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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-21 · Heft 38 (21.9.1900) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
Seite 451 (sequence 9)
Language
German
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451 nigung der Wäsche, völlig kostenfreie Verpflegung in Krankheitsfällen und, wie bereits bemerkt, bei Invalidität odersonstiger Erwerbsunfähigkeit eine Pension voll 800 Mark jährlich, welche bis zu 1000 Mark erhöht werden kann, auch steht es den erwerbsunfähigen Schwestern, welche Pflegedienst nicht mehr ausüben können, frei, im Schwesterheim zu verbleiben, falls sie nicht vorziehen, zu Verwandten zu gehen oder anderwärts zu leben. Man mag die völlig freie Station aber noch so gering veranschlagen, das Einkommen unserer Schwestern wird man immerhin auf 1500 Mark beziffern müssen, was bei anderen weiblichen Berufszweigen und ohne Aussicht auf eine ausreichende Pension doch kaum wird übertroffen werden. Also auch materiell betrachtet, ist der Beruf einer Krankenpflegerin nicht ungünstiger gestellt als irgend ein anderer Berufszweig. Wir wüßten demnach nicht, welche triftigen Gründe vorliegen könnten, geeignete Mädchen oder Frauen von diesem Beruf zurückzuhalten; wir meinen im Gegelltheil, man sollte allen Personen, welche zu der Krankenpflege Hinneigen, für diese Lust und Liebe empfinden, jeden Stein zur Erreichung ihres Zieles aus dem Wege räumen, mau sollte die Zaudernden unter Darbietung der nöthigen Aufklärung bewegen, den Versuch;u wagen, und Diejenigen, die sich durch Borurtheile von dem Beruf abwenden, durch Belehrung und wiederholte Aufforderung allmälig diesem Berufe zuführen. Hoffen wir, daß es uns gelingen wird, iin Laufe der Jahre ine stattliche Schaar jüdischer Mädchen und Frauen zu gebildeten tüchtigen Krankenschwestern auszubilden, sie hierdurch >em höchsten und schönstell Beruf weiblicher Thätigkeit znuführen, dieselben loirken zu lassen, „ein Segen für unsere ranken Glaubensgenossen llud eine Ehre für unsere jüdischen grauen". Bei redlichem Wollen wird auch der Erfolg nicht ausleiben. L. S. Friedrich Nietzsche und das Iudenthum. Von Maximilian Stein. wei Männer haben dem zeitgenössischen Denken die Richtung mitbestimmt und vorgezeichnet. Jlll Allfang des Jahrhunderts wurde Arthur Schopenhauer geboren, essen Ideenwelt bis vor etwa zwei Jahrzehnten das philoophische Modedogma geblieben war. An diesen Lehrer des essimismus kllüpft der zweite Dellker an, dem es vergöullt nu\ am Schluffe des Jahrhunderts die philosophische Parole mszugeben und dem Zeitgeiste beit Stempel seines Geistes aufudrücken: Friedrich Nietzsche. Biel gehaßt ulld viel bewulldert, viel bekämpft ulld doch on aller Welt gelesell, bilden Friedrich Nietzsches Schriftell den 'sselndstell Anziehungspunkt in den mannigfachen Strömungen und Geistesbewegungerl ullserer Tage. Mall bekämpft Friedrich uetzsche, weil llnsere ganze Zeit vom Geiste seiner llmstürzenden Philosophie durchtränkt erscheint, mall tritt ihm vielfach entegell, weil mall in seinen! steigenden zersetzenden Eillfluß auf unsere Kulturfornlen eine Gefahr erblickt. Und andererseits iebt lllall Friedrich Nietzsche und fühlt sich von ihm allgezogeil, weil man alle Widersprüche unseres skeptischen Zeitalters in 'hm verkörpert ahnt, weil aus feinem hochgespannten Geiste oie Zwelfel ulld Begierden, die Wünsche ulld Enttäuschungen ullserer friedlosen Lebensepoche sprechen, weil man sich in Friedrich