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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 464 (sequence 10)
Language
German
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464 zu Goethes und Schillers sublimer Ansicht von der ausschließlichen und reinen ästhetischen Wirkung der Form erheben kann, daß der Stoff auf mich den größten Theil der Wirkung übt. Personen und Ereignisse solleil mir gefallen; d. h. Personen, die mir gefallen, sollen ein entsprechendes Maß von Glück, voll Lohll bekommen; Personen, die mir mißfallen, sollen ein entsprechendes Maß von Strafe erleidell. Das werdell Sie sogar als berechtigte Forderung zngestehen; das Schlinime ist: ich habe mein Maß von Strafe, das ich zudictire, und dein der Dichter Nachkommen muß. wenn er mir genügeil soll. Nun sehen Sie: auf Ihrem Dorfe ist alles geslind. Da sind die Leute wie sie fiub; und sie sind durchweg achtbar, oder ailch nicht, das schadet nicht, das ist in Ordnung. Walpurga lmd Hansei werden durch den Hof auf diejenige Höhe intettectueller und sittlicher Bildung gebracht, die überhaupt zu erreichen ivar, und die nur bei ihrer felteuen Begabung erreicht werden konnte. Der geschlosseiiere Halisei übertrifft sogar noch die leichter erregte Walpnrga. Die Verschiedenheit des Geschlechts lind Temperaments haben Sie vortrefflich ins Spiel gesetzt, demgemäß Aufgaben liiid Leistlingeil richtig vertheilt, richtig ans den vorangehenden Anreglulgen in Zufammenwirkung mit den all diesen! Punkte gerade so weit gebildeten Charakteren entwickelt. Was jeder voll beidell thut, unterläßt, erleidet, ans dem Gebotellen ailfnimnlt ist alles genau abgewogen und fein schattirt. Also hier geben Sie ein gesundes Wachsthnm. Die Biene-Dorf hat aus der Blume-Hof den Hoilig gesogen und das Gift drin gelassen oder bald wieder ausgeschieden. Versuchungen 'und Siege. Dummheiten mld aufgehende Lichter, alles kommt unausbleiblich, lveil es einmal Menschen, Menschen auf dem Lande, gerade diese Menschen sind. Aber wie ist es am Hofe? Ich fühle wie die Königin und doch nicht mit ihr. Den Treubruch des Königs und Irmas fühle ich lvie sie. und Sie haben dieses Gefühl so kräftig geschildert, das; ich fast staunte, und doch hätte ich sie gescholten, wenn Sie es weniger kräftig dargestettt hätten. So ivie Sie die Königin sprechen lassen, so habe ich schon längst vorher gedacht, trotz der Zartheit, mit der Sie das Verhültuiß des Königs und Irmas erzählt haben. Für diese Zartheit danke ich Ihnen; Sie wollen mich schonen. Aber es hilft nichts; in mir enipört es sich. Ich fühle wie die Königin; aber dennoch nicht mit ihr. Denn ich habe den König nie geliebt und auch Irma nicht. Denn die Liebe der Königin zu Irma ist ja nur der Reflex oder der Zusatz ihrer Liebe zum König. Ich liebe beide nicht. Aber solche Menschen sind da (leider Gottes!), der Dichter hat sie darzustellen; aber züchtigen soll er sie niit schreckenerregender Geisel DU"H pK Das konnten Sie nicht. Sie wollten es, das merke ich; das muß. denke ich, jeder Leser rnerken; es kann keinem verständigen Leser entgehen. Aber das ist mir klar : h e u t e hat kein Dichter (und hätte er Shakespeares Genie) die Kraft, jene Schreckens-Geisel zu führen. Erst wenn die Geschichte jene Könige und Höfe weggeschwemint werden wird, das; man fragt, ivo ivaren sie? und ihre einstige Stätte nicht findet; erst wenn sie in das Reich der Schatten gesunken sein iverden, aus den; dürftige Kunde leise tönt: erst dann kann ein Dichter diesen Schatten ihr Bliit wieder geben, um es in poetischer Gerechtigkeit vor unfern Augen schauervoll und wonnevoll zu verspritzen. Sie-führen uns den König und Irma büßend vor und die Königin versöhnt sich mit beiden. Ich kann mich so nicht mit lhneli versöhnen. Irma büßt, leidet, es ist wahr; ich habe fyiJJEpfl wit ihr, aber kein Mitleid. Deurr in ihr steckt die alte Eva noch am Todestage, und sie stirbt blos au der Eva. Der König büßt kaum, und die Selbstüberhebung hat ihn nicht verlassen. Wie könnte denn auch ein Dichter heute einen König von dem Gefühl seines Nichts durchbohrt darstellen? Wie soll man Irma klar machen, daß sogar iru Kloster noch mehr vorgeht als am Hofe? Wer nicht über die Schrecken Gottes verfügt, kann hier ilicht das rechte Ende niachen. Ich gestehe Ihnen aber zll, daß Sie alles geleistet haben, was unser Heute gestattet. Was die Geschichte der Gegenwart bietet, haben Sie benutzt Ihr König lvird schließlich der beste König, der heute regiert, und das hat das Land der Selbstaufopferung Irmas zu verdanken. Es findet eine Entwicklung der Charaktere statt, und die Entwicklung ist psychologisch folgerecht. Vor unfern Augen gestalten sich Menschen um. Kurz, geehrter Freund, ich könnte