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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-21 · Heft 38 (21.9.1900) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
Seite 450 (sequence 8)
Language
German
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450 wird uns autf) brauchbare Personen für unsere Zwecke schaffen. 5. Wir sagten, daß das Taktgefühl nicht gut entbehrt lverden kann, welches eigentlich angeboren sein soll, aber bei glltem Willen auch unerzogen und gelernt werden kann. Das richtige Auftreten den Kranken, den Aerzteu gegenüber, insbesondere aber das taktvolle Begegnen den Angehörigen der Kranken gegenüber, die thuulichste Rücksichtnahme einerseits, Zurückhaltung und, wenn erforderlich, Strenge im Interesse des Patienten andererseits, die Kunst, alle Vorkommnisse am Krankenbett und in der Familie, die oft intimster Natur sind, für sich als eilt Geheimnis; zu bewahren, freundlich ilnd ruhig zu bleiben, wenn der Schwester ungerecht, aber meistens auch unabsichtlich Kränkungen zugefügt lverden, seine Pflicht thun, ohne sich anzumaßen, selbst den Krankheitszustand beurtheilen, oder in ärztliche Anordnungen eingreifen zu wollen, — das ist die Kunst, welche nur Takt nennen und die unentbehrlich ist in allen Fällen. Wenn wir im Vorstehenden auf alle Erfordernisse hingewiesen haben, ans alle Eigenschaften, welche eine gebildete Krankenpflegerin besitzen soll, so wäre es doch falsch, bei Werbung ilnd Eiustellilng von Schülerinneli rigoros vorzugehen und bei der Auswahl überaus peinlich zu verfahren. Man wird sich einerseits Täuschungen hingeben, wenn Personen, welche sehr geeignet erschienen, doch nicht einschlagen, es werden aber andererseits Mädchen, voll denen wir nicht viel erlvarten zu können glaubten, gute und zuverlässige Pflegerinnen lverden; kurz, erst nach längerer Lehrzeit, häufig leider sehr spät gewinnen wir ein abschließendes Urtheil. Hierdurch aber dürfen wir uns nicht etiva abschrecken lassen, im Gegentheil, wir müssen uns bestreben, wieder und immer wieder den Versuch zu machen, und schließlich wird doch eine gewisse Zahl brauchbarer Personen gewonnen lverden. Hier erscheint es uns als Pflicht, auf unsere besonders häufigen Gegner aufmerksam zu machen: die Eltern und sonstigen Angehörigen nild Freundinnen unserer zum Eintritt bereiten Mädchen und Frauen. Es wird alles aufgebvten, selbst die unglaublichsten Dinge, wie Unterschlagung von Briefen, Ausstreuung falscher Thatsaehen, lverden versucht, um hier hindernd in den Weg zu treten; man beschwört sie, doch nicht solchen Beruf zu wählen, welcher so große Opfer „angeblich" fordet, welcher so viel Gefahren „angeblich" mit sich bringen soll; auf Grund so allgemeiner, unberufener Thatsachen aus einem Gefühl falsch verstalidener Sorge heraus, in Unkenntnis der lvirklichen Verhältnisse, ja, sagen wir es offen, aus Feigheit oft werden uns unsere besten Kräfte, welche sich aus Neigung der Krankenpflege widmen wollen, diesem Beruf fern gehalten. Diesