Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- Seite 452 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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452 der Vielen entgegen und verstand es so, die Herrschaftsrechte der Starken und Großen niederzustimmen. Diese Umwerthung der Lebensprinzipien, ihre Umkleidung mit Mitleid, Schwachheit und Selbstverleugnung lies; an Stelle einer maßlosen Steigerung der Lebenskraft und Lebenslust eine Dämpfung und Herabstimmung, eine Ueberwindung des Lebens treten. Der Typus Mensch wird vermittelmäßigt und verkleinlicht, das Individuum verschwindet in der Heerde. Ueber unsere gesummte Moral hinweg macht Nietzsche den waghalsigen Sprung ins „moralfreie", morallose „Jenseits von gut und böse". „Jenseits von gut und böse", wo die ungebändigte Freude wohnt und die ungezügelte Lebensfülle, ist Nietzsches Traumland. Hier thront der Gott Nietzsches, der befreite Mensch, der „Uebermensch". Denn der cingeschüchterte Mensch von heute ist etwas, das „überwunden werden muß". So lehrt Nietzsche und er lehrt den Uebermenschen, der keine Grenzen kennt für seinen Willen und der sich selbst Zweck und Ziel ist. Die Gesellschaft ist nach Nietzsche nicht um der Gesellschaft willen da, sondern nur „als Unterbau und Gerüst, au dein sich eine ansgesuchte Art zu ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu dem höheren Sein emporzuheben vermag". Große Menschen mit eigenen Initiativen sind ihm Zweck und Ziel, auch wenn sie Despoten wie Napoleon und selbst wenn sie Verbrecher wie Cösare Bvrghia sind, ganze Männer um jeden Preis als höchsten Sinn der Menschheit. „Ein Volk ist nur der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben großen Männern zu kommen." Hatte Schopenhauer den „Willen" zum feststehenden Pol erhoben, sv nennt Nietzsche die Formell die er als das Lebensprinzip definirt „Wille zur Macht". Damit geht er über Schopenhauer hinaus und kommt zu entgegengesetzten Konsequenzen. Er überwindet Schopenhauer, indem er dessen lähmenden Pessimismus mit einem lebensdurstenden Optimismus ablöste. Bei allen: bleibt Nietzsche extremer Individualist. Er bekämpft alles, was dazu angethan erscheint, das Individuum vor der Gemeinschaft in den Hintergrund treten zu lassen. Der Sozialisnms ist ihm nur ein Verfallsshmpton: mehr auf dem Wege der Unterdrückung aller über die Menge hinausrageuden Individualitäten. Der moderne Mensch ist ihm ohnedies schon zn unpersönlich, zu wenig Charakter, zu sehr Gesellschaftstypus. Die Quelle aller Uebel aber, die sich über die Menschheit ergossen und ihre Willensstärke hinweggeschwemmt hat, sieht Nietzsche in der jüdisch-christlichen Morallehre, in der Lehre von Duldung und Entsagung, wie sie Mutter- und Tvchterreligivn gleichermaßen gepredigt haben. Das Christenthum hat keinen grinunigeren Hasser gehabt als Friedrich Nietzsche, der sich selbst mit Behagen „Jmmoralist" und „Antichrist" nannte. Erst die Religion, das Christenthum zumal, hat in der Auffassung Nietzsches das Leben zum Begriff eines Jammerthals gemacht. Christenthum und Judenthum haben die Menschen auf die Knie gezwungen und sie gelehrt, sich zerknirscht im Staube zu wälzen. „Der Begriff der Sünde", daß „alles Natürliche das Unwürdige" ist, ist nach Nietzsche jüdisch, und mit diesem Begriff habe das Christenthum die Welt „verjudet". —' Friedrich Nietzsche nimmt die Dinge immer bei ihren äußersten Enden. Und so ist es natürlich, daß er auch bei der Bewerthung des Judenthuuis sich in Extremen bewegt, die alles