Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228406--56874-3293211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
470 Hallelujah!" Und and) von der Thora heißt es: „Nicht im Himmel ist sie, sondern hier auf Erden." Wie man die Fest- Hütte nach der Vorschrift mit allerlei Zierrath ausschmücken sollte, so muß man auch das Leben mit allem Guten und Schönen bekränzen. Ist die Erde der Weg, der 311111 Himmel führt, so soll mall auch des Weges sich freuen, auf der Reise heiter und fröhlich bleiben, die unschuldigen Freuden genießen, an allem Anmuthigen und Lieblichen, das die Erde darbietet, sich laben und erquicken. Um aber über dem Weg das Ziel nicht zu vergessen, lebe man mit einem unschuldigen Sinn und mit reinem Gewissen. Auch unsere Vorväter mußten erst in Hütten wohnen, ehe sie in das gelobte Land einzogen. Während unserer Lebensreise schwebe die Heimath uns beständig vor Augen; nicht dicht und trübe bewölkt von irdischen Begierden sei der Lebenshinunel, sondern wie in der Festhütte, so muß auch im Leben das Aetherblau und die Reinheit des Himmels stets sichtbar bleiben. So ist das Laubhüttenfest zugleich ein Siegesfest der Tugend. Wie em alter Lehrer im Midrasch sinnig bemerkt, ist es der erste sündenfreie Tag, an dem Israel mit der hochgeschwungener! Siegespalme triumphireud aus beiu Gottesgericht hervorgiug. Mit der Palme der Unschuld konnte es alle bösen Geister verdrängen, alles Leid und Uebel abwehren, das auf es einstürmte. Menschen, welche die Heimath vergessen, die nur au die Fremde, nie an die Reise denken, die gehen auch zu weit in ihrem Genüsse, zu lueit in ihren Anforderungen an das Leben. Sie sind unersättlick) in ihrem Durst nach Freude und Vergnügen. Mall genieße, lvas die Natllr und das Leben uns beschiedem lind fordere nicht mehr und nicht alles, was die Erde nicht geben kaull. Uni aber auch das höchste Erdenziel nicht zu vergessell, reise man mit eillem friedfertigen Geiste und mit verträglichen! Sinn. Israel wohnte in Hütten des Friedens; Einigkeit und Eintracht herrschte in den Reihen der Gotterlösteu. Hier erblicken wir eine Mahnung zürn Frieden und zur Eintracht, die nicht eindringlich genug gerade in unseren Tagen gelehrt werden kann. Wie einst Josef seinen Brüdern, so ruft ganz besonders auch uns die Schrift eindringlich zu: „Zürnet und entzweiet euch nicht auf dem Wege;" feindet euch nicht an und verfolgt euch nicht auf der Lebensreise; vereint euch auf dem schmalen Lebenswege, verbittert euch nicht den Lebensgenuß, sondern seid leutselig, nachsichtig als treue Reisegefährten, die ein Ziel und einen Weg haben. Ist das Leben eine Reise, lvandeln auch die Menschen wie fremde Gestalten an uns vorüber, ohne daß wir ihr Inneres erforschen, weil sie oft dunkel, lvie in Wolken gehüllt, an uns vorüber ziehen, so wollen wir doch als Brüder nur die bessere Seite an ihnen herausfinden, ihre Tugerlden und nicht ihre Fehler sehen. So soll Jeder von uns seines Weges ziehen. Dies gilt ganz besonders für uns als Israeliten. Wie die Laubhütte daran erinnern sollte, daß der Herr einst Israel auch in schwachen und luftigen Hütten geschützt, so soll sie uns eine Mahnung sein, daß dieser Schutz der Vorsehung Israel für alle Zeiten bestimmt bleibe, daß wir nicht wanken und nick)t verzagen dürfen, wenn uns Gefahren umdräuen, sondern daß wir unentwegt auf die Verheißung hoffen müssen, die der Prophetenspruch des Festes mit einer dichterischen Gewalt ohne Gleichen uns verkündet hat: „Und es geschiehet, am selbigen Tage wird kein Licht sein, sondern Schauere und Erstarrung. Und es wird ein einziger Tag sein. Er wird erkannt werden als der des Ewigen. Nicht Tag und