Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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Vor Eintritt in die Tagesordnung derselben widmet der Vorsitzende Louis Sachs dem verstorbenen Geheimen Sanitätsrath Marcuse, „dein alten, lieben Freund und früheren Kollegen, dem stets hilfsbereiten Förderer aller gemeinnützigen Bestrebungen, dem treuen Anhänger seines Glaubens" herzliche Worte ehrenden Gedenkens. Der Vorsitzende bringt alsdann die Mittheilnng des Gemeindevorstandes zur Kenntniß, daß die verweigerte Genehmigung zur Anstellung des Kantors Gott lieb vom Polizeipräsidium trotz nochmaliger Vorstellung nicht zurückgezogen werden könne. Fast debattelos werden alsdann 1161 Mark zur Beschaffung eines Tresors und 287,50 Mark zur Beschaffung von Gasapparaten, die angeblich 10 Prozent Ersparnis; geben sollen, für das Reichenheim'sche Waisenhaus bewilligt, ebenso wird die Vorlage zur Ausgabe von 7543,54 Mark für Pflasterungsarbeiten auf dem Friedhofe in Weißensee angenommen. Zur Drucklegung eines Werkes über Shnagogenmufik, welches von dem hiesigen Kantor Friedmanu versaht lvorden ist und über welches sich die musikalischen Sachverständigen, der hiesige Chordirigent William Wolf und die beiden Oberkantoren in München und Wien sehr anerkennend in ihren Gutachten geäußert haben, wird ein Beitrag gefordert, nachdem der Deutsch-Israelitische Gemeindebund bereits die Summe von 800 Mark zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt und auch Frankfurt a. M. wie andere Großgemeinden zu diesem in jeder Beziehung empfehlenswerthen Unternehmen Beiträge bewilligt haben. Der Referent Leonhard Sachs weist darauf hin, daß die vorhandenen Werke über das Kantorale des Gottesdienstes Vollständigkeit vermissen lassen, und das Buch sehr geeignet sei. den nach dieser Richtung hin bestehenden Mangel zu beseitigen. Er befürwortet die Annahme des Kommissionsbeschlusses, 500 Mark zu bewilligen, giebt jedoch gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck, daß der Gemeindevorstand sich auch, falls erforderlich, zu einer Nachbewilligung verstehen möchte. Der Antrag gelangt mit großer Mehrheit zur Annahme. Ueber den Tarif für Shnagogenplätze erstattet alsdann Herr Leonhard Sachs Bericht. Wie unsere Leser sich erinnern werden, wurde vor einigen Monaten die Revision der Tarife 'ämmtlicher Synagogen beschlossen. Die all Iioe eingesetzte Kommission hat herausgefnnden, daß die ursprüngliche Absicht, die Plätze sämmtlich zu ermäßigen, fast in allen Synagogen nicht von Erfolg gewesen wäre. Außer in der Lützowstraße sind die Plätze fast alle vermiethet, die Besitzer derselben würden ihren Platz nicht abgeben vollen. Somit würde der einzige Erfolg ein schwerer Ausfall für die Semeindekasse gewesen sein, ohne das Ziel zu erreichen, das man sich aesteckt hätte. In der Synagoge Lützowstraße sind die Preise hauptsächlich für die mittleren und billigen Plätze wesentlich herabgesetzt norden, so daß die hierbei entstehende Differenz den Betrag von 10 000 Mark erreicht. Dem bereits früher gestellten Verlangen, mehr Freiplätze auszugeben, ist in diesem Jahre für sämmtliche Synagogen ucksprochen worden. Rechtsamvalt V e i t Simon rügt es, daß in der Lindenstraße die ersten Bänke große Lücken auslveisen; auch hier würde Ane Herabsetzung des Preises sehr bald eine Aenderung herbeiführen. Professor Lelvin vermißt genaue Zahlen und bedauert, keine präzise Antwort aus die Frage erhalten zu haben, wie viel Freiplätze in jeder Synagoge zur Verfügung stehen. Den Wünschen der Versammlung ^'i seiner Meinung nach sehr wenig Rechnung getragen lvorden, da der Tenor der früheren Diskussion dahin gelautet hätte, möglichst Allen den Besuch der Synagoge zu den hohen Feiertagen zugänglich zu machen. Die Summe von 10 000 Mark sei kein Ausfall für das Budget der jüdischen Gemeinde, und er bitte, die Vorlage noch einmal mit allen Einzelheiten in einer späteren Sitzung zur Diskussion zu stellen. Dieser Vertagungsantrag wird auf Wunsch des Vorsitzenden vom Antragsteller wieder zurückgezogen. In der weiteren Diskussion erklärt es der