grell, aber un: so schärfer beleuchten. Der Philosoph, der unsere sämmtlichen Werthbegriffe umzustoßen den Mnth fand, hat dabei dem Judenthunr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die grundlegende Bedeutung desselben für den ganzen Zuschnitt unserer Kultur uneingeschränkt anzuerkennen. Vvn dem Auftreten des Priestervolks der Juden in der Weltgeschichte datirt Nietzsche die Uinwerthung aller Werthe her. Er kann dem Judenthum eines nie verzeihen, das ist die Schöpfung des Christenthums. Mit dem Auftreten der Juden auf der Weltbühne beginnt für Nietzsche der „Sklavenaufstand der Moral". Das Christenthmn erscheint ihm die geistige Rache des Judenthums an seinen Feinden. Ans den Kamps zwischen Judäa und Ron: führt er einen guten Theil unserer Kulturgeschichte hinaus. Nicht Rom besiegte Judäa, sondern Judäa besiegte Rom. „Es ist kein Zweifel", heißt es hier bei Nietzsche, „man bedenke, vor wein man sich heute in Rom und in der ganzen Welt beugt uud in den Staub wirft: vor drei Juden wie inan weiß und einer Jüdin." Friedrich Nietzsche verschmilzt Christenthum und Judenthum mehrfach in einem Athen: zu einer gleichen lebensfeindlichen Tendenz und stellt beide Religionen als gleichmäßig asketisch hin. Mit Unrecht. Ein Blick allein auf unser altes Testament zeigt, daß dem alten Judenthum das Dogma der Weltflucht und Selbstpeinigung, der Abkehr vom Leben nicht inuewohnte. Die kleine Sekte der Essäer, die ein asketisches Leben führte, hat mit ihren ausschließlich hinrmelwärts gekehrten Lehren der Weltentsaguug im Schooße des Judenthums niemals einen maßgebenden Einfluß gehabt. Das Judenthunr sollte eine in. großen Umrissen gehobene sozial ausgebaute Staatsreligion sein, die die Bedürfnisse und Anrechte des Einzelnen mit den Bedürfnissen der Gesellschaft in Einklang bringen wollte, ohne den Blick von: realen Leben abzurvenden. Schopenhauer, der Judenfeind, hat oft seinen: Grimm über den ruchlosen jüdische» Optimismus Luft gemacht. Wie sich Nietzsche von allem was er einst an Schopenhauer und Richard Wagner geliebt hatte, mit der Zeit lossagte, so verdammte er auch deren Judenfeindschaft. Er sah in den Juden „die stärkste, zäheste und reichste Raffe, die jetzt in Europa lebt" und sagte über de:: Autisenütismus: „Daß die Juden, wenn sie wollen, oder wenn man sie dazu zwingt, wie es ja die Antisemiten zu wollen scheinen, jetzt schon das Uebergewicht ja die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest; daa sie nicht darauf hinarbeiten, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie viel:::ehr, in Europa ein- und aufgesaugt zn werden. Man sollte diesen Zug und Drang wohl beachten und ihn: entgegenkommeu, wozu es vielleicht billig und nützlich wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen. Von dem gleichen Gedanken getragen ist auch seine Betrachtung „Vom Volke Israel", in der Nietzsche den Juden ein phan tastisches, völkerbezwingendes Programm entrollte, das in einen Hymnus auf das Judenthum ausklingt. Diese Stelle und die nachstehenden Sätze, die ich nur nicht versagen kann, noch wörtlich anzuführen, finden sich in den, Werke Nietzsches, das den verheißungsvollen Titel „Morgen röthe" führt. Und zu einer farbenprächtigen Schilderung einer Morgenröthe Israels, wie sie begeisterter und berauschende kein jüdischer Romantiker hätte dichten können, erhebt sich Nietzsche, da er von den Juden schreibt: „Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch, den: man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allen: Ehrbaren