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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 468 (sequence 14)
Language
German
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468 Kalverstraat geht es gerade so lebhaft zu wie iu der Leipzigerstraße, so daß viele Fremde wohl kaum die Muße haben, jenes Haus zu betrachten, welches die Vortheile der Gastwirthschaft mit denen der Gottesfurcht in so sinniger Weise verbindet. Es ist nämlich ein Hotel, welches als Schild über seiner Thür eine offene Bibel mit Goldschnitt führt, auf der geschrieben steht: „Table d'liote a 41/2 heures . . Auch hier sind es vor allem die Erinnerungen an Spinoza, die uns lebhaft erfüllen, da er ja seine letzten Lebensjahre hier zugebracht hat. Aber man sollte es kaum glauben: von zehn Einheimischen, die wir nach dem Denkmal Spinozas fragten, wußte auch nicht ein einziger bestimmte Auskunft zu geben. Jeder Einzelne begann zwar seine Antwort mit einem gedehnten Ausruf der Bewunderung: „Ooooh Spinvsa!" aber einen Bescheid wußte Keiner zu geben. Endlich gelangten wir mit Hilfe unseres Büdeker auf die „Gedempte Gracht", wo das Bronzestandbild des unsterblichen Denkers, von dem französischen Bildhauer F.Hexamer geschaffen, sich erhebt. Spinoza ist sitzend dargestellt, mit der Hand die Wange stützend. Berthold Auerbach hatte die bedeutungsvolle Geste vorgeschlagen: den Zeigefinger an die Wange gelehnt. Jeder, der einmal alte Talmudisten bei ihrem Studium beobachtet hat, wird das verstehen. Das Denkmal macht einen sehr würdigen Eindruck. Es ist ungefähr gegenüber der Straße (Paveljoens Gracht), wo Spinoza in dem Hause Nr. 82 sieben Jahre lang, bis zu seinein Tode, eine kleine Giebelstube inne hatte. Gegenüber befindet sich eine Altersversorgungsanstalt für protestantische Witwen mit dem Wappen vom Haag: ein Storch mit einem Aal im Schnabel. Der Zusammenhang ist schwer zu errathen. Aber alles ist hier so ruhig und friedlich, so nett und sauber, so anheimelnd und hübsch, daß man sich wohl denken kann, hier habe der große Denker, inmitten der baumbegrenzten Straße, jene Ruhe gefunden, die er so oft im Leben vergeblich gesucht. Hier erkannte er. une Auerbach, der das Haus zuerst festgestellt hat, sagt, die Gesetze der Weltordnung, hier hat er das „Sonnensystem des Denkens" geklärt und gefügt, daß alles einander hält und trügt, allziehend und abstoßelld, und daß nichts abirreu, abbrechen, sich ablösen könne. In der Nähe von Spinozas letzter Heimstätte befindet sich ailch sein Grab in der „Nieuwe Iverk“, einer einfachen Kirche mit Holzgewölbe, neben der Brüdern De Witt, die ihm im Leben so freundlich beigestanden. Der Küster weiß keine nähere Allskunft; er zeigt nur auf den Steill, der keine Jlrschrift hat. Ich weiß nicht, warum Auerbach sagt, daß es ein „Leihgrab" sei, aber ich kann mir denken, daß man damals Spinoza hier Nllr eine Ruhestätte geliehen hat, weil seine eigellell Glaubensgenossen iu ihrer Erbitterung gegen den Ketzer vielleicht unduldsam genug gewesell wären, ihm ein würdiges Grab 31t verweigern. Nun schläft er hier, der Jude Gebliebene, in der stillen Kirche. Ich muß noch einmal Auerbach citiren, der sehr richtig sagt: „Es ist auch nicht nöthig, seine Gebeine 31t finden." Mit dieser Erkenntniß scheiden wir von dem großen Philosophen, beu wir von der Wiege bis zum Grabe geleitet haben. Und damit hat auch mein „Hollandgang" seill natürliches Ende erreicht. G. K. J1 eil