Nietzsche selber wiederfilldet. Ein tragisches Geschick hat diesen stolzen Denker heimgesucht, der sich vermaß, eine Welt des Geistes alls den Angeln zu heben; frühzeitig und vorschnell brach er müde zusammen. Aber während er umnachtet in einem kleinen Orte Sachsens dahinsiechte bis der Tod ihn kürzlich erlöste, uurchs draußen die Wirkling seiner Schriften und breitete sich aus wie ein verheerendes Feuer. Ausgerüstet mit einer vollendeten Dialektik, mit einer verführerischell Sprachkunst, mit einem farbenprächtigen Stil, war Friedrich Nietzsche ganz dazu angethan, der Magnet zu werden, der alles Fragende, Schwankende, Suchellde unserer Zeit anzog und in beit Bann seiner Eigenart fesselte. Ein Wahrheiissllcher, der kalt und hart auf alle unsere Kulturwerthe den Fuß setzt und in Ullmenschlich übermenschlichen Phantasien über alle unsere Moralbegriffe spöttisch hinwegschreitet, das ist Friedrich Nietzsche. — Hatte Nietzsche gleich mit seinem ersten Werke „Die Geburt der Tragödie" ben großen Kampf gegen unsere historisch gewordellen Kulturbegriffe angekündigt, so bauen sich seine nachfolgendeil Werke stilferlweise immer markanter zu eillem System gewordenen Proteste gegell Misere herkömmliche Moralwelt auf. Mall hat Friedrich Nietzsche, der sich zumeist als Stimlnungsphilosoph giebt, einen Denker ulld Dichter zugleich genallnt, wobei der Dichter überwiegt. Bon fachphilosophischer Seite zumal ist Nietzsche als Philosoph im buchstäblichen Sinne verneillt worden, weil lnan ein eigentliches einheitliches System, eine prägllante Weltlehre aus einem Guß an Nietzsche vermißt. Nun wollte Nietzsche selbst feilt Zuuftphilosoph und Systematiker seill. Er schrieb allsdrücktich: „Ich mißtraue allen Systematikeril und gehe ihllen aus dem Wege. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffeubeit." An einer anderen Stelle fügt er hinzu: „Die Gelehrten und Genies haben sich immer befehdet." Friedrich Nietzsche war ein Genie und er hält sich um so weniger all Formen und Formeln philosophischer Schulen gebunden. Er kleidet seine Gedankeil nicht tu lanaathmige Abhandlungen, sondern vielfach in kllrze, knappe Sätze, in blitzende Aphorismen, die wie Strahlen eines elektrischen Scheinwerfers das gesammte Gebiet der modernen Kulturprobleme bestreichen. In dieser Form der Darstellung ist Friedrich Nietzsche unerreiehter Meister. Er durfte von sich sagen: „Mein Ehrgeiz ist, in zehll Sätzen zu sagen was jeder Andere in einenl Buche sagt, — was jeder Andere tu eillem Buche nicht sagt." Mit dem überkühneu Muthe eines philosophischen Revolutionärs stellt sich Nietzsche dem Laufe der Kulturentwickelung eiltgegeu. Er geißelt in überschäumelldem Trotze den Typus des heutigell Menschen lind Kulturideals als verderbt lind verkolllmen. Nur der Urmensch war eigentlich schöll und war gut. Jerie noch nicht voreivilisirteu Geschlechter von Heroen ulld Riesell in ihren uugebändigtell Jllstinkten und ihreul ungebrochenen Willen. Auch noch jene späteren Geschlechter Griechenlands und Rolus, wo die Kraft in Geltung und die Schönheit Gesetz war. Im Lallfe der Geschichte aber, so lehrt Nietzsche, insbesolldere dilrch die aufkommellde jüdisch-chrlstliche Religionsmoral, gewann die Majorität der Schwachen, der Mittellnäßigen, der Unbedeutenden die Oberhalld über die vereinzelteren Starken, Großen und Vornehmen. Der ursprünglichell Herrennloral der Einzelnen stellte sich die Sklavennloral

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