Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- Seite 467 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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467 Uon -er Ueise. VI. Amsterdam, im August. Q ^ich durchschauerte es, so oft ich an dem Hause vory überging, in dem Spinoza geboren wurde. Es befindet sich auf dem Waterlooplein 41 und ist ein Haus wie alle anderen, aber man wird es noch nach Jahrhunderten zeigen, auch wenn bis dahin noch immer keine Tafel an dem Hause angebracht sein sollte, die den Fremden, welche man hier anstaunt, wenn sie sich die Häuser betrachten, ankündigen wird, wer hier gelebt und gelittell. Es scheint wirklich, als ob die Holländer nur Sinn und Verständnis hätten für Tafeln wie „Blookers Kakao" und ähnliche nützliche Institutionen. Man begreift Spinoza erst recht, lvenn man das Terrain kennen lernt, auf dem er gelebt hat. Das Haus befindet sich in unmittelbarer Nähe des Judenviertels und der portugiesischen Synagoge. Ich erinnere mich, daß mir Berthold Auerbach einmal gesagt hat, er würde, wenn er das Amsterdamer Judenviertel früher gekannt hätte, seinen Roman „Spinoza" ganz anders geschrieben und jene Männer, die sich damals solche Verirrungerr zu Schulden kommen ließen, doch milder beurtheilt haben. Spinoza sagt ja selber, die Dinge begreifen, heißt alle Störungen und Abirrungen und alle Gewaltsamkeiten verzeihen. „Diese Mällner, die also fehlten in der Vergangenheit und die nach den Protokollbüchern am Tage arbeiteten und m der Nacht wachten zum Heil ihrer Religion und deren Mitbekenner, die kolluten es llicht gelassen hingehen lassen, daß ein Mann durch philosophische Untersuchungen alle ihre Hnlgebmlg als Vergeudung an ein Phantom darstellte; sie nmßten den Ketzer verfolgen". So schrieb Auerbach an seinen Vetter, nachdem er das Amsterdamer Judenviertel kennen gelernt hatte. Seille Briefe aus jener Zeit sind überhaupt sehr lesenswerth, und ich rvüßte wahrhaftig nicht, was ich eigentlich noch hinzuzufügell hätte, da sich seit jenen Tagen wellig verälldert hat. Noch steht das Gemeindehaus, lloch befinden sich dort die beiden zusammellgeklebten Blätter, von denen das Eine den großen Bann über Spinoza, und das Andere den Beschluß der Vorsteher enthalt, daß diese Blätter auf ewig verklebt bleiben sollen; noch hällgen im Gemeindehause die charakteristischeil Bilder des lvenig bekannten, aber sehr bedeutendell Malers Brandom, voll denen das eine eine Predigt, das andere ein Examen, das dritte die Einweihung der jüdischen Synagoge darstellt. Auch das Wappen der Gemeinde ist dort zll sehen: Ein Pelikan, der sich die Brust aufreißt und drei Junge nährt, und nlcht zu vergessen, das Bild voll Manasse ben Israel, nach Rembrandt „eine wahrhaft ritterliche Gestalt mit Schnurrbart ulld Spitzbart wie Gustav Adolf". In der Synagoge werden noch immer dieselben Kostbarkeiten gezeigt: das höchst werthvolle Waschbecken für die Kohanim, ein seltenes Kunstwerk der Amsterdanler Goldschmiedearbeit von Abraham und Sarah de Herera gespendet, merkwürdige Becher, alte Thorarollen u. s. w. Den alten Friedhof in Ouderkerk hat der frühere Sekretär der portugiesischen Gemeinde David de Castro in einem prachtvoll ausgestatteten Werke der allgemeinen Kenntniß erschlossen. Es erübrigt sich also auch eine Schilderung der Stätte, wo nebell den Elterrr Spinozas auch noch viele bedeutende und gelehrte Männer die ewige Ruhe gefunden haben. Aber ich kann es mir doch