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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 459 (sequence 5)
Language
German
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459 Lrügereien zu verüben," eine Aenßerung, welche in weiten Kreisen die größte Entrüstung hervorrief und den Abgeordneten Dr. Byk sogar zu einem Schreiben an den Justizminister veranlaßt^ Die Haranguirung des Staatsanwaltes führte wirklich dazu, daß der Angeklagte trotz des mangelnden Thatbestandes von den Geschorellen schuldig erklärt und zu drei Jahren schweren Kerkers sowie zur Landesverweisung verurteilt wurde. Infolge der gegen dieses Urtheil erhobenen Nichtigkeitsbeschwerde hob der Kassaiionshof das Erkenntniß auf und wies die Angelegenheit zur neuerlichen Verhandlung vor das Tarnopoler Schwurgericht. Der zweite Prozeß wurde am 13. und 14. d. M. durchgeführt, wobei die auf Betrug lautende Hauptfrage einstimmig, die Eventualfrage auf leichtsinnige Crida mit Stimmenmehrheit verneint wurde, so daß die Freisprechung des Angeklagten erfolgte. Unter beii Geschworenen befand sich, gleichwie bei der ersten Verhandlung, kein Jude. Nach der Verkündigung des Freispruchs fiel Kwasmann in Ohnmacht und konnte nur mit Mühe zum Bewußtsein gebracht Werdern Dieser Wahrspruch der Jury hat nicht nur im Publikum, sondern auch bei den Richtern, die der Verhandlung beiwohnten, große Befriedigung hervorgerufen. Er ist aber auch sehr lehrreich für weitere Kreise. * Aus demselben anmuthigen Lande hallt der erschütternde Schrei eines hartgeprüften Mntterherzens durch alle Weiten in folgendem durch die österreichische Tagespresfe veröffentlichten Briefe: „Meinem Manne widerfuhr die Auszeichnung, von dem allerdurchlauchtigsten Herrn, dem Kaiser, in Audienz empfangen zu werden. Seine Majestät geruhte damals, die Zusage zu machen, den Behörden die allgemessenen Weisungen zu geben. Noch an demselben Tage waren die allerhöchsten Weisungen beim Ministerpräsidenten. Als ich dies von meinem Manne hörte, weinte ich Vorfreude. Ich lag bislang krank darnieder, und nun verließ ich zum erstenmal das Krankenlager. Ich rechnete, daß ich jetzt zuversichtlich meine Tochter erblichen, sie wiederfinden werde. Ich weiß wohl. daß' die Weisungen Seiner Majestät strikte ausgeführt werden müssen, uichtsdestoweniger ist es unbekannt, wo meine Tochter sich aufhält. Ich höre erzählen, daß mein armes Kind nicht mehr lebe — mir als Mutter krampst sich ob solcher Gerüchte das Herz zusammen. Nun, ebenso wie jede andere Mutter hatte ich nicht wenig gelitten, ehe ich das Kind großgezogen, und am Ende soll mir mein Kind entrissen sein! Jawohl, nicht einmal wissen soll ich, ob jene Unglückliche noch lebt! O, möge meine Stilnme die Herzen aller Väter und Mütter rühren! Vielleicht weiß Jemand, oder könnte etwa Jemand erfahren, welchem Schicksale meine unglückliche Tochter anheimgefallen, dann möge er mich erfreuen und mir Kunde thun, ob sie lebt. Die Hoffnung, sie wiederzusehen, sie ans Herz drücken zu können, verleiht mir Kraft, daß ich weiterlebe. Und wenn — ich schreibe es mit zitternder Hand — wenn Jemand also hörte, daß sie nicht mehr unter den Gebenden sei, so möge er mir wenigstens zeigen, wo die Unglückliche bestattet sei. Mit Thränen in den Augen bitte ich um die Veröffentlichung dieser Zeilen und empfehle mich mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung: Civia Araten." Dieser Angstruf eines geängsteten Mutterherzens müßte Denen vor allem in die Ohren gellen, die unter dem Vorlvande, der Religion zu dienen, einer alten Mutter ihr Kind entreißen