Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- Seite 453 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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453 den Muth -iderfahren )en ganzen ren. >en in derber Werthe das ist die der Juden enaufstand ne geistige den Kamps )eil unserer a, sondern es hier bei te in Rom wirft: vor Judenthum sfeindlichen ig asketisch Testament ltflucht und wohnte. Die führte, Hai Lehren bei nals eineu llte eine in mtsreligiou n mit ben wllte, ohne lhauer, der en jüdischen tzopenhauer ossagte, so ah in den t in Europa die Juden, wie es ja ebergewicht )t fest; bci: wollen und lgesaugt zu chl beachten and nützli,: verweisen. Letrachtui, ein Phan >as in eine-i h mir nicht sich in dein l „Morgen erung einer rauschende erhebt sich idnrch, da>; ndelte und Ehrbaren erwehrte und sie um so tiefer in die schmutzigsten Gewerbe hineinstieß;.sie haben aber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben und ebenso hat die Tugend aller Leidenden nie aufgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehe und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus." Weiter sagt Nietzsche von. den Juden: .„Inzwischen haben sie nöthig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen, bis sie es so weit bringen, das, was auszeichnen soll, selber zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und Wegzeiger Europas heißen... Wohin sollen auch die vielen angesammelten Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, wohin sollen sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke. Dann werden die Juden ans solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker mit kürzerer und weniger reifer Erfahrung nicht hervvrzubringen vermögen . . . Wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird, dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf, und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freuen." So urtheilte der größte Denker des verflossenen Jahrhunderts über Juden und Judenthum. In diesem begeisterten Urtheil Nietzsches, das sich mit unzähligen ähnlichen Stellen aus seinen Schriften belegen läßt, liegt die höchste Anerkennung des geschichtlichen Judenthums, wie es historisch geworden ist. Dort, wo sich Nietzsche in der religiösen Auffassung des Judenthums zu diesem im Gegensatz befindet, verkennt er zumeist die Tendenz der jüdischen Religion. Ihm imponirt die Kraft und die Zähigkeit des reichen jüdischen Geistes. Aber dieser Geist ist in der Disziplin der jüdischen Religion nicht minder wie in den „aufgespeicherteu" geschichtlichen Erfahrungen gestählt. Ein Dogmatismus mit der Tendenz einer Herrschaft über den Geist ist dem Judenthum fremd. Wo Pessimismus und Asketismus ins Judenthum gerathen sind, haben wir ein verfälschtes Judenthum vor uns. Das Judenthum besteht in seinem Gott und seiner Ethik. Alles andere ist Geschichte. Dieser Gottesbegriff, als dessen priesterliche Verkünder sich die Juden fühlen, umfaßt das Weltall und durchdringt es mit dem Begriff der Gesetzmäßigkeit und dem Begriff der Bestrafung des Bösen und der Belohnung des Guten. Auf keiner Seite der Bibel ist ein Dogma gepredigt oder die Askese als Selbstzweck gefordert. Erst das Christenthum hat zielbewußt in dogmatisch religiöser Fassung das ganze Schwergewicht des Seins ins.Ueberirdische und Zukünftige verlegt und eine völlige Preisgabe des Diesseits zu Gunsten des Jenseits vollbracht, wie sie in so prononcirter Forin niemals Tendenz des alten Testaments gewesen ist. Die ins Judenthum hineingerathenen rabbinisch-talmudischen Vorschriften, soweit sie asketisch erscheinen, sollten nicht vom Leben abwenden, sondern nur ein Schutzwall sein gegen die Abgründe des Lebens. Sie sollten eine Beherrschung der Lebenstriebe anerziehen und gleichzeitig auch gleichsam als Ordensregeln