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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 462 (sequence 8)
Language
German
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462 geizes der Herren Parnoßin! wegen. Ob nun ein solcher Parneß auch unparteiisch den Vorsitz führen und den Frieden in der Gelneinde zu erhalten im Stande sein wird, müssen wir der Zukunft überlasseil. So weit ich merke, wehrell sich die Beamten gar nicht so sehr dagegen; winkt ihnen doch dadurch eine wesentliche Erhöhung ihres Einkommells. Ein anderer Punkt betrifft die Zusammensetzung der Ober- Kirchenbehörde. Die Mitglieder dieser Behörde werden bis jetzt vonl Könige ernannt auf Vorschläge der Behörde selbst und habell fast ausnahmslos ihren Wohnsitz in Stuttgart. Da sollen mm auch Mitglieder aus den Gemeinden des Landes hinein gewühlt werden. Der Vorschlag geht auf 6—10 Notablen aus den Gemeinden solvie 2—4 Rabbiner respektive Lehrer. Wenn auch wenig anderes erreicht werden kann, so wären doch die Gemeinden damit zufrieden gestellt. Auffallend ist es, daß au der Stelle der vor zwei Jahren durch Tod ausgeschiedenen Mitglieder der Behörde noch kein Ersatz gefunden ist. Ich habe noch nie einer! Laut dagegen gehört, ein Beweis, wie zufrieden unsere Gemeinden sind. Oder etwa nicht? Unsere Israelitische Oberkirchenbehörde bemüht sich seit einiger Zeit, nach einer Seite hin mehr zu leisten, als man seither gewohnt war und verdient sich dadurch den Dank namentlich der Lehrer Württembergs. Mit bewundernswerter Raschheit werden nämlich seit Jahresfrist verschiedene Lehrer¬ und Vorsüngerstellen, die seither nur provisorisch besetzt waren, in definitive umgewandelt und kleinere empvrstrebende, seither unselbständige Gemeinden zu selbständige erhoben. Dadurch haben nach und nach auch diejenigen Beamten Aussicht auf Vorrückung, die jahrelang in kleinen, auf dem Aussterbeetat stehenden Gemeinden ausharren mußten. An dem israelitischen Waisenhause in Eßlingen hat es seit einem Jahre verschiedene Veränderungen gegeben. Nachdem vor etwa Jahresfrist der langjährige verdienstvolle Waisenvater Stern gestorben, wurde auf warme Empfehlung hin Eichberg- Sontheim gewählt. Dieser mußte aber die Stelle plötzlich verlassen und es wurde einstimmig der seitherige Aufseher Rothschild gewühlt, womit nach vielen Erregungen wieder alles seinen geregelten Gang geht. Von dem Schwarzwaldorte Baisingen erzählt man sich, daß man dort für den erkrankten Vorsänger einen Stellvertreter verwendete, welcher so listig lvar, für seine 6 Monate Verweserei seinen Gehalt von zwei Seiten, also doppelt einzunehmen. Da ein Rückersatz wegen Mangel an Ueberfluß noch nicht geschehen, so könnte dies für den angehenden jungeil Beamten unangenehme Folgen haben. Noch eine hübsche Anekdote hörte ich kürzlich aus einer süddeutschen Hauptstadt. Es sei da ein christlicher Metzger, bei dem die Frommen ihren Fleischbedarf decken. Die Gattin eines langjährigen Gemeindebeamten nimmt hier im Vorübergehen — die Zeit der Kontrolle war schon herum — eine Zunge mit nach Haus. ZnHause machte der gestrenge Gatte die Entdeckung, daß die Zunge riicht koscher ist und schreibt einen geharnischten Beschwerdebrief au die Gemeindebehörde, welche sofort den christlichen Metzger aufs Trockene setzt. Letzterer entschuldigte sich damit, daß in seiner Abwesenheit die Beamtengattill von seiner Frau bedient worden sei und diese meinte, da jene Frau auch Schinken k. schon mitgenommen, so känle es bei der Zunge auch nicht so genau darauf an. Tableau! Auf