Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 39. Berlin» 28. September 1900. Allgemeine eitung des Dudenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nadirirrer 21*- Ludwig Philipp sori-Äonn. Verlags-Grpedition: Berlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaclenr: Gustav Karpeles. jhtl)itlt, Leitartikel r Der Uebermensch. — Die Woche. — Ein Vorschlag. Von Prof. Dr. Martin Philippfon. — Aus Württemberg. — Budapester Brief. Von Bela T6th. — Ein Künstlerfürst. — Briefe von und an Steinthal. — Feuilleton Zur Ehre Gottes. II. Von Samuel Gordon, London. — Von der Reise. VI. Von G. K. — Neilah. Von Henriette Hirschberg. —- Sprechsaal. — Briefkasten -er Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Rochritllte"' Berlin, Posen, Kvnigsdorff-Iaftrzemb, Hamburg, Dessau, Versmold i. Wests., Grünstadt, Augsburg, Wien, Budapest. — Bon Ran und Kern. Mer Uebermensch. Zu ni Versöhnungstage Berlin, 27. September. ist ein bis in die Tiefen aufgewühltes Meer. p Von allen Seiten stürzen wilde Strömungen auf uns ein. Ueberall Sezession und Obstruktion in der Politik, m der Kunst, der Wissenschaft und im sozialen Leben. Unter diesen Einflüssen wächst der Mensch über sich selbst hinaus, ohne dabei gerade zuni Uebermenschen im guten Sinne des Wortes zu werden. Ob es auch einen solchen im üblen Sinne des Wortes giebt? Der moderne Philosoph, dessen jüngst erfolgtes Ableben in den Regionen der gebildeten Gesellschaft, besonders in der Gelehrtenwelt von neuenr eine starke elektrische Spannung erzeugt, hat der Menschheit einen neuer: Adam als den Vater nicht eines neuen Menschengeschlechts, sondern einer neuen Menschenklasse als Ideal aufgestellt, die, wenn nicht ge-' radezu als eine Kaste höherer Unmerrschen, so doch als eine solche höherer abnormer Menschen sich keurrzeichnet. Man hat die Bezeichnung Uebermensch auf eine Quelle irr der deutschen ntteraturznrückzuführen gesucht. Die Quelle liegtaber noch tiefer: m der alten Bibel. Da werden die Söhne des göttlichen Geschlechts als solche Uebermerrschen genannt, die die Töchter der Menschen gesehen, daß sie schön waren, und sie nahmen Frauen noch beliebiger Wahl. Dieses untergegangene Geschlecht von Uebermenschen lebt in der neueren Litteratur mit seinem krassen Egoismus wieder auf. Das Meer der sittlichen Kultur, das seitdem immer stärker, immer majestätischer in seinem Wogengange daherrauscht, hatte jene höheren Kraft- und Gewaltmenschen auf seinen Grund gebettet. Die Wogen der modernen Kultur haben die Leichname der vorsintfluthlichen Niesen aus den Tiefer: der Vergessenheit wieder heraufgespült, und ihre starren Züge beleben sich in Wort und Bild von neuem. Das ist eine Urrrwerthung der bisher giltigerr moralischen Werthe, die die meisten Menschen als Heerdenthiere nr ihrem Werthe tief herabmindert. Das Judenthrrru kenrrt keinen Uebermenschen als Ideal in dem krassen modernen Sinne; es kennt rächt den Gegensatz von Herrenmoral und Sklaverunoral, es kenrrt nur die Moral der Nächstenliebe, in der alle Menschen die Nächsten, darurrr alle mit einander gleich sind. Wenn es aber doch dararrf ankornrnt, einen Uebermenschen zu konstruirerr, so zeigt uns das jahrtarrsende alte jüdische Bersöhnurrgsfest, roie ein solcher aufzufassen sei. Die strenge Kasteiung nebst der: sonstigen Vorschriften der Enthaltsamkeit des Versöhnungstages gebraucht die Religion als Mittel, um die Bekenner zu einer höheren Stufe der Moral emporzutragen. Auf der höchsten Stufe derselben wächst der Uebermensch empor, der aber nicht als „Einziger" mit egoistischem Dünkel auf die Andererr herabsieht, sondern zu dem sie allesammt unter Ueberwindung aller Selbstsucht urrd im vollen Erwerb allgemeinster Merrscherrliebe sich emporheben sollen. Die Enttäuschung darüber, das; seine Zeitgenossen nicht auf der Höhe des moralischen Uebermenschen stehend befunden worden, drückt ein Psalrnist mit den wehmüthigen Worten ans: Ihr dachtet, ihr seid bereits zu höheren Menschen geworden, aber ihr endet wie gewöhnliche Menschen, ihr fallet wie Gefürstete, deren Adel zur Erde gesunken! Der moderne Uebermensch will einen höheren Menschentypus darstellen, zu dessen Wesen Macht und Herrschaft gehören. Er ist exklusiv und von den Heerdenmenschen getrennt, wie die Jrrsel, auf die er sich zurückzieht, vorr dem übriger: Festlande getrennt ist. Er ist das große kranke Kind des Pessimismus, Fleisch von seinen: Fleische, Weser: von seinen: Wesen. Er ist aus der Betrachtung der rregativen Seite des Menschenthnms hervorgegaugen als ein Schattenspiel der Sonnenverdunkelung in: Menschendasein. Die stärkste Seite des Judeuthums ist die Betonung des positiven Menschenthnms. Dieses ist moralisch eritwickelrmgs- und verbesserungsfähig. Ir: der strenger: Selbstzucht und Errthaltsamkeit sollen die vor: der Leidenschaft gebundenen Kräfte frei werden, frei zum Uebermenschen, der alles Gemeine und Niedrige wie eine Abhäutung hinter sich zurückläßt, in innigster Fühlung mit allen anderen diese mit sich emporznheden strebt zu einer allgenrein rr:enschlichen moralischen Ueberart. Zu dieser Stufe kann man aber durch Schmerz und Leid ernporkommen, denn diese sind der Schmelztiegel, in welchem sich das reine Gold des gediegenen Charakters von den Schlacker: des Böser: löst. Ein Symbol dafür ist der Versöhnungstag mit seinen Physischen Leiden der Entbehrung und seir:en Seelenleiden über die Verkennung des sittlichen Lebenszweckes. Es ist dies die