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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 465 (sequence 11)
Language
German
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465 als Jude." Dennoch, sehen Sie, hat auch er die Solidarität gefühlt. In keinem Jahrhundert, auch der ersten Hälfte des Mittelalters, war dem Inden so wohl, daß ihm nicht um sein Dasein bange gewesen wäre; in der zweiten Hälfte aber wußte er, daß er seine Duldung nur durch Geld erkaufen könne. Aehnlich ist es bis heute. Solch kleine Gemeinde mit vielen Dürftigen und wenig Wohlhabenden nmßte eine Synagoge. einen Vorsänger, einen Shnagogendiener und einen Lehrer erhalten — und wer trägt die Kosten? Und zu allem das Almosen für die Armen! Wer unterstützt diese? Diese sollen sich am Sabbath und an den Festtagen freuen, wie die Neichen, sie sollen Ostern acht Tage Matze essen, wie die Reichen — die Religion will es, und wer zahlt? Ich glaube nur eine Thatsache auszudrücken, wenn ich sage: dem Juden ist das Geld eine religiöse Allgelegenheit lind in seiner Religion hat er seine Sittlichkeit. Dies zeigt Ihnen, wie schwer es ist, auf diejenigen Juden zu wirken, die uns nickt gefallen. Was Sie „fremdländische Bräuche, Sitten und Gewohnheiten" nennen, ist ihnen Religion; und fragt man nach der Weise ihres Erwerbes, so alltworten sie: wie sollen wir denn unsere Gemeinde-Beiträge zahlen zu allen Stenern für die Stadt und den Staat? Und daß die Vorwürfe, die ihnen betreffs ihrer Handlungsweise genlacht werden, übertrieben sind, steht fest. Das ist aber alles nicht so gemeint, als könnten wir nichts tun. Und wir tun auch, und tun nicht ohne Erfolg. Durch Schule, Predigt und Vorträge über Geschichte des Judentums werden die religiösen Begriffe geläutert; durch Erziehung wird die Sittlichkeit gestärkt; und lallgsani werden die Knaben und Jünglinge zum Handwerk ulid zunl Ackerbau übergeführt. Das alles ist aber llickt im Hand-Umdrehen geschehen. Es halldelt sich um einen lallgsamen Proceß unter vielen widrigen Uurständen. Der Alltisemitisnuis aber bildet dabei eilte entschiedene Hemmung. Lassen Sie uns also zusammen ruhig weiter arbeiten. Die Erde bewegt sich doch! Von der Nacht zum Tage! Ihr getreuer Frenild S t e in t h al. Der dritte Brief ist nicht voll Steinthal, sondern an ihn gerichtet und zwar voll keinem Geringeren als voll dem berühmten altkatholischen Gelehrteir Ignatz v. Döllinger. Als dessen akadenlierede über die Jllden im Mittelalter erschienen war, hatte ihm Steillthal dafür gedankt. Die Alltwort Döllingers lautete nun folgendermaßen: Hochgeehrter Herr Professor! Ihr Brief gelangte in Folge meines Wegganges von München verspätet in meine Hände, itnö Sie werden daher auch gütig entschuldigen, daß ich jetzt erst aus Ihre freundlichen Zeilen antworte. Inzwischen werden Sie wohl die vollständige Rede in der „Augsb. Mg. Ztg." gelesen haben. Es würde mich sehr erfreuen, wenn sie Ihnen den Eindruck hinterlassen hätte, daß nur das reine Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit und das Bedürfniß, vielfachen Geschichtssälschungen entgegenzutreten, sie eillgegeben habe; daß ich auch die Schattenseite in beu gegenwärtigen Zuständen berührte, war unvermeidlich. Ich habe es mit schonender Hand gethan. Wie oft hat sich mir dabei der sehnsüchtige Wullsch aufgedräugt: Möchten doch die besten