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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-05 · Heft 40 (5.10.1900) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 40 (5.10.1900)
Date
1900-10-05
Page
Seite 471 (sequence 5)
Language
German
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471 handelt. Ferner wird int Lause dieses Monats der Prozeß vor der Berliner Strafkammer gegen Verleger und verantwortlichen Redakteur der „Staatsbürgerzeitung" startfinden. Auch gegen zwei Gerichtsbeamte ist eine Untersuchung eingeleitet worden wegen Bekanntgabe amtlicher Schriftstücke an eine Privatperson. Es handelt sich hierbei um den Bericht des Ersten Staatsanwalts. der in antisemitischen Zeitungen veröffentlicht wurde, sowie um das medizinische Gutachten des Konitzer Sanitätsraths Müller. Wie man sieht, trägt die Verhetzung in der westpreußischen Landstadt bereits ihre guten Früchte. Die gewöhnlich gut unterrichtete polnische Zeitllug „Slowo Polskie" in Lemberg meldet, der österreichische Justizminister habe an sämmtliche Staatsanwaltschaften ilnd Kreisgerichte als Gerichte erster Instanz einen Erlaß gerichtet, in welchem ihnen zur Pflicht gemacht wird, mit aller Strenge gegen jene Personen vorzugehen, welche junge jüdische Mädchen zwecks deren Bekehrung zum katholischen Glauben entführen. Dieser Erlaß kommt zwar etwas spät, aber doch nicht zu spät, um dem von uns bereits oft geschilderten Treiben Einhalt zu thun. Wenn nur die Macht der Gerichte nicht vor den Klostermaueru zu Ende wäre! * Gegen die Beduinen am Sinai mußten kürzlich ebenfo wie gegen die Aufrührer in Könitz Truppen geschickt werden, weil sie gegen die Mönche des Klosters am Berge Sinai eine Blutbeschuldigung erhoben und es versucht haben, dieses berühmte katholische Heiligthum anzugreifen. Die Sache selbst klingt wie eilt Märchen. Man berichtet darüber Folgendes: „Zuleika, die 16 jährige Tochter des srommeu und reichen Achmed, der zahlreiche Kameele sein Eigen nannte, war so schön, das; Reisende aus Alexandrien dem glücklichen Vater gerathen haben, sie den, Khedive vorzuführen, welcher sie gewiß unter die Zahl seiner Frauen anfnehmen werde. Alle Vorbereitungell wurden getroffen, und am folgendell Tage sollte die Abreise nach Aegypten erfolgen, als Zuleika des Abellds auf Nimmerwiedersehen verschwand. Der fromme Achmed der ebenso schlau wie gottesfnrchtig war, schlug jedoch keinen Lärm. Jll dem Glauben, seine Tochter wäre von Rällbern entführt worden, um ill den Harem eines reichen Paschas verlaust zu lverdell, schulterte er sein Gelvehr und schlich am Fuße des Sinai, wo Zllleika zum lehterl Male gesehen wurde, allllächtlich wie ein Lllchs llrnher. Da passirte Ende April ein zweites unerklärliches Ereigniß: Achmed wurde in der Nähe des christlicheil Friedhofes des Sinaiklosters mit mehreren Stichwllnden im Rücken todt aufgefullden. Das neue Ereigniß lenkte den Verdacht der Beduinen sofort alrf eine neue Spur. Die Mörder waren niemand anders als — die Mönche des Sinaiklosters. Fielen doch die beiden aufregenden Mordthaten gerade um Ostern herum, lvo doch bekanntlich die Giaurs zu religiösen Zwecken Menschenblut dringend brauchen. Die Aufregllllg unter ben Beduinen steigerte sich, und eines Tages — es war inzwischen Mitte Juni geworden — drangen sie gewaltsam ans den Friedhof, erbrachen ein frisches Grab und förderten aus demselben ben frisch erhaltenen Körper der — schönen Zuleika zu Tage. Wie nlld von wem die Leiche des Mädchens auf dem Kirchhofe des Sinaiklosters beerdigt wurde, mld wieso es kam, daß dieselbe noch frisch erhalten war, wird wohl niemals aufgeklärt tverden, aber die Beduinen behaupten und schworen mehrer eEide, daß der Körper deutliche Spuren einer vorgenommenen Blntabzapfung aufwies. Die Blutrache wurde proklamirt und die unschuldigen und unglücklichen Mönche am Sinai mußten