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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 466 (sequence 12)
Language
German
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466 antwortete, so oft und so lange vom Hause wegblieb. Aber die Rache wird nicht ausbleiben; wenn seine Militärzeit kommen wird, dann wird auch nicht eine Kopeke bereit sein, um ihn auszukaufen. Mag er nur dienen, mag er Trübsal leiden, um seine Seele zu reinigen. Aber ihre Perle, ihren thenern, geliebten Mendel, den mußten sie behalten. „Hab' gut Acht darauf," sagte der alte Simon zu seinem ältesten Sohne, als er ihm spät am Abend das Packet Banknoten einhändigte. „Du kannst Dich darauf verlassen," erwiederte Mendel lachend. Dann ging er in sein Zimmer und verwahrte das Geld sorgfältig an dem sichersten Platze, den er finden konnte, unter seinem Kopfkissen. Gleich darauf ging er zu Bett, denn er mußte am folgenden Morgen früh aufstehen. Auf dem Tische brannte - ohne Leuchter — ein Kerzenendcheu; es war so klein, daß es nicht wieder benutzt werden konnte. Es wäre aber schade gewesen, es nicht zu benutzen, so lange es brannte, er konnte sehr gut noch ein Kapitel Gemarah dabei lernen. Er holte also das Buch herbei und ging an die Arbeit, es war eine leichte Stelle, die ihn nicht sehr austrengte. Vielleicht wurde er darum so schläfrig, nein, das Kapitel wollte er doch noch beenden. Die Augen fielen ihm zu, im nächsten Augenblick öffnete er sie wieder. Dann hielt er sie etwas länger geschlossen — noch länger — er war ein* geschlafen. Aber das Kerzenendchen war wach. Nach und nach senkte sich der Docht fast auf die Tischplatte hinab und keuchte und erstickte fast, denn sein Lebenselement, der Talg, war zerschmolzen. Ein wenig davon hatte das Holz aufgesaugt, der brennende Docht folgte der Spur, verschlang es und streckte in dem verzweifelten Verlangen nach mehr seine Zunge aus, die immer länger und länger wurde. Gierig leckte die Flamme an dem wurmstichigen Holze, kroch weiter und immer weiter, bis sie nicht mehr zu ersticken war — dann erhob sie sich plötzlich wie die Fahne des Siegers über der eingenommenen Festung. Mendel schlief weiter; plötzlich kitzelte ihn etwas in der Kehle, und er empfand gleichzeitig einen scharfen Schmerz auf der Wange. Er sprang auf, aber sein Schreckensruf wurde von dem dichten Rauche erstickt. Wo war die Thür? Gott sei Dank, er hatte die Klinke in der Hand und stieß die Thüre auf, gerade als die tanzenden Feuerkobolde triumphirend auf sein Lager sprangen. „Vater, Mutter, es brennt, rettet Euch!" schrie er, so laut er konnte, als er in ihr Zinrmer stürzte. Eine Minute später stand Mendel mit seinen Eltern aus der Straße — eben loderten die Flammen prasselnd zum Dache hervor. Es war nicht nöthig gewesen, Jonas zu wecken, der schlief die Nacht nicht im Etternhause. „Hast Tu das Geld?" fragte Simon plötzlich mit keuchender Stimme. Mendels Kniee schlotterten. „Allmächtiger Gott! Ich Hab' es vergessen — es war unter meinem Kopfkissen!" * * * Jonas hatte die Nacht auf einem Bund Stroh in einer Scheune außerhalb des Dorfes zugebracht, und so hatte er keine Ahnung von dem Unglück, das seinem Elternhause widerfahren war. Erst als er am Morgen die geschwärzten Balken erblickte, erfuhr er, was geschehen war. Er kam näher; der untere Theil des Hauses war Dank der raschen und wackeren j Hilfe der Nachbarn verschont geblieben. Ein Wagen stand vor dem Thore, und eine seltsame Szene spielte sich daneben ab. Mendel umarmte seine Mutter, der Vater stand mit thränen-; überströmtem Gesicht dabei und rang die Hände, etwas abseits! Frhda, starr wie eine Statue, das Gesicht verstört und schmerzlich ' verzerrt. j „Das Geld war oben und ist mit verbrannt," hörte Jonas einen der Umstehenden sagen, „heute um zwölf Uhr muß es erlegt werden, sonst muß er einrücken. Vierhundert Rubel! Wo soll mau in vier Stunden vierhundert Rubel hernehmen?" Eine dämonische Freude durchzuckte Jonas. Nun begriff er, warum man ihn gestern aufgefordert hatte, diese Nacht außerhalb des elterlichen Hauses zu schlafen; da so viel Geld im Hause war, fürchteten sie — soweit war es also schon mit ihm gekonnuen, das konnten sie von ihm denken! Warum sollte er sich also nicht freuen? War nicht Gott auf seiner Seite? Nun war der Moment gekommen, wo er sich rächen, wo er sich in seinem Hasse weiden, sich mästelt wollte an dem Herzblut, das hier in Strömen floß. Begierig drängte er sich vor. Mendel hatte bereits von seinen Eltern Abschied genommen und sich zu Frhda gewendet. Neugierig horchte Jollas, was sie wohl sagen würde. Sie sprach kein Wort, sie blickte Mendel an, daun kam ein tiefes Schluchzen aus ihrer Brust hervor. Als Jonas dies hörte, wunderte er sich über sich selbst; ihr Weinen hätte in seinen Ohren doch süße Musik sein sollen, statt dessen empfand er einen so heftigen Schmerz in seinem Innern, als ob Jemand unbarmherzig an seinem Herze risse. „Mendel, ich gehe an Deiner Stelle hin," sagte er, indem er ganz nahe an seinen Bruder herantrat. Der sah ihn wie betäubt an, und Jonas fuhr leise fort: „Ich denke mir, daß ich so ein Scherflein zur Ehre Gottes beitrage." Im nüchsteu Augenblick saß er im Wagen, schob sanft den Kutscher zur Seite und trieb die Pferde zum Galopp an. Er wollte fort sein, bevor Frhda ihm danken konnte. Aber sie dankte ihm dennoch. Am folgenden Morgen marschirten die Rekruten die Landstraße außerhalb des Dorfes entlang. Die Dorfbewohner waren alle da, um sie abmarschiren zu sehen. Es war ein trauriger Anblick — die jungen Soldaten sahen aus wie Verbrecher, die zum Tode geführt werden. In der letzten Reihe befand sich Jonas; er war der Einzige, dessen Haltung verrieth, daß er zu seiner Zukunft Vertrauen hatte. Aber er sah gerade vor sich hin, er wußte, daß seine Eltern und Mendel da waren, und er wollte ihnen die Demüthigung ersparen. Plötzlich fühlte er zwei weiche Arme um seinen Hals und einen laugen, warmen Kuß auf seinen Lippen. „Zu Ehren Gottes!" flüsterte Frhda, die im nächsten Augenblick wieder in der Menge verschwunden war. „Zerreiß' einem doch nicht den Kopf mit Deinem Pfeifen," sagte Jonas'Nachbar, „es ist auch schon arideren Leuten passirt, daß ein hübsches Mädel sie geküßt hat!" Aber Jonas pfiff fröhlich weiter. M

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