Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Ar. 40. Allgemeine Berlin, 5. Oktober 1900. eitung des Zudenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nadbiner 21*. Ludwig PHMppson-Konr» Verlags-Expedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenlhums", Berlin SW-, Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Inlsktlt. Leitartikel: Zum Laubhüttenfeste. — Die Woche. — Wie soll das jüdische Herz in unserer Zeit sich bewähren? Von Dr. B. Zi e m lich. — Moderne Wohlfahrtsbestreb nugen. Von Dr. Eugen Holländer. — Noch etwas über die jüdische Frauenfrage. Von Elise Elvsser — Aus dem amerikanischen Israel. I. Von Prof. Dr. G. Deutsch. Buren und Juden. — Feuilleton: Die Rettung. I. Eitle Hamburger Auswanderergeschichte von Paula Fab er. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Stargard i. P., Aus der Provinz Posen, Dessau, Hamburg, München, Wien, Budapest, Petersburg. — Bon Nay und Fern. Zum Faubhüttenfeste. Berlin, 4. Oktober 1900. k§^tj^7ail braucht gerade kein blinder Schwärmer für die Symbolik zu feilt, um in der Laubhütte und nu dem Feststraus; das zu finden, was Goethe als das Höchste in der Kunst preist: Symbolik mit sinnlicher Darstellung. Es ist deshalb begreiflich, daß unsere Alten in der sinnigen Deutung dieser Bräuche ihren Scharfsinn und ihren Geist vielfach geübt haben. Aber es ist mehr als bedauerlich, daß gerade diese Bräuche nur wenig noch geübt werden. Die Nächstliegende Anwendung der biblischen Vorschrift: „In Hütten sollt ihr ivohnen sieben Tage lang" ist natürlich im Talmud wie im Midrasch die auf die Lebensreise des Menschen überhaupt. Das Hüttenfest sollte an die Reisen und Wanderungen unserer Bäter in der Wüste, an ihren Zug in die Fremde erinnern und jeder Generation ein treues Bild ihres Lebens vor die Seele führen. Wenn sie das bequeme Haus verließen, die geräumige Wohnung mieden und in die offene, freie Laubhütte einzogen, dann drängte sich denAltvordernunwillkürlich der Gedanke auf, daß das Leben eine Reise sei und eine Pilgerfahrt, daß die Menschen, wie der Psalmist sagt, nur Fremdlinge und Gäste sind hier auf Erden, daß ihr Leben auch dem Nomadenleben der Väter glich, das unstät und flüchtig war aus Erden. Die Lebensjahre erschienen ihnen als die Strecke, die sie zurückgelegt hatten, die Sabbathe und Festtage als die Ruhepunkte auf dieser Lebensreise. Kaum hatten sie am Neujahrs- und Versöhnungstage ein wenig ansgeruht von den Mühen und Beschwerden der Wanderung und ein wenig vorwärts geschaut auf den zurückgelegteu oder auf den noch zurückzulegenden Weg, da waren sie schon wieder reisefertig, da befanden sie sich schon wieder auf der Wanderung und zogen in luftige Zelte ein, um anzudeuten, daß sie unter dem Schutz und Schirm Gottes ihre Reise muthig fortzusetzen gedachten, bis sie das Ziel erreichten, das ihnen Gesetz und Glaube vorgeschrieben. Doch nicht nur ein Bild des zeitigen, flüchtigen Erdenlebens, sondern auch ein solches des ewigen und unvergängliche» Lebens sollte die Festhütte gewähren. Schon die Kürze, die Nichtigkeit und Hinfälligkeit des irdischen Lebens lies; ja mit Recht ei» besseres erhoffen. So war die Laubhütte auch ein Symbol der Unsterblichkeit und als solches wird sie in vielen poetischen und kühnen Bildern der Alten vorgeführt, als ein Bild von der Zukunft der Menschheit, in der einst alle Nölker, in „einem Zelt des Friedens" vereinigt, zusammenleben werden. Sv zeigte ihnen die Laubhütte die Schatten-, aber auch die Lichtseiten des Lebens. Sie gewährte ihnen eine wehmütige und zugleich auch frohe Stirnmung, sie erweckte in ihnen ernste und auch heitere Gefühle, sie lehrte sie vor allem vernünftiges Maß im Genuß und auch in den Freuden des Lebens. Wir meine», das; etwas von dieser Symbolik auch für unser eigenes modernes Leben wohl anwendbar wäre. Wie viel Unangenehmes ui;d Unbequemes die Lebeusreise auch haben mag, wenn man es auf dem Wege nicht so gut haben kann wie zn Hause und man sich da so manches gefallen lassen muß, wenn wir auf der Lebensreise mehr Leiden als Freuden, mehr Schatten als Licht finden, so wölbt sich doch auch über uns der Himmel mit seinen Sternen, und die Lichtstrahlen des Trostes durchdringen auch für uns die Nebel des Leids, die Wolken des Mißgeschicks; auch unser harrt ein höheres Loos, ein glücklicheres Ziel, auch uns winkt die Heimath einer höheren Bestimmung, und gerade diese Mahnungen des Laubhüttenfestes sind von hoher Bedeutung und müssen eine«; tiefen Eindruck auf jedes empfängliche Gemüth ausüben. Das Festzelt erhebt sich unter freiem Himmel. Es sollten Himmel und Erde für die Gläubigen ihre himmlischen und irdischen Freuden schaffen. Die Erinnerung a» dieses Gebot aber soll auch uns mahnen, über der Heinmth die Fremde, über der Fremde die Heimath nicht zn vergessen, über dem Ziel den Weg und über dem Weg im Gedränge des Lebens das Ziel nicht zu übersehen. Wir sollen darin eine Anleitung finden, wie wir reisen, oder besser: wie wir leben sollen. Um über dem Ziel ben Weg nicht zu vergessen, reise man mit einem heiteren, für die Freuden des Lebens empfänglichen Sinne. Die Vorschrift der Alter; ivar, man rnüsse in der Laubhütte so ivohnen, als wäre sie das eigene Wohnhaus. Es ist ein Vorzug unserer Religion, daß sie dem Menschen das Leben auf Erden als seine eigentliche Heimath auweist, „Die Himmel sind Gottes Himmel, aber die Erde gab er den Menschen. Nicht die Todten loben Gott und nicht die in Grabes Stille sinken, wir aber loben Gott von nun an bis in Ewigkeit,