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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 460 (sequence 6)
Language
German
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460 dehnung und Tiefe unausgesetzt zu. Wir sehen dabei von den fremdenLändern ab undwollennurDeutschland in denKreis unserer Betrachtung ziehen. Die unausgesetzten Behauptungen, Anklagen, Aufreizungen der Antisemiten tragen ihre Früchte — semper aliqukl haeret. Die öffentliche Meinung, selbst in den sogenannten gebildeten Kreisen, sogar unter Wohlmeinenden und liberal Denkende::, wendet sich in stets wachsendem Maße von uns ab. Wir weisen, um diese beklagenswerthe Thatsache zu erhärten, nicht allein auf die immer zunehmende soziale Ausschließung der Juden von der christlichen Gesellschaft hin. Viel greifbarer noch ist die Erfahrung bei Gelegenheit der traurigen Konitzer Vorgänge gewesen!. Volk, Behörden, leitende Klassen waren mit geringen Ausnahmen der Meinung: wenn auch die israelitische Religion als solche keinen Ritualmord lehre, so möge es doch fanatische Juden geben, die den von: Alterthum her überlieferten Blutaberglauben theilen und in scheußlichen Verbrechen bethätigen. Und diese Anschanuug ist leider durch die gutmeinte und gelehrte Schrift des Professors Strack eher verstärkt als gemindert worden. Noch vor zehn Jahren hätte man es für unmöglich gehalten, daß derartige Hypothesen bis zu hohen Stellen der staatlichen Verwaltung Eingang finden könnten. Jetzt ist das eine Thatsache geworden. Der Ungunst der öffentlichen Meinung entspricht die Behandlung, die wir im staatlichen Leben erfahren. Auch hier sind stete und schwere Rückschritte festzustellen. Die Neichsverfassung schreibt vor, daß die Ausübung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte von dem Religionsbekenntnisse unabhängig sei. Wie steht es aber damit in Bezug auf uns Juden? Nicht allein in den aktiven .Offiziersland des Heeres und der Marine findet kein Jude Zutritt, er wird auch — mit Ausnahme einiger süddeutscher Staaten — in dem früher zugänglichen Stand der Reserve-und Landlvehroffiziere nicht mehr geduldet. Die Negierung läßt lieber die bedenklichsten Lücken in dem Sanitütskorps des Heeres entstehen, als daß sie einen jüdischen Arzt in dasselbe aufninnnt. Von der Staatsverwaltung sind die Juden gänzlich und grundsätzlich ausgeschlossen; ehemals gönnte man ihnen einen Platz in der Eisenbahnadlninistration, aber jetzt will man überhaupt einem Juden die Stellung eines Regierungsassessors oder Regierungsrathes nicht inehr ertheilen. Auf den Universitäten verschließt man ihnen den Zutritt zur ordentlichen Professur, auf den königlichen Gymnasien und Realgymnasien jede Position, aus den Volksschulen werden sie nach Möglichkeit verdrängt. Selbst das duldsamere Bayern läßt keinen jüdischen Lehrer mehr an paritätischen Volksschulen zu. Die Justizverwaltung sollte durch ihren Beruf am ehesten genöthigt sein, die gesetzliche Grundlage festzuhalten. Und doch seheri wir, daß das Königreich Sachsen grundsätzlich den Juden die Richterlaufbahn verschließt, daß ein hessischer Minister den traurigen Muth hat, sich einer so schreienden Verfassungsverletzung als einer bewundernswerthen That zu rühmen. In Preußen werden neuerdings den jüdischen Assessoren große Schwierigkeiten in Hinsicht auf Anstellung im Staatsdienste gemacht; und daß bei Uebertragung des Notariats Juden und Christen mit verschiedenem Maße gemessen werden, ist ein öffentliches Geheimniß. Marl sieht, es fehlt nicht mehr viel und die von der Verfassung gewährleistete Gleichberechtigurrg der Juden ist den Thatsachen nach arlfgehoben. Allerdings