Männer von beiden Nationalitäten zusammentreten zu gemeinschaftlicher Berathung: wie wohl ein besseres, gesunderes, weniger gefährliches Verhältuiß zwischen dem christlichen und israelitischen Beslandtheil der Landbevölkerung herbeizuführen sei. Mit aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebenster I. v. D ö l l i n g e r. Dieser Brief ist zweifellos von großem Interesse, wenn auch der darin geurachte Vorschlag kaum den gewünschten Erfolg haben lvürde. Einige andere sehr werthvolle Aufsätze aus dem Nachlasse des unvergeßlichen Steinthal werden wir in den nächsten Nummern zum Abdruck bringell. Luiri.tz'rou Inr Ghre Gottes. Von Samuel Gordon, London. II. ine Woche später stand Mendel des Morgens mit dem Wunsche auf, daß er den Tag, an dem er eilt wichtiges Geschäft verrichten mußte, scholl hinter sich hätte. Am Abeild zllvor hatte er nünllich vom Kriegsminister die freundliche Aufforderung erhalten, seinem Vaterlande zu dienen und sich zu dem Zwecke um zwölf Uhr in der Kaserne der Gouvernements- Hauptstadt einzufindell — es bedurfte einer dreistündigell Reise zu Wagen. Dort sollte das Loos entscheiden, ob er des Glückes theilhaftig werden würde, die Ulliform Seiner Majestät des Zaren für den Zeitrauni von vier Jahren tragen zu dürfen. Es war nur natürlich, daß Mendel ein wenig besorgt war, denn lvenrr er das rothe Loos zog anstatt des weißen, so würde es uöthig sein, dell Zufall durch Geldmittel zu korrigiren; allch feine Eltern waren deshalb besorgt. „Wenn er nicht lveiß zieht, so bedeutet das vierhundert Rubel," sagte sein Vater. „Gott behüte, Silllon," erwiederte die Mutter, „laß uns den Mund nicht zum Bösen aufthun." Ulld danll setzten sich die Beiden mit ihrem Psalinbuche hin und bewegtell sich in einem Paroxysmus von Frömmigkeit hin und her, während sie darin lasen. Auch Fryda kam hin und setzte sich zu ihllen und betete für ihren Verlobten. Als Jonas sie koulmen sah, entfernte er sich; Niemand hielt ihn zurück, derln Nienlaild Hütte auch nur einen Augenblick geglaubt, daß fein Beten den geringsten Erfolg haben könllte. Aber weder die Psalmen der Alten, noch das Flehen des juligen Mädchens halfen: als Mendel am Abend heimkam. konnten sie es an seinem Gesichte erkennen, daß er das rothe Los gezogen hatte. Der alte Simon war ein praktischer Mann; er zuckte die Achseln, dann fragte er: „Wann muß das Lösegeld bezahlt werden?" „Uebermorgen um Zwölf, sonst muß ich eiurücken," antwortete Mendel. „Gut," sagte der alte Manu. Am folgenden Morgen stand er früh auf und fuhr in die nächste Stadt, um von dem dortiger: Rabbiner das Geld zu holen, das für den Nothfall bei ihm deponirt worden war. Sie hatten drei Jahre gebraucht, um es zu ersparen: es klebte viel Schweiß daran. Aber es wurde nun in würdiger Weise verwendet: ein Kind wie Mendel verdiente alles; er hatte seinen Eltern mehr Ruhm und Ehre gebracht, als man für den zehnfachen Betrag hätte erwerben körrnen — es war ein Genuß, ihn: ein Opfer zu bringen. Wie verschieden er doch war vor: Jonas, von dem seine Eltern noch nicht eine Sekunde des Glückes gehabt hatten — von Jonas, dem Ruhestörer, dem Spieler, der, wie sein Vater erst vor ein oder zwei Tagen gehört, sich nun auch dem Trrrrrke ergeben hatte. Das war die Erklärung dafür, daß er so düster drein sah, so widerwillig

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