das Judenthum kitten und vor Verfall bewahren. Diese Aufgabe habe« sie erfüllt und haben sie weiter zu erfüllen. Keiner hat die optimistische Lebensbejahung des Judenthums schärfer charakterisirt als gerade Nietzsche mit den Worten: „Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie, vor die Frage von Sein oder Nichtsein gestellt, das Sein um jeden Preis vorgezogen haben." Will mau Nietzsche gerecht werden, so kann man, ohne dadurch im Entferntesten die Gesundheit seines geistigen Schaffens und die Tragfähigkeit seines Denkens in Zweisel ziehen zu dürfen, doch nicht ganz an der Krankheitsgeschichte Nietzsches Vorbeigehen und muß ihr einen bestimmten Einfluß auf die Stimmungen Nietzsches zusprechen. Von Schmerzen heimgesucht, unstät bald hier bald dort im Süden Heilung suchendmußte sich in Nietzsches Empfinden jene vom Alttagsgetriebe losgelöste Stimmung vorbereiten, die sich über alle Konvention zu erheben vermag, um über dem Allzumenschlichen zu schweben und zu schwindelnden Phantasien emporzusteigen. Aus der Sprunghaftigkeit seiner Seelenstiinmung erwuchs auch mancher Gegensatz und Widerspruch seiner Reden: Wie sehr Nietzsche auch oft der elementaren Lebensfreude das Wort spricht und das vergrämte, grabeshohle memento mori mit seinem aufjauchzenden ineintziito vivere übertönen will, so preist er doch für die geistig hochstehenden Menschen die Askese und Selbstbezwingung als Gewinn und Vollendung. Wohl treibt er über unsere allzu vergeistigte Menschlichkeit einen gewissen Kult der Leiblichkeit. Wir sind ihm zu viel Geist, zu viel Tugend. Dennoch ist ihm, wie am Judenthum, der Geist das Höchste. In der aufs Aeusterste gesteigerten Lebenslust sucht Nietzsche nur mehr Läuterungsslammen, uiu in deren Weißgluth alles Schwache und Unlebensfühige auszuscheiden. Aus den Schultern Darwins stehend, lehrt er so, in seiner Art eine Auslese und Züchtung der Besten und Großen, des „Uebermenschen", seinem dichterischen Phantoin, das er in grauer, nebelhafter Ferne schaut. Derselbe Nietzsche, den man nicht selten als Feind und Verächter alles Menschlichen verlästert, hat den Satz aufgestellt: „Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist, beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage eine Freude machen könne!" Aus diesem Satze spricht eine religiöse Ethik, wie sie schöner noch keine Religion formülirt hat. Der grimmige Bekümpfer der Religionen trug ein feines Verständniß für ihre Segnungen in sich, denn wenn Nietzsche auch vielfach zu der Folgerung gelangen mag, daß die Nachtheile der religiösen Entweltlichung ihren Nutzen übersteigen, so schickt er doch voraus: „Religion und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Svnnenglanz auf die Seelen immer geplagter Menschen, inacht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich, sie wirkt erquickend, verfeinernd." Der große Einsiedler von Sils Maria, Friedrich Nietzsche, hat sich mit seinem Zarathustra, der dichterischen Gestalt seines prophetisch weisen Einsiedlers, identifizirt. Zarathustra, der Strenge und Gottlose, wird am Ende weich. „Verwandelt ist Zarathustra, ein Kind ward Zarathustra," und er giebt den Fragenden zur Antwort: „— ich liebe die Menschen." Diese inbrünstige Liebe zur Menschheit und der heiße Wunsch nach ihrem Glück hat Nietzsche bis zuiu Uebermaß erfüllt und ihn sich selbst vergessen lassen. Er zählte sich selbstjzu den Argonauten des Ideals, von denen man einst sagen würde, „daß auch sie, nach Westen steuernd, ein Indien zu erreichen hofften, daß aber ihr Los war, an der Unendlichkeit zu scheitern." Das Wort hat sich an Nietzsche erfüllt. Wir Juden aber gedenken in dankbarer Verehrung des großen Mannes, der wie kein Anderer in diesen Zeiten in begeisterter Weise eine Renaissance des Judenthums verkündet hat. | |