haben sich einige politische Parteien der gekränkten Rechte der Juden mit rühurlichem Eifer angenommen. Niemals werden wir vergessen, welche Verdienste sich in dieser Richtung einige hervorragende Parteiführer, und besonders der edle und unermüdliche Heinrich Rickert, erworben haben. Allein wir haben von diesen hochherzigen Bestrebungen keinen nennenswerthen Vortheil gehabt. Die freisinlligen Parteien, die allein hier in Betracht kommen, bilden eine kleine Minderheit inilerhalb der Bevölkerung und der Parlamente; ja noch mehr, sie sind den Mehrheitsparteien, der Regierung und den höchsten Stellen im Staate geradezu antipathisch, und indem sie unsere Vertheidigung übernehmen, haben sie — sehr gegen ihren Willen — unserer Sache bei allen maßgebenden Faktoren des öffentlichen Lebens dauernden und tiefgehenden Schaden gebracht. Diese Thatsache faim unsere dankbaren Empfindungen für unsere freisinnigen Vertheidiger keineswegs abschwachen, allein sie nimmt uns die Hoffnung, daß diese unsere Lage zum Guten verälldern könllten. Die schlimmste Folge der Abneigung, der wir in immer weiteren Kreisen des Volkes begegnen, ist aber noch zu erwühnell: es ist die Entmuthigung und der Abfall, die in täglich wachsendenl Umfallge in unseren eigenen Reihen Platz greifen. Die Angriffe und Beschuldigungen der Pietisten, der Klerikalen, der Junker und der Antisemiten finden auch unter uns ein kräftiges Echo: einem großen Theil gerade unserer intelligenten Jugerrd scheint es natürlich und geboten, diese kraftlose ulld verfehmte Minderheit zu verlassen und sich mit der herrschende!: Mehrheit zu amalgamiren. Man begeht diese Ehrlosigkeit um des frivolsten Grundes willen: um in e:ne Studentenverbindung aufgenommeil zu werden oder um beim Militär „die Knöpfe z:: bekommen". Und die lieben Eltern stimmen schmunzelnd zu und sind noch stolz darauf, einen „Christen", einer: angehenden „Arier" in der Familie zu haben, der natürlich sofort zu den Antisemiten abschwenkt. Das sind wahrhaft erschreckende Symptome der inneren Auflösung. Es u:uß alles versucht Werder:, um diesem sich immer bedrohlicher gestaltenden Niedergange der deutschen Judenheit entgegen zu treten. Dazu gehört vor allem, daß wir Selbstgefühl und Festigkeit wieder gewinnen, daß wir, anstatt bettelnd und klagend hinter Anderen herzulaufen, uns wieder auf unsere eigenen Füße stellen. Freilich, materielle Macht besitzen wir nicht. Die über ganz Deutschlar:d zersplitterte halbe Million Juden gebietet über keines der Machtmittel, die den zwanzig Millionen der deutschen Katholiken zur Verfügung stehen. Wir dürfen nie darauf hoffen, „Trumps" zu werden. Allein so völlig ist doch die Kraft und das Ansehen moralischer und ideeller Momente noch nicht unter Streberthum und Kraftmeierei in Deutschland untergegangen, daß eine feste und kühne, we::n auch bescheidene Berufung auf jene Gesichtspunkte ohne günstige Folgen bleiben sollte. Jedenfalls wird sie uns selber wieder stärken und ermuthigen. Es ist dasselbe Ziel, das sich der rühmlichst bekannte „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" seit Jahre:: gesetzt und mit Kraft und Ausdauer verfolgt hat. Einzelne sehr beachtenswerthe Erfolge hat der rvackere Verein sicherlich zu verzeichnen. Er hat das große Verdienst, den Weg gezeigt zu haben, auf den: wir Vorgehen müssen. Allein trotz zahlreicher Betheiligung umfaßt der Centralverein doch nur einen kleinen Bruchtheil der deutschen Judenheit, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sich dieses Verhältniß wesentlich verändern wird. Vor allem: er und seine trefflichen hoch-

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