Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- Seite 455 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228404--56841-3293176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
455 bodenlose Gefräßigkeit noch treiben! Znm Brudermord! Du glaubst wohl, daß Dir sonst das Gehennim nicht sicher ist? Meine Unterschrift hast Du nun bekommen — hier auf Deinem Rücken! Vielleicht willst Du, daß ich sie auch noch unterstreiche?" Jonas gab keme Antwort; mit einem Ruck seiner Schulter schüttelte er seinen Vater ab und ging hinaus. Wer ihn so gesehen hätte, wie er, die Hände in den Taschen, ein Lächeln auf dem Gesicht, mit aller Macht zu pfeifen begann, wäre sicher der Meinung gewesen, daß er soeben eine höchst angenehme Erfahrung gemacht habe. Langsam schritt er einher, der nachdenklichen Stimmung entsprechend, in der er sich befcnld. Er fragte sich im Stillen, ob er wirklich verdiente, was die Leute von ihm dachten und sagten, er wunderte sich, warum Niemand ihm zutraute, daß er das Gute wollte, warum ihn Alle verdammten, und wie es nur gekommen war, daß man mit seinem Namen alles erdenkliche Böse in Verbindung brachte. Was konnte er dafür, daß ihm die Natur die nvthigen Eigenschaften zum Studium versagt hatte, die sein Bruder Mendel besaß? Da er die stolze Tradition seiner Fanlilie väterlicher- und mütterlicherseits nicht aufrecht hielt, da er kein großer Gelehrter geworden war wie Mendel, so war es vielleicht llur natürlich, daß er die Liebe seiner Eltern verwirkt hatte. Aber er konnte doch nichts dafür, daß er noch keine Beschäftigung gefunden hatte? Er ließ sich aus kindlichem Pflichtgefühl von seinem Vater schlagen; mochte er es thun, wenn es ihm Vergnügen gewährte, er hatte ja sonst keine Freude auf Erden als feinen älteren Sohn Mendel. Aber es war doch nicht seine Pflicht, sich dies von einem Fremden gefallen zu lassen! Und das hatte der Mann, bei dem er beschäftigt gewesen war, zu seinem eigenen Schaden erfahren. Seither war Jonas brodlos und mehr oder weniger ein vogelfreier Vagabund, über den das ganze Dorf prophetisch den Kopf schüttelte und in ominöser Weise die Stirn runzelte. Er ertrug das alles lächelnd und pfeifend, bis die Dorfpropheten davon überzeugt waren, sei es einzig und allein Zweck und Ziel seines Lebens, ihre Weissagung zu rechtfertigen. I onas aber wußte, daß sein Lächeln nur oberflächlich war, daß sein Pfeifen nur von den Lippen, nicht aus dem Herzen kam. Er hatte die allgemeine Verachtung, deren Zielscheibe er war, herzlich satt. Und doch — warum ertrug er sie, er, der abenteuerliche, verwegene Gesell? Warum verrödelte er hier die Zeit, anstatt seinen Tornister zu nehmen lud davonzugehen „über alle sieben Berge" — wo er ein neues Leben beginnen konnte, ohne daß ihm aus jedem Augenoaar, dem er auf der Straße begegnete, seine Schande entlegenblickte? Warum ging er nicht? Die Antwort trippelte ihm auf zwei zarten Füßchen entgegen; sie hatte ein süßes Kindergesicht, denn sie hatte eben rst die Grenze zwischen Kind und Weib überschritten. Als gonas das junge Mädchen erblickte, fuhren die Hände plötzlich ans den Taschen, und das Pfeifen erstarb ihm auf beu Lippen. „Guten Tag, Fryda," sagte er. Aber sie preßte die Lippen zusammen und ging an ihm oorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Was ist denn los?" fragte er bestürzt. „Thu nicht so, als ob Du es nicht wüßtest," sagte sie zornig, „hast Du nicht vor einer Stunde Deinem Bruder mit dem Tode gedroht? Ich weiß alles." Jonas war fassungslos. „Erstens ist es rächt wahr." sagte er errdlich, „zweitens war es nur eine Drohung, und drittens, was hat das mit Dir zu thun?" Frydas Antwort war ein Erröthen, das ihr ganzes Gesicht mit einem rosenrothen Schimmer übergoß. Jorras verstand das Erröthen nicht; es brachte ihrr ganz außer Fassurrg. Er hatte unzählige Male mit ihr gesprochen, aber nie zuvor hatte er dies Phänomen bemerkt. „Schon wieder Unwissenheit vorschützen!" antwortete sie, aber bedeutend sanfter, „als ob Dir nicht wüßtest, daß Dein und mein Vater sich gestern Abend geeinigt haben, daß Mendel mein Mann werden soll! Du wirst zugeben, daß ich gute Gründe hatte, Dir böse zu sein, weil Du ihn an Leib und Leben bedrohtest. Aber Du wirst es nie wieder thun, nicht wahr, nein, Jonas?" Sie erhob bittend die Augen zu den seinigen empor und sah erstaunt, wie blaß er geworden war; sie glaubte vor Reue. „Nein," erwiederte er; dann platzte er heraus: „Sag' mir eins, Fryda — liebst Du ihn?" „Oh ja, sehr, ich Hab' ihn gern, seit ich denke. Wie wär's auch anders möglich, da doch Jedermann ihn lobt? Ist er nicht der größte Gelehrte hundert Meilen im Umkreis? Darum allein würd' ich ihn lieben. Ich Hab mich immer gewundert, Jonas, daß Du mit einem solchen Bruder zur Seite bist, was Du bist." „Ich wundere mich selbst sehr oft darüber," sagte Jonas und ging mit einem kurzen Kopfnicken weiter. Fryda merkte gar nicht, daß er ihr nicht gratulirt hatte. Jonas setzte mit unregelmäßigen schwankenden Schritten seinen Weg fort. Die ßeitte, die ihm begegneten, nickten bedeutsam. „Nurr hat er sich gar dem Trünke ergeben", sagten sie zu einander. Jonas wurde es zürn erstenmale klar was für ein Auswurf er im Elternhause war: selbst ein so wesentliches Familienereigniß hat man nicht für nöthig gehalten, ihm mitzntheilen. Aber dies bittere Gefühl darüber war noch honigsüß im Vergleich zu der Erkenntnis;, daß der einzige Stern an feinem Himmel erloschen war, und daß er nun im Dunkel umhertappte, llnb doch, was hätte er anderes erwarten können? Das Unkraut konnte nicht um die Rose freien, und er war sich ja auch seiner Unwürdigkeit bewußt und hatte seine Sehnsucht nie gestanden. Diese Demüthigung war ihm wenigstens erspart geblieben — er war dankbar dafür. Fortab durfte er auch sie nicht mehr lieben, sie, um derenwillen er auch die Anderen nicht gehaßt hatte, es war eine Sünde, sie zu lieben. Sein Entschluß lvar gefaßt: ein wenig nur wollte er in seinem Hasse schwelgen, der sich nun mit aller Macht in ihm regte, dann fort, für immer! Als er spät abends heimkehrte, ftanb der Kartoffelschmarrn auf dem Heerde, kalt und sauer. Jonas verschlang ihn gierig sammt einem Stück Schwarzbrot. Die schlechte Kost mundete ihm vortrefflich; er wußte sehr wohl, daß es nicht der Hunger war, der sie ihm versüßte: es lvar der bittere Haß. (Schluß folgt.)