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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-21 · Heft 38 (21.9.1900) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
Seite 454 (sequence 12)
Language
German
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454 EUILLETON iithlM** Jur Ehre Gottes. Von Samuel Gordon, London. I. _LA>inaus mit Dir, oder ich schütte Dir den Kessel mit siedendem Wasser über den Kopf! Was Hab' ich auch verbrachen, daß ich einen solchen faulen, nichtsnutzigen, gefräßigen Nimmersatt zum Sohn habe! Etwas zu essen willst Du, wirklich? Bitte, was möchtest Du denn am liebsten — Lammsbraten? Gekochten Mondschein mit Zucker bestreut? Oder Pfannkuchen aus dem Blau des Himmels? — Nur sechs Uhr haben wir Kartoffelschmarren — bis dahin keinen Bissen, verstanden? Wer zuerst auf die Idee gekommen ist, Dich Jonas zu nennen, war ein Prophet: ein Haufen Unglück bist Du stets Deinen Eltern gewesen — sonst nichts. Willst Du nun machen, daß Du fortkommst oder nicht?" Und die Frau machte eine so rasche Bewegung in der Richtung des erwähnten Kessels, daß Jonas es für angezeigt hielt, sie ernst zu nehmen. Er lächelte also, steckte die Hände in die Taschen und ging gemächlich hinaus, während er die lustigste Melodie pfiff, die ihm einfallen wollte. Es war zwölf Uhr, folglich fehlten noch sechs Stunden zu dem versprocheneu Mahle. Aber es verlohnt sich um einer solcher Kleinigkeit nicht, unglücklich zu sein, dachte Jonas. Er schleuderte die Dorfstraße hinauf; plötzlich blieb er stehen: Mendel, sein einziger Bruder, kam des Weges. Mendel war zwanzig Jahre alt — um zwei Jahre älter als Jonas, trotzdem Niemand es für möglich gehalten hätte, denn Jonas war um einen Kopf größer und seine Brust war breit wie ein Scheunenthor. Mendel trug einen dickleibigen Band unter dem Arme und ging sehr langsam, als ob das Gewicht ihn niederzöge. Sein Blick war nachdenklich auf den Boden geheftet. „Soll ich Dir das Buch tragen?" rief Jonas freundlich aus. — Statt einer Antwort schüttelte Mendel in zorniger Ungeduld den Kopf, wie Einer, der eine unerlaubte Unterbrechung übel ninunt. Jonas lächelte etwas verächtlich. „Er wird sich wohl gerade den Kopf darüber zerbrechen, wo ein Hund seinen Magen hat oder sonst was Aehnliches und ebenso Wichtiges," sagte er zu sich. Dann folgte er ihm soweit er konnte. Mendel trat in das Haus ein, Jonas aber, eingedenk dessen, was drinnen seiner harrte, lungerte draußen herum; er erwartete etwas, und er hatte sich nicht getäuscht. Der Duft gerösteter Zwiebeln erfüllte die Luft. Jonas sog ihn ein; wenn er auch uicht eßbar war, so war es doch schade um die Verschwendung. Zehn Minuten später hörte er, wie die Hinterthür der Küche sich öffnete und wieder schloß: seine Mutter war fortgegangen, um irgend eine Besorgung zu machen. Jetzt oder nie. Rasch trat er ins Wohnziuuner ein und fand Mendel am Tische sitzend, einen Riesenteller mit gerösteter Kalbsleber vor sich; das dickleibige Buch lag aufgeschlageu daneben. Als Jonas eintrat, schaute Mendel auf und blickte dann ängstlich von seinem Bruder auf seinen Teller und wieder auf seinen Bruder. „Was willst Du?" fragte er mürrisch. „Nichts Besonderes," erwiederte Jonas sanft, „ich dachte mir nur, wenn Du vielleicht nicht alles bewältigen kannst —" „Hab' ich's nrcht gewußt?" schrie Mendel, „ich kann nicht einmal eine Mahlzeit verzehren, ohne daß Du mir den Bissen aus dem Munde reißen möchtest!" „Nicht so laut, ich bitt' Dich, liebster Mendel," bat Jonas hastig — er kannte Mendels Taktik — „wenn Du nichts davon entbehren kannst, so geh' ich wieder, Du brauchst Dich darum nicht so aufzuregen." „Nein, ich kann nichts davoll entbehren," erwiederte Mendel salbungsvoll — seine Mutter hatte mit dem Fett zur Kalbsleber nicht gespart — „es wäre Gotteslästerung. Siehst Du denn nicht, daß ich dies zur Ehre Gottes esse?" Jonas formte das nicht finden. „Du Dummkopf," fuhr Mendel fort, „Dir muß man aber auch alles erklären. Nun denn, paß auf. Ich brauche sehr viel Nahrung, damit mein Körper stark sei. In einem starken Körper wohnt ein starker Geist — natürlich, wenn man voll Vorneherein Geist hat. Und einen ftarfeu Geist braucht man, um Gottes Wort zu studiren, und wenn man Gottes Wort studirt, so bedeutet das, Gottes Ruhm verkünden. Bei Dir hingegen, der ein Aleph uicht von einem Beth unterscheiden kann, macht es nichts, wenn Du zum Beispiel nur einmal im Monat issest." Jonas schwieg und dachte darüber nach, ob er nicht einen Fehler in der Logik seines Bruders finden könnte; ach nein, die war unanfechtbar. Mittlerweile verriethen Mendels Kinnbacken, daß er den Muth seiner Ueberzeugung besaß. „Ich will es durchaus nicht als etwas Berechtigtes hinstellen," sagte Jonas einen Augenblick später, „ich will Dich nur fragen — vielleicht bist Du in Deinen Büchern darauf gestoßen — kann Ulan md)t auch etwas zur Ehre Gottes beitragen, indem mall sein Brod mit dem Hungrigen theilt?" Melldel bückte sich tief über fein Buch, das hinderte aber Jonas llicht, zll bemerken, wie roth seine Ohren plötzlich geworderr lvaren. „Es kommt wohl etlvas darüber in unseren Gesetzen vor," erwiederte Mendel Ulld wendete sich wieder seinem Teller zll, „die Stelle soll aber nicht echt sein." Jonas gerieth langsam in Verzweiflung: die Leber war fast zur Hälfte verschlvunden, und Mendels Appetit schien immernoch llicht in Abnahlne begriffen zu sein. „Weißt Du, Mendel," sagte er, indem er entschlossen all den Tisch trat, „man sagt, daß der Hunger an und für sich ein Gesetz ist, und dem Gesetz muß man Folge leisten, das siehst Du doch auch ein?" „Zll Hilfe! Zu Hilfe! Diebe! Mörder!" schrie Mendel aus Leibeskräften, indem er fein irdenes Füllhorn mit beiden Hündeir krampfhaft umschloß, „Jonas erlvürgt mich!" Bevor Jonas sich noch entschließen foimte, welche Maßregeln angesichts dieses entschiedenen Widerstandes am bester: zil ergreifen wären, hörte er eine Gerte hinter sich faufeit Ulld empfand bald darauf einen heftigen Schmerz auf dem Rücken. Dann faßte ihn etwas am Kragen urrd die Stimme seilles Vaters drang an sein Ohr: „Dazu wird Dich also Deine

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