde Pfade bewohnbar zu machen und entstandene Lücken und Risse zu vermauern, hier gilt es, in fernen Landen Grundvesten zu errichten, ai» denen iloch die spätesten Geschlechter sich erfreuen werden, hier gilt es, die trümmerhaften und ruinenhaften Bestandtheile Israels wiederherzustellen und aufzuerbauen. Die aus ihrem Vaterlande verdrängt übers Meer gezogen sind, sie sollen daselbst eine neue Heimath finden und nicht aus Mangel an Hilf« elendiglich zu Grunde gehen, und die In ihren