Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 463

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 463 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228405--56858-3293194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

463 Eingreifen des Militärs, die Jnhaftirung einiger armer Juden und schließlich — ein freisprechendes Urtheil. Es ist noch ein Glück im Unglück, daß in fremden Staaten, die Ungarn spinnefeind sind, die Sache denselben Verlauf nimmt. Wäre es nicht so, könnte die Welt mit Recht sagen, daß Ungarn zu den gebildeten Staaten nicht gezählt werden könne, daß es mit Damaskus auf einer Seite stehe und daß wir noch heute im Mittelalter leben. Ein Glück ist auch das, daß der Eßlarer Prozeß einen glänzenden Beweis für die unverwüstliche Kraft der ungarischen Justizpstege und der ungarischen Rechtlichkeit geliefert hat. Gin Künstlerfürst. ein großes, edles Herz stand still — der Pinsel entfiel seiner Meisterhand — und durch die ganze gebildete Welt erklingt der Trauerruf.- Jsaac Jljitfch Lewitan ist todt! Er war der größte russische Maler der Gegenwart, und auch im Auslände kennt man recht wohl die Erzeugnisse seines hervorragenden Talents. Seine wundervollen Landschaften feierten Triumphe in der Kritik und in den maßgebenden Kullstkreisen voll Italien, Paris, München, Berlin u. s. w. „II a la conception tout ii fait slave!“ äußerte sich ein tonangebender Pariser Kunstkritiker und damit traf er den Kernpunkt der Lewitanfichen Kunst. Gerade wie Heine mit den Fühlfäden seines Genius die deutsche Seele, Felix Mendelssohn den Geist der deutschen Musik durchdrungen hat, so erfaßte Lewitans sein differeuzirte Natur die russische Landschaft wie kaum ein Maler vor ihm. Seine Werke sind keine sklavisch ängstliche Nachahmung von Details, und Pedanten werden an seiner Kleinmalerei auch manches auszusetzen finden, doch dafür durchweht der große Zug einer philosophischen Kunstanschauung seine Bilder, und der Zusammenhang von Welt und Natur tritt bei ihnen in die Erscheinung. Das Streben nach der Naturwahrheit beseelte ihn mit aller Kraft, steigerte seine Empfindsamkeit und spornte ihn zu unermüdlichem Fleiß, Suchen und Experimentiren an, bis der Schatten des Todes sich über sein junges Leben senkte. Aus den Tiefen der jüdischen Gesellschaft war der arme blasse Knabe hervorgegangen, in dessen geistvollen Augen der Direktor der Petersburger Akademie der Künste ahnungsvoll das Schicksal des dereinstigen Künstlers las. Seine vornehmen Schöpfungen in der landschaftlichen Malerei bilden die Zierden von berühmten europäischen Museen und unter anderen auch der weltbekannten „Tretjakow'schen Gallerie" zu Moskau. Er wird als der wahre Interpret und Poet der russischen Natur betrachtet, und eine Note klingt in seiner Farbenharmonie, die besonders seinen Stammesgenossen verständlich ist! — Es ist die Melancholie, der Zwiespalt der jüdischen Seele, die vergebens Ruhe und Frieden in ihrem bedrängten Erdendasein sucht. So legt sich über seine sonnigsten Landschaften kaum merkbar eine ernst feierliche Stimmung, die bei aller Freude und allem Hochgenuß der Natur den Hintergrund des tiefen Gemüthes verräth. Er, der wie ein Stern am Kunsthimmel glänzte, fühlte sich eins mit seinen Glaubensgenossen und war stets bereit, ihre Noth zu lindern und jedes ihrer guten Werke zu fördern. Zum letzten jüdischen Studentenball in Moskau, der wohlthätigeu Zwecken gewidmet ist, malte Lelvitan ein Plakat, das eine lange Reihe von Juden darstellt, die einem fernen