all. (P’ssach lonu scliaar.) Von Henriette H i r s ch b e r g. err, öffne uils das Thor! der Schatten steigt! Die Dämmerung zieht herauf — der Tag sich neigt! Schon wollen sich des Lichtes Thore schließen; Schon färbt sich roth der Sonne Strahlenflor — O, sieh uns dernuthsvoll zu beiuen Füßen: Der Tag sich neigt, — Herr, öffne uns das Thor! Es wendet sich der Tag. die Sonne kehrt Ihr Antlitz ab von unS — wir stehlt beschwert, Bedrückt, im Dunkel unsrer Sünden Fülle — Schau her, 0 Herr, aus lichter Gnadenhülle! Und richte wieder unser Haupt empor: Die Sonne sinkt — Herr, öffne uns das Thor! O Gott vergieb! Barmherziger verzeih! Ein milder Richter beiuen Kindern sei! O, walt' in Huld, mit gütigem Erbarmen, Tilg' unsre Schuld, entsühne beine Armen! Der Tag entschwindet und die Nacht tritt vor: Herr, öffne! laß uns eingehn in betn Thor! Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! ÖSn Nummer 34 berichtet Herr Rabbiner Dr. Kisch über „das Meiselbanner in Prag", dessen Inschrift n. a. ein Citat nach Exodus Kapitel 28 enthält. Sein Erklärungsversuch wäre jedoch nur bauu gerechtfertigt, wenn das Banner in dem heraldisch ausgeführten Wappen Davids mit Helm und Schild zugleich eine Abbildung des hohenpriesterlichen Brustschildes mit den zwölf Steinen enthielte. In der That aber steht dieses Citat mit dem aus Numeri Kap. 2 als Umschrift folgenden in engem Zusammenhänge. Denn in Midrasch rabbah Numeri 2 7 lesen wir: Jeder Stammessürst hatte sein Feldzeichen. Die Farbe der Fahne stimmte mit dem Kolorit jenes Edelstein's in, Brnstschilde Ahrons überein, in welchem der Name des betreffenden Stanunes eingravirt war. Diese Einrichtung (der Banner) fand bei der weltlichen Herrschaft Nachahmung. Der erste Stein, Odem, trllg den Namen Rubens, dessen Fahne war deshalb roth, als Wappenschild dienten (nach Gen. XXX, 14) Alraunen. Sirnow hatte, entsprechend dem Steine Pitheda. eine grüne Fahne. dasEmblem zeigte die Stadt Sichern. Bareketh enthielt den Namen Levi, dessen Trikolore (weiß, schwarz, roth) eine Abbildung der Urim und Thumim enthielt rc. Zn dem Wappenschilde Davids mit den Losurrgsworten Kadosch und Schemah bilden diese durch die Tradition in Verbindung gebrachten Bibelstellen einen recht passenden Nahmen. Gelegentlich sei noch bemerkt, daß der Bericht R. Manasfe ben Israels, Kaiser Matthias hätte Mardochai Meisel ein Wappen verliehen, allenfalls eine irrthümliche Angabe enthält. Denn Mardochai Meisel ist im Jahre 1601 während der Regrerungszeit Kaiser Rudolfs gestorben. Kaiser Matthias hingegen trat erst im Jahre 1611 seine Negierung an. Holleschau, 26. August 1900. Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Freimann. Ärieskajtrn der Ke-aktivu. L. in (Somit: Kantoren und Schächter sind nicht alters- und invaliditätspflichtig. Im günstigen Sinne lautende Entscheidungen sind abgedruckt im Statistischen Jahrbuch 1897 S. XXIII—XXV (König!. Negierung zu Bromberg) und im Jahrbuch 1899 S. 207,205 von seiten des Magistrats in Schneidemühl. — Ueber die Leistungen der verschiedenen Privat-Unfall-Versicherungsanstalten steht uns kein Urtheil zu. Besondere Privilegien für jüdische Kultusbeamte, wie sie die „Viktoria", die übrigens auch diese Unfalls-Branche führt, bei Lebensversicherungen der Kultusbeamten hat, dürften schwerlich bei einer Gesellschaft vorgesehen sein. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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