zwei Wochen lang die festen Mauern ihres Klosters Tag und Nacht mit den Waffen in der Hand gegen die wüthend stürmenden Beduinen vertheidigen. Erst Mitte Juli befreiten sie Truppen aus Aegypten aus ihrer gefährlichen Lage. Ueber den schließlichen Ausgang der Affäre berichtet unsere Quelle, der in Frankreich erscheinende „Le Katholiqne", nichts; ver»nuthlich ist sie noch nicht zu Ende und wird wohl zugleich mit der-Konitzer Affäre ihren Abschluß finden." * In der nächsten Woche sollen die rumänischen Kammern einberufen werden, und es wird sich nun zeigen, was das Ministerium Carp für die unglücklichen Juden des Landes thun wird. In einem gut onentirten Wiener Blatte lesen wir Folgendes über die Ab- und Aussichten des Ministerpräsidenten : „Von großer Wichtigkeit versprechen die Gesetze zu werden, die sich auf die Ansiedlnng der Fremd eil in Rumänien und auf ihr Recht, sich daselbst anzukaufen, beziehen. Man weiß, wie fremdenfeindlich die Gesetzgebung bis jetzt in dieser Richtung war und welche Schwierigkeiten namentlich den Inden in den Weg gelegt wurden, in Rumänien Besitz zu erwerben. Die den Juden uicfjt gebotene Möglichkeit, auf den, Lande Grund und Boden zu kaufen, war die Hauptschuld, daß die Inden nicht die Rechte voll Staatsbürgerll und die völlige Gleichheit mit der christlichen Bevölkerung Rumälliens erlailgen konnten. Werden die auf die Fremden bezügliche,l Vorlagen der Negierung Gesetzeskraft erlangen, so stehen dadurch namentlich den in der Moldau ansässigen Juden bessere Tage bevor. Das Gros der rumänischen Jllden lebt in der Moldau, und hier wohnen sie in kompakten Massell aus dem Lande. Hier macht sich ihr Elend am sichtbarstell geltend — hier, woher sich die letztstattgehabte Emigration am stärksten rekrutirte. Die nenel, Gesetze werden weniger entscheidend für die Juden der Walachei fein, die in größeren Städten leben nlld hier Gerverbe treiben, als für die der Moldau, die unter der Landbevölkerung eine wellig beneideuslverthe Existenz fristen. Der Ministerpräsident Peter Carp ist selbst Großgrundbesitzer in der Moldau und kennt aus eigener Anschauung das Elend der moldan'schen Juden — wohlgemerkt der auf dem Landelebenden Elemente. Auf die Haliptstadt der Moldau, Jassy, wo die Jllden unter ungleich günstigerell Bedingungen leben, werden die neuen Gesetze keinen merkliche!, Einfluß üben. Es gilt als wahrscheinlich, daß sich in den Kammern eine Majorität für die Vorlagen der Regierung fillden wird. Ist ja jetzt diese Majorität konservativ und Carp nach der Verschmelzung der von ihm früher geführten Partei der Jungkonservativen oder Junimisten mit den Altkonservativen Chef der Konservativen überhaupt. Darüber allerdings giebt sich Carp keinen Illusionen hin, daß einige der reaktionärsten Elemente unter den Altkonservativen die Reformen nicht annehmen, sondern es vorziehen werde,!, aus dem Parteiverbande auszuscheiden. Der frühere Ministerpräsident Cantacllzene jedoch, der frühere Chef der Altkonservativen, wird seinen Nachfolger Carp in dessen Nesormarbeit unterstützen. Würde Carp keine Majorität für seine Vorlagen in den Kammern finden, so hat er, wie anzunehmen ist, bereits vom Könige die Vollinacht zur Auflösung der Kammer erhalten." i'!: , ak ■ k:: ir'-': Wie soll das jüdische Ker; in unserer Zeit fich bewahren? Line Betrachtung. Von Dr. B. Ziemlich, Rabbiner in Nürnberg. crs jüdische Herz! Wie — lverden vielleicht Manche fragen — giebt es denn in der Thal ein besonderes jüdisches Herz, von dem wir zuweilen höreil? Genügt es denn rächt, ein allgemein nrenschliches Herz zu besitzen, daß wir eines besonderen jüdischen Herzens bedürfen, und wie soll dasselbe sich äußern? Es giebt ein jüdisches Herz, weil es eine jüdische Geschichte giebt. Das jüdische Herz ist das Ergebniß der jüdischen Geschichte. Sa:

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