Lande zueilen. Aehuliche Sujets behandelte er auch bei gleichen Gelegenheiten wie diese und weckte dadurch die Erkenntniß, daß sein Künstlergenius auch auf anderen Gebieten als auf dem der Landschaft sich glänzend bethätigt Hütte, wenn sein Schicksal ihn nicht so früh abgerufen hätte. „Legt mich auf den jüdischen Friedhos!" waren seine letzten Worte und so geleitete die Moskauer Gemeinde einen ihrer größten Söhne jetzt zur letzten Ruhestätte. Wir wollen nicht die Worte des Rabbiners zitiren, der den großen Künstler und Menschen als Charakter feierte, doch wir wollen sehen, wie der Todte in fremder Beleuchtung dasteht. So sprach Fürst Lwow, der berühmte Mäcen von Krurst und Wissenschaft, am Grabe: „Ganz individuell war das Talent und das Schaffen von Lewitan. Er hat Epoche gemacht in unserem Kunstleben, und was der Dichter Tjutschew einst für unsere Litteratur war, das war Lelvitan für unsere Malerei." Der Präsident von Bhkowski äußerte sich, daß die Werke Lewitans „die Quelle eines neuen geistigen Lebens in der Malerei darstelleu und ihrem Schöpfer das ewige Andenken sichern." Unter den zahlreichen Kränzen, die den Grabhügel völlig bedeckten, war einer vom Gouverneur von Moskau, einer vom Komitee der Kunstausstellungen und viele von hohen Würdenträgern, großen Künstlern und Gelehrten des In- und Auslandes. Ter Name Lelvitan steht für immer mit goldenen Lettern in der Kunstgeschichte eingegraben. 0. Briefe von und an Steinthal. 6, fn diesen Tagen, wo wir aller Heimgegangenen Lieben in Treue gedenken, haben viele in Israel sicherlich auch des theuren Mannes gedacht, der uns so lange Vorbild ulld Führer geloesell. Diesen weiten Kreisen werden die Erinnerungen an Hajjim Steinthal, die die nachfolgenden Briefe aus seinem Nachlasse bieten, gewiß eine festliche ulid loeihevolle Stunde bereiten. — Der erste Brief ist an Berthold Auerbach gerichtet, nachdem dessen berühmter Roman „Auf der Höhe" erschienen war. Berlin, den 19. August 1865. Geehrter Herr linb Freund! Damit Sie meine Meinung iibtfr Ihren neuesten Roman, die ich mit aller Ehrlichkeit vor Ihnen aussprechen lvill, richtig würdigen können, muß ich eine Bemerkung vorausschicken. Goethe klagt öfter darüber, daß das Publikum, wenn es einmal einen Schriftsteller ans eineni Gebiete kennen gelernt und liebgewonnen hat, ihn auf keinen! anderen Gebiete sehen mag. Sie werden sich dieser Aeußerungen Goethes erinnern. Ich aber weiß mich von dieser Manie des Publikums völlig frei; und wenn ich erkläre, daß mir der dorfgeschichtliche Theil Ihres Romans in hohem Grade gefallen hat, der hofgeschichtliche Theil dagegen mir weniger zusagt: so hat das einen ganz anderen Grund. Genau genommen haben Sie ja sogar auch hier den Boden der Dorfgeschichte nicht verlassen. Zur allseitigen Darstellung des Dorslebens gehört gewiß auch dies, zu zeigen, wie das Dorf sich in Berührung mit dem Hofe gestaltet. Dies ist eine wesentliche und höchst anziehende Aufgabe, und Sie haben sie nach meiner Meinung vortrefflich gelöst. Nur wenn ich ganz ins Einzelne ginge, jedes Wort abwägen wollte, würde ich vielleicht hier aus Ausstellungen kommen. Sie haben sogleich von Anbeginn den guten Griff mit einer Amme gethan. Schwerlich kann es noch eine Gelegenheit geben, die eine so dauernde, so nach beiden Seiten ties eingreifende Verbindung von Dorf und Hof ermöglicht. Was mich aber hindert, Ihrem Hofe den gleichen Geschmack abzngewinuen wie Ihrem Dorfe, das liegt darin, daß ich mich nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.