und eure Familie ins Unglück stürzen! Wir haben schon oft über die Lauheit und den Jndifferentismus der französischen Juden gegenüber allen Angriffen auf ihre Religion und ihre Ehre lebhafte Klage zu führen Veranlassung gehabt. Ein Artikel in der Pariser „Aurore“, welcher die Unterschrift trägt „Le Pie, Jude", und der sich mit dieser Sache eingehend befaßt, kommt uns daher sehr gelegen. Es heißt in dem Artikel, daß sich auch in Frankreich die Ueberzeugung Bahn breche, daß die Juden aus ihrer Passivität heraustreten müssen, um sich zu organisiren und ihre Macht im politischen Kampfe wirken in lassen. Seit fünfzehn Jahren werden die Juden Frankreichs in der unfläthigsten Weise beschimpft, und sie, die „Kräftigen und Mächtigen", sehen dem stillschweigend zu, ein Hohn auf die heldenhafte Geschichte ihrer Vorfahren. Sin künftiger Historiker wird wahrscheinlich dieser Thatsache gegenüber verstündnißlos dastehen und sie umsomehr verdammen, je genauer er Diejenigen erkennen wird, welche die elenbeu Angriffe wagten. „Spitzel sind es, Diebe, Erpresser, Zuhälter, Deserteure, Bankerotteure, Panamisten, Spielhallsbesitzer, Bordellbesitzer, — eine ganze Bande herabgekomniener Individuen, welche von der Unzulänglichkeit ihrer gewöhnlichen Diebstähle in die Arme des Antisemitisinus getrieben wurden." Und solchen Individuen gegenüber wollten die Juden nicht hervortreten, unl den Handschuh, den man ihnen zuwarf, allfzuheben und den Kampf alrfzunehmen, bis zur vollständigen Niederwerfung ihrer elenden Angreifer? Sie thaten dies llicht, rmd sie haben sich nicht nur dem verdammenden Urtheil der Geschichte ausgesetzt, sondern werden schon jetzt von den arnien, verfolgten Juden Algeriens, Rußlands, Rumäniens, deren große Hoffnllng sie waren, verwünscht .... Denil der schändliche Erfolg der Judenfeinde Frankreichs habe in allen Kloaken Europas einen wahren Jubel hervorgerufen, und es gebe wohl kaum noch einen Verkommenen, welcher nicht in de:n Kampfe gegen die Inden die letzte Hoffnung, sein Glück zu machen, sehen loollte. Ganz anders wäre es geworden, wenn die Judell den Kampf aufgeuommell hätten, „wenll sie sich lliuthig ins Gewühl gestürzt hätten, Schlag auf Schlag erwiderlld; wenn sie sich kräftig organistrt hätten, in einer zwiefach unbesiegbaren Phalanx: unbesiegbar durch ihren Math und durch die Klarheit ihres Geistes; wenn sie unter ihrer Fahne die freien Geister und Schriftsteller des Rechts, welche sich selbst anboten, gesammelt Hütten." Der Artikel der „Aurore“ erregt in Paris gerechtes Aussehen, intb es ist zu wünschen, daß er die Abwehrorganisation der französischen Juden zur Folge haben möge. ->#<- Gin Vorschlag. Von Professor Dr. Martin P h i l i p p s o n. i^^^ichts ist für eine Gesammtheit wie für den Einzelnen gefährlicher, als sich über eine bedenkliche Lage mit Illusionen, mit leichtfertigem Optimismus hinwegzuhelfen. Und doch verfallen wir inodernen Inden immer wieder in diesen schlirnmen Fehler. Voll Vertrauen auf den Idealismus und auf die gerechten und freiheitlicheil Grundsätze, wie solche vor einem halben Jahrhundert herrschten, voll Vertrauen auch auf die alterprobte Thatkraft und Elastizität des eigenen Volksstamnres, erwarten wir von der nächsten Zukunft stets eine Besserung unserer Lage. Das war so seit den Anfängen der antisemitischen Bewegung vor 25 Jahren. Leider duldet die Erfahrung eines bereits so langen Zeitraumes derartig schmeichlerische Vorstellungen nicht mehr. Weit davon entfernt sich zu vermindern, nimmt der Antisemitismus an Aus-

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