nicht Nacht. Aber siehe, zur Zeit des Abends wird es Licht werden. Und es geschieht am selbigen Tage, da wird lebendiges Wasser fließen aus Jeruschalajim, die Hälfte in das östliche und die Hälfte in das westliche Meer; im Sommer und im Winter bleibt es. Und der Ewige wird König sein über die ganze Erde. Au diesem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig." In diesem Sinne lasset uns das Laubhüttenfest feiern! Me Woche. Berlin, 4. Oktober. s ist sicher von Interesse, zu hören, wie die christlichsoziale Partei von ihrem religiösen Standpunkt aus die Hetzereien der Antisemiten, speziell die des Grafell Pückter - Klein - Tschirne, benrtheilt. Das Stöcker sche „Volk" schreibt darüber: „Gegen den Grafen Pückler, Klein - Tschirne. ist, wie das „Volk" schon berichtet hat, von der Staatsanwaltschaft beim Berliner Landgericht I ernent Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhatz erhoben worden. Wohl alle Christlichsozialen werden dies Vorgehen der Staatsanwaltschaft billigen. Denn die Hetz- und Brandreden dieses Mannes lassen sich gewiß nicht mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe vereinigen und sind nur zu sehr geeignet, den gesunden Antisemitismus der Christlichsozialen, die sich gegen nichts als die Uebergriffe einer, das Christenthum mit Hohn und Spott begeifernden, jüdischen (richtiger unchristlicheil) Presse, sowie gegen die schädlichen Auswüchse aus geschäftlichem Gebiete richtet, in Mißkredit zu bringen. Nienlals richtet sich der Antisemitismus der Christlichsoziälen gegen die einzelne Person, niemals appellirt er an die Gewaltthätigkeit. Sv wenigstens sollte unser Antisemitismus beschaffen sein; nur so ist er mit unserer christlichen Religion in Einklang zu bringen. Vom Pncklerschen Antisemitismus muß man sagen, daß er direkt allem Christenthum zuwider ist. Auch müssen wir, wenn wir ehrlich sind, zugeben, daß auf beideil oben genannten Gebieten, dem der Presse und des Geschäfts, auch viele schlechte Christen sündigen, wir also richtiger von „unchristlichen" Zeitungsschreibern und von „unchristlichem Geschäftsgebahren" sprechen müßten. Es kann und soll aber auch nicht geleugnet werden, daß es in der Presse wesentlich die Juden sind, die einen so unheilvollen Einfluß ausüben. Gleichwohl können wir denjenigen Zeilnngsstimmen nicht Recht geben, die sich leicht über Pücklers Agitationen hinwegsehen und ihn als nicht ernst zu nehmenden „llärrischen Kauz" hinzustellen belieben. Es geht doch nicht an, daß dieser Mann mit dem vornehmen Namen fort und fort Hunderte voll Zuhörern in Aufregung und Leidenschaft versetzt und zu offener Gewaltthat gegen die Juden aufreizt. Wir Christlichsozialen müssen dergleichen aufs Entschiedenste gerade so mißbilligen, wie wir die Hetz- und Brandreden anderer Parteiagitatoren verfolgt wissen wollen. Irr England mag mall alle nlöglichen „närrischen Käuze" reden lassen, was sie wollen. Wir m Deutschland wollen Ordnung und Gesetz imb ferne Unordnung und Gesetzlosigkeit." Dieselben Christlich-Sozialen stehen aber trotzdem auf dern freundschaftlichsten Fuße mit der Partei, welche von Hetz- und Brandreden lebt. * Der Monat Oktober wird eine ganze Anzahl von Prozessen bringen, die alle mit der Konitzer Affäre in Zusammenhang stehen. Eröffnet wird der Reigen durch die Verhandlung gegen den Präparanden Speisiger wegen Meineids am Freitag und Sonnabend nächster Woche vor der Strafkammer in Könitz. Es sind gegen vierzig Zeugenvorladungen ergangen. Die Verhandlung wird wahrscheinlich zwei Tage dauern. Ende Oktober wird dann gegen Masloff, Frau Roß, Frau Masloff und Frau Berg wegen Meineids vor dem Konitzer Schwurgericht ver-