Wunsch werde ich Ihnen weiter über unsere Verhältnisse Bericht erstatten, über die doch uwhl hier und da Manches zu sagen wäre, was auch außerhalb unseres Landes von Interesse sein könnte. R. Sudapester Brief. Von Bela Toth. n Tisza-Abad-Szalok ist heute Rosalie Pentek ermordet worden; mau beschuldigt die Juden, daß sie ihr Mut zu rituellen Zwecken verwendet haben; das Volk revoltirt." Dieser Drahtbericht kommt uns um 9 Uhr Abends zu. Bis Mitternacht dürfte uns auch das vollständige Namensverzeichniß der Schächter und die Nummer des Schächtmessers mitgetheilt werdeil. (Die Juden haben ja bekanntlich siebenerlei Jungfernschlachtmesser.) Es ist nicht ausgeschlossen, daß aus Tisza- Abad-Szalök ein Tisza-Eszlnr, aus der Rosalie Pöntek eine Esther Solymossi wird. Auch das ist gerade nicht unmöglich, daß die Geschichte sich nicht in Tisza-Abad-Szalok, sondern in Belönger zugetragen hat, und daß es sich nicht itm Rosalie Pöntek handelt, sondern um den walachischen Feldhüter Gligor, der übrigens gar nicht ermordet wurde, sondern vielmehr als geschickter Jäger einen Bären von seltener Größe niedergestreckt hat. Alles eins. Für mich ist in diesem Augenblicke nicht die Nachricht selbst, sondern das Auftauchen derselben von Interesse. Ich muß es gestehen, daß ich mich dessen freue. Meine Freude ist aber nicht sehr rosig; sie zst ungefähr eine derartige wie die eines Arztes, dessen Diagnose traurige Symptome rechtfertigen. In uns Allen wohnt ja ein Prudhomme: wir sind froh, lvenn wir etwas errathen können. Und in Sachen, die unsere Besorgniß erwecken, zeigt sich gerade nicht der elendeste Prudhomme. Seit Jahren stelle ich Beobachtungen au, wie sich die Seuche des Antisemitismus wieder nach Ungarn einschleicht und hier inuner mehr um sich greift. Leute, die von ihr befallen werden, schämen sich ihrer Anfangs; und dies mit Recht, denn sie ist die echte und rechte maladie lionteuse. Doch wenn die Seuche au Ausdehnung gewinnt, schämt sich ihrer Niemand. Es erinnert uns an die großen Lustseuchen im Mittelalter, als die modernen Aussätzigen, ihre abscheulichen Wunden frei, ohne Scham führend, unter Vorantragung obscöner Fahnen Prozessionen veranstalteten. Hierzulande naht schon dieses Stadium des Nebels mit Riesenschritten heran. Unsere Universitätsjugend, die einstige Hüterin großer historischer Errungenschaften, die Erbin epochemachender erhabener Ideen, schämt sich nicht mehr; sie schreibt schon ihr abscheuliches Geheimnis; auf ihre Fahne und giebt sich auch der Hoffnung hin, daß ein großer Theil der Gesellschaft sich ihr zugesellen werde. Ich glaube, sie wird sich nicht täuschen. Heute ist die Seuche schon unaufhaltbar, denn es haben sich nicht bei Zeiteir kluge und einsichtige Magyaren gefunden, die ihr Halt geboten hätten. Sie haben ihr vielmehr, mit gehöriger Vorsicht, im Stillen Vorschub geleistet. Kurz und gut: Die Seuche ist auch hierzulande aufgetreten. Mit ihren! gegenwärtigem Stadium steht auch das unausbleibliche Symptom: der Ritualmord in engem Zusammenhänge. Bewährt sich nicht der Pöutekffche Fall (das Arrangement gelingt ja nicht immer), so folgt bald ein zweiter, der vielleicht doch ausgebeutet werden kann. Und so wird es auch sein, denn dies ist ein unausbleibliches Symptom der geistigen Seuche, und das ist bei uns, ebenso wie anderwärts, ein gewohnter Kniff der Arrangeure. Auch das, was darauf zu folgen pflegt, ist schon sattsam bekannt. Krawalle, Plünderungen, vielleicht auch das energische

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