nicht versagen, ein Wort Auerbachs aus seinen Briefen anzuführen, welches meine obige Aussage bestätigt: „Ich muß es noch einmal sagen, ich habe den portugiesischen Inden nicht sehr viel Recht in meinem „Spinoza" angedeihen lassen. Freilich, ich hatte damals noch nicht die Kraft dazu und auch nicht die reine Einsicht. Es steckte zu viel Aufklärungstrieb in mir, sonst hätte ich Spinoza eitlen wirklich glaubensvollen Mann, etwa einen Manasse bell Israel, der ihm intellektuell ebellbürtig, wenn auch nicht kollgenial, mit gleicher Kraft imd gleichem Gewicht entgegenhalten müssen. Und es wäre ailch das Höhere, die Philosophie nicht allein Sieger werden zu lasseil, sondern jede Macht behauptet sich in ihrem Lager und auf ihrem Kampfgebiete." In der That kann man nicht oft genug darauf aufmerksam machen, welche Bedeutullg die persönlichen Mißgeschicke Spinoza's auf seine philosophische Entwickelung gehabt haben. Ihn bildete ilicht nur die Schule, soildern auch das Leben, und das unterscheidet ihn von den meisten Philosophen. Der in ben Wolken der Philosophie thronende Weltforscher tritt uns mellschlich bedeutend näher, wenn wir in dem nenell Buche voll Professor Freildenthal lesen, daß er am Sabbath Chanilkah 1655, 6 plueas in der Synagoge „geschnodert" hat und, da die Quittung darüber nicht beigenlerkt, lvahrscheinlich schuldig geblieben ist. Das hat also Spinoza gemeinsam mit meinem Freunde Schimme Grünblatt, dessen sich vielleicht die geneigten Leser ans frühereil Jahren noch erinnern, und der eine Tempelspende ebenfalls nicht bezahlell wollte, ja bis auf ben heutigen Tag nicht bezahlt hat, weil er behauptet, der Koreh hätte in seinerBosheit die doppelte Summe genannt, als die er zu spenden beabsichtigte. Aber vielleicht thue ich meillenl alten Freunde Unrecht, derrn er ist auch eine Art Philosoph, wie schon seine beidell Lebensmottos: „Dafke nicht" und „Laß bleiben" deutlich beweisen. Wie komme ich nun aber von Schimme Grünblatt auf Spinoza und voll Loschitz nach Amsterdam? Ich gehe, nach' dem ich mich müde gewalldert, nach dem ersten jüdischell Restaurant, und siehe, die Dame des Hauses, die auf meine Frage: „Bekomme ich hier noch was zu essen," bereitwillig antwortet: „Zeker, mini]er,“ und die mir alsbald ..^elnacken nmdvleescli mit aardappelen“ bringt, hat eine geradezu frappante Aehnlichkeit mit Madame Nuchele, die in Loschitz desselben Allltes treulich waltete, wo hingegen sich Beide von Heines Schnapperelle, die ja auch für die Stadt Amsterdam schwärmt lind dem Rabbi von Bacharach von den seltsamen Abellteuerll, die sie da erlebt, viel zu erzählen weiß, durch den körperlichen Umfallg wesentlich unterscheiden. Ich kann mir auch llicht denken, daß Nuchele für einen solchen Windhulld wie den Nasenstern geschwärmt hätte. Nur die falsche Vornehmthuerei und echte Herzensgüte, die Weitläufigkeit und die Klugheit hatten sie Beide gemein, rmd Schimme Grünblatt hatte garlz recht, wenn er die Loschitzer Schnapperelle ein „Asess Pönemel“ nannte. Nun ist die illnere Einheit zwischen Loschitz und Amsterdam wieder hergestellt; den Zusammenhang Spinozas mit Schimme Grünblatt habe ich bereits eben erörtert, lind so kann ich denn von der schönell und alten Stadt, die für uns so viele Erinnerungen bietet, scheiden, um noch einmal nach dem Haag zurückzukehrell, von dem ich nicht begreife, wie man diese wllndervolle, breite, große und schöne Stadt still und langweilig hat nennen können. Auf der