zweite Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Julius I a co b y , als unmöglich, in anderer Weise vorzugehen. Die bisherigen Inhaber der Plätze können doch nicht gezlvungen werden, dieselben abzugeben. Der Referent Sachs iveist alsdann noch darauf hin. daß die Unkosten des Gottesdienstes so hohe seien, daß ohne Noth die Preise nicht herabgesetzt werden könnten. In den neu zu erbauenden Synagogen werde nach ganz anderen Prinzipien verfahren werden. Die Anzahl der Freiplätze sei bei den Vorlagen über die Abrechnung der einzelnen Synagogen stets veröffentlicht worden. Die Herabsetzung der Preise in den vorderen Reihen der Synagoge Lindenstraße hätte eine Reduktion aller Plätze nach sich gezogen. Nachdem noch Herr- Oppenheim mit besonderem Nachdruck darauf hingeiviesen, daß die Synagogennoth in Berlin in frappanter Weise gestiegen sei und daß voraussichtlich die Bauplätze billiger würden, wird die Vorlage genehmigt. Es wird nunmehr die Sitzung unterbrochen und die Einführung des letztgewählten Aeltesteu - Stellvertreters Dr. Julius Stern vollzogen. Der Vorsitzende Louis Sachs begrüßt den neuen Stellvertreter und verpflichtet ihn durch Handschlag auf das neue Amt. Er weist darauf hin, daß der Gewählte bereits sich in der Armenverwaltung in hervorragender Weise bethätigt und somit schon Fühlung mit den Gemeindeinstitntionen hätte. Insbesondere sei es jedoch freudig zu begrüßen, daß in den Gemeindevorstand wieder ein Arzt eintrete, dessen Aufgabe es sein werde, besondere Sorgfalt auf die hygienischen und sanitären Maßregeln, die in den gemeinnützigen Anstalten der Gemeinde zu treffen seien, zu verwenden. Die jüdische Gemeinde dürfte sich in dieser Beziehung nicht des Vergehens schuldig machen, in ihren Instituten weniger zu leisten als die andersgläubigen Mitbürger. In der Erhaltung und Beobachtung aller hygienischen und sanitären Vorschriften liege die Gesundung des Heranwachsenden Geschlechts, und es müsse die größte Fürsorge der Gemeindeverwaltung sein, die Kinder der Unbemittelten, indem sie sie in gesunde Räume bringe, zu stärken und zu kräftigen, damit sie dereinst tüchtige Mitglieder der Gemeinde werden können. In kurzen Worten dankt Dr. Stern für die freundliche Ansprache des Vorsitzenden und versichert. daß er in strenger Unparteilichkeit nach Kräften den Aufgaben, die ihm Zufällen, Nachkommen iverde. Einen breiteren Raum in der alsdann wieder aufgeuommenen Diskussion nahm die Vorlage ein zur Kenntnißnahme betreffend den Religionsunterricht an den königlichen höheren Mädchenschulen. Der Referent Professor Blaschke bringt in Erinnerung, daß die Repräsentantenversammlung am 29. April d. I. durch den Gemeindevorstaud beim Provinzialschulkollegium vorstellig geworden wäre, an der königlichen Elisabethschnle und eventuell auch an der Angustaschule jüdischen Religionsunterricht ertheileu zu lassen. Bis zum August sei hierauf keine Antwort erfolgt, auf eine erneute Anfrage sei nunmehr am 1. Septemberfolgender Bescheid eingegangen, den wir im Wortlaut wiedergeben: „Die Einrichtung besonderer jüdischer Religionsstnnden an der königlichen Angustaschule kann wohl nicht in Frage kommen, da im Ganzen nur 16 jüdische Schülerinnen der Mittel- und Oberstufe der genannten Anstalt angehören. In der Königlichen Elisabethschule befinden sich zur Zeit 39 jüdische Schülerinnen in der Oberstufe. Von diesen sind 25 über 14 Jahre alt und haben den jüdischen Religionskursus meist völlig durchgemacht; von den übrigen 14 erreichen 7 auch noch im Laufe dieses Jahres die Grenze des schulpflichtigen Alters. Die Mittelstufe besuchen 29 jüdische Schülerinnen, von denen aber 11 auf Wunsch ihrer Eltern am christlich en Religionsunterricht theilnehmen. So kommen also znr Zeit an dieser Anstalt im Ganzen 32 jüdische Schülerinnen in Frage, für deren religiöse Unterweisung theils in Privatkreisen, theils in günstig gelegenen jüdischen Religionsschulen gesorgt ist. Nach dem Bericht des Direktors ist für Michaelis durch Versetzung beziehungsweise Ab- und Zugang keine Vermehrung, sondern eine Verminderung der Frequenz jüdischer Schülerinnen