Sie noch viel loben; aber ich fürchte. Sie glauben, ich thäte das nur zur Versüßung. Schließlich die Bitte, zu beachten, daß, was den Inhalt betrifft, ich nur meine Meinung allsspreche, die ich für mich so lange festhalte, als ich sie nicht widerlegt finde, der ich aber feine Bedeutung für Andere anmaße; und was den Ausdruck betrifft, so ist Vorstehendes unmeditirt niedergeschrieben. Sollte ein Wort Sie verletzen, so seien Sie überzeugt, es ist mir unbedacht entfahren. Ehrlich der Ihrige Steinthal. Der zweite Brief ist an einen weltberühmten hiesigen Professor gerichtet, der zwar durchaus kein Gegner der Juden, aber biefen in der Zeit der schlimmsten Antisemitenhetze doch den Rath gegeben hatte — zuerst ihre Fehler abzulegen. Lieber Freund, Sie werden eilte Entgegnung auf Ihre in diesen Blättern Nummer 75 und 76 mitgetheilte Aeußerung von mir besser aufnehmen, als von irgend einem anderen Juden. Von mir sind Sie ja überzeugt, daß ich Ihnen nicht eine Gesinnung und Gefühle unterschiebe, die Ihreni Charakter weitab liegen. Wir Juden, meinen Sie, sollen bei uns selbst „Einkehr halten." Sie solltell nur die Sprüchwörter der Juden kennen! Diese enthalten eine so bittere Selbsterkenntniß, wie sie kein Prophet schärfer ausdrücken konnte. Und in ihren Klageliedern, die früher in der Synagoge so vielfach ertönten, heißt es immer: Dies alles unserer Sünden ivegen". Wie oft wird auch dem Inden der Christ als Muster vorgehalten! Mit der Erkenntniß. werden Sie sagen, ist es nicht genug; die Fehler müssen auch abgethan werden. — Leicht gesagt, schwer ausgesührt! Glauben Sie denn auch an die Legende vom Reichthtkin der Juden? Ich kann Ihnen versichern, daß in den kleineren Gemeinden Deutschlands, die noch nicht die kleinsten sind, ivie in meiner Gebnrtsstadt, unter dreißig Fanlilienvätern (die Witwen eingerechnet) höchstens fünf sind, von denen man sagen kann, sie seien „zu Wohlstand" gekommen; zwanzig leben sicher in Dürftigkeit, wenn sie nicht Almosen empfangen. Von jenen fünf aber haben drei prachtvolle Läden, in denen die Kleinbürger des Städtleins die kostbaren Stoffe sehen, ans welche sie lüstern blicken, ohne daran zu denken, daß sie mit ihren zehn, zwanzig, dreißig Morgen Acker und ihrer Profession (als Bäcker, Fleischer u. s. w.) sich eines lveit größeren Besitzes erfreuen können. Das aber ist wahr: Der jüdische Almosenempfänger befindet sich besser als der christliche; denn, das dürste wahr sein: das jüdische Herz ist weich infolge des sünfzehnhundertjährigen Druckes, weich aber auch gegen christliche Arme. Und wenn sich nun bei öffentlicheli Sammlungen, interkonfessionellen oder blos christlichen, Inden durch reichere Gaben Hervorthun, dürfen wir denn sagen: das ist alles blos Reklaine? Ich begreife nicht, wie ein Christ in Matthäus 7,22,23 lesen kann: „Es iverden Viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr. . . , haben wir nicht in deinen Namen geweissaget? Haben wir nicht in deinem Namen viele Thaten gethan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe eilch noch nie erkannt, weichet alle von mir, ihr Uebelthäter" — wie ein Christ dies lesen kann, ohne im Innersten durchbebt 31t werden! Oder das. 7, 1: „Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet". Doch ich komme auf das Besser-Machen zurück. Ihr Vorwurf ist an die Besten ilnter ben Juden gerichtet. Welche Autorität und dazu welche Macht müßten sie aber haben, wenn sie Greifbares, Zeigbares leisten sollten. Das Solidaritätsgefühl ist unter den Juden nie geschwunden. unter dem Antisemitismus jedoch nur in wenigen Fällen verstärkt, meist geschwächt. Man will vielfach die Last dieser Solidarität nicht mehr; und wenn so irgend etwas von Gelvissen, et loa Fahnen-Flncht. von der Taufe zurückhält, so laßt man doch die Kinder frühzeitig taufen. Denn, so denkt man mit Heinrich Heine, das Jndeuthum mag eine Religion sein, das Christenthum ist auch eine; gewiß aber sei das Judenthum ein Unglück. Hierin stimmt ja Heine mit Treitschke überein; nur ist es nach Heine ein Unglück für die Juden, nach Treitschke für die Christen. Als der Antisenlitiswus soeben anfing, Aufsehen zu erregen, ward eine kleine Versammlung von Juden berufen, welche beraten sollte, was geschehen müsse. La sker war zugegen und auch der Abgeordnete Freund, auch ich. und ich weiß nicht mehr, iver noch. Es ward mancher Weg vvrgeschlagen, nach längerer Debatte aber keiner als gangbar befunden. Wir gingen ohne Ergebniß auseinander. Haben Sie Lasker gekannt? Man muß unc Jeinand recht zu kennen, persönlich mit ihm verkehrt haben. Ich hörte einmal ans Lasters Munde: „Ich fühle inich lediglich als Deutscher, gar nicht

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