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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-28 · Heft 39 (28.9.1900) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 458 (sequence 4)
Language
German
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458 Versöhnung und Ausgleichung der Distanz, die zwischen den tieferen und höheren Stufen des moralischen Lebens liegt. Dabei ist hier die Ordnung eine umgekehrte als bei dem philosophischen Traum vom Uebermenschen. Was bei Diesem gut und vornehm ist: das Streben nach Ausnahmestellung zur Beherrschung der anderen als Heerdenthiere, ist in der Religion verwerflich, und was dort dem niederen Instinkt beigezählt wird: Demuth und Ergebung, ist in der Religion die höchste Stufe sittlicher Vollkommenheit: „Denn bei dem, der gebeugten Gemüthes und zerknirschten Geistes ist, weite ich", spricht der Herr. Alles mit der Gesammtheit und nichts ohne diese — ist ein altes jüdisches Losungswort. Dabei ist im allgemeinen kein Raun: gelassen zur Ueberhebnng des einen als Ausnahmemenschen, weil die anderen in der Richtung auf das Bessere auf dem Stande der Heerdenthiere stehen. Und weil die religiöse Moral durch ihre Erziehung des Menschengeschlechts den Abstand von der gewöhnlichen Regel zur Ausnahme zu verringern strebt, so füllt der religiösen Erziehung die Aufgabe zu, durch Hebung des sittlichen Niveaus in der Ueberleitung vom Niedern zun: Höhern im einfachsten Wortsinne jener Aera vorzubereiten, auf die uns die Gebete und Betrachtungen des nahenden Versöhnungstages Hinweisen und die der Prophet ins Auge gefaßt: „Einst wird die Erde voll sein der Erkenntnis; des Ewigen wie Wasser den Meeresgrund bedecken". Me Mache. Berlin, 26. September. f er Prozeß gegen die „Germania" ist, wie man sich denken kaml, für uns von besonderem Interesse. Auch dieses Blatt hat in den antisemitischen Refrain: „Es kommt nichts heraus, denn es soll und darf nichts herauskommen", begeistert eingestimmt. Aber es ist weder die „Germania" noch das Urtheil, das uns in solchem Maße interessirt, sondern vielmehr die Rede des öffentlichen Anklägers, der die Blutlüge in seinen: Plaidoyer „eine Gotteslästerung" nannte. Das ist das richtige Wort, das aber seltsamer Weise bis gestern nicht angewendet wurde. Konstatiren wollen wir außerdem noch die Erklärung des Vertheidigers, daß die „Germania" nicht aus Antisemitismus oder um Judenhetze zu treiben, jene Artikel veröffentlicht habe. Die Hauptsache aber bleibt die Charakterisirung der Blutlüge durch den Vertreter des Gesetzes, der schon den Gedanken „einen so entsetzlichen und fürchterlichen" nannte, daß er von Anfang an gar nicht aufkommen konnte. Darin liegt für uns die Bedeutung dieses Prozesses. * Unsere Antisemiten wollen das „Alte Testament" nicht in der Schule. Obwohl sie sich als Erbpächter des Patriotismus gebärden und wohl wissen, welche Verehrung gerade in höchsten Kreisen der Bibel gezollt wird, betreiben sie doch ihre Agitation „unentwegt" weiter. Zum Herbst tritt in der Organisation der Berliner Gemeindeschulen eine durchgreifende Aenderung ein, die mit der Neugestaltung der Schulklassen auch eine neue Vertheilung des Lehrstoffes nach sich zieht. Das giebt ihnen willkommene Veranlassung, gegen die vorgeschriebene „gleichmäßige" Berücksichtigung des Alten und Neuen Testamentes in der Volksschule wieder einmal mit den bekannten fadenscheinigen Gründen zu polemisiren. Ja, sie behaupten sogar, „die Lehrerschaft" habe den Wunsch ausgesprochen, der Behandlung des Neuen Testamentes auf Kosten des Alten Testamentes mehr Zeit zu gewähren. Bemerkenswerth bleibt die Thatsache immerhin, daß es gerade die Antisemiten und nur diese sind, die die Forderung aufstellen: „Wir verlangen christlichen Religionsunterricht, nicht jüdische Volksgeschichte!" Doch nein. Ganz vereinsamt stehen sie nicht mit dieser Forderung. Denn die jüdischen Eltern, vor: denen in dem letzten Bericht über die Sitzung der Berliner Repräsentanten die Rede war, scheinen sich ihnen würdig und ebenbürtig an die Seite zu stellen. Die „Kölnische Zeitung" beschäftigt sich in letzter Zeit viel mit jüdischen Dingen. Nachdem sie vor einiger Zeit einen Artikel über die Speisegesetze gebracht hat, veröffentlicht sie jetzt in Nummer 727 einen Aufsatz über die jüdischen Feiertage, zu dem uns ein angesehener rheinischer Rabbiner Folgendes schreibt: Daß all die Tausende ihrer jüdischen Mitbürger, mit denen sie in ununterbrochenem sozialen und geistigen Konnex stehen, sich an ihren heiligsten Stätten wie „heulende Derwische" und in ihren religiösen Angelegenheiten wie abergläubische Weiber und unerzogene Kinder benehmen: diese interessante Neuigkeit werden die Andersgläubigen aus den: Artikel über „die jüdischen hohen Feiertage" in der gestrigen Sonntagsbeilage der „Kölnischen Zeitulig" zu ihrem Erstaunen, Mancher wohl auch zu seinem Behagen erfahren haben. Sie waren bis jetzt wohl Alle der Ueberzeugung, daß es vernünftig, gesittet und der Weihe des Ortes entsprechend auch in den jüdischen Gotteshäusern hergeht, die man, wenigstens bei uns im Rheinland, unter der offiziellen Antheilnahme der obersten staatlichen Behörden einweiht, und deren Besuch allenthalben Jedermann zu jeder Zeit freisteht. Da sieht sich aber ein Schriftsteller veranlaßt, die christliche Welt eines Besseren zu belehren. Er macht keine falschen Angaben, abgesehen von einigen Jrrthümern. die ihm unterlaufen, z. B.. daß der bekannte Schlußsatz am Versöhnungstage lautet: J. hu hu hoeJohim — das hu hu klingt besonders graulich —, oder daß man die Laubhütte neun Tage lang bewohne. Aber im Großen und Ganzen ist in einer Manier. der man eine gewisse Geschicklichkeit nicht abzuerkennen vermag, gerade das Unwichtige und Nebensächliche der Festfeier, ferner manche in der geringen Bildung früherer Zeiten wurzelnde, heute kaum mehr gekannte Gebräuche, und endlich einzelne rein individuelle Eigeuthümlichkeiten, wie z. B. das theilweise „Schwänzen" des Gottesdienstes (unbedingt eine rein jüdische Einrichtung!) zu einem seltsamen Brei zusammengemengt und dieses Gericht mit einer falschen Sauce von Wohlwollen garnirt, für das wir uns ebenso höflich bedanken wie für die ganze famose Belehrung über „die jüdischen hohen Feiertage". Den kirchlichen Brauch in der ganzen Welt möchten wir kennen, den man auf diese Weise nicht lächerlich zu machen im Stande wäre, dazu vor einem Publikum, das dem Unwesentlichen nicht das Wesentliche, dem Aeußerlichen nicht den Kern der Sache entgegenzuhalten vermag. Wo in aller Welt steckt das Bedürfniß nach solchen Unterweisungen? Nicht bei den Christen, denn sie sind nach dieser Belehrung genau so klug wie vorher; nicht bei den Juden, von denen höchstens dem Einen oder Anderen durch einen solchen, dazu in breitester Oeffentlichkeit gegebenen. Festkommentar die letzte Regung religiöser Pietät verleidet wird. * Man erinnert sich des mehr als seltsamen Plaidoyers, welches ein österreichischer Staatsanwalt in Galizien sich im Sommer vorigen Jahres leistete. Es war in der Strafsache eines gewissen L. Kwasmann in Tarnopol, der des Betruges durch ränkevolle Kreditverlängerung angeklagt war. Der Prozeß erregte damals großes Aufsehen, weil der Staatsanwalt in seinem Plaidoyer die Behauptung aufgestellt hatte, „die jüdische Religion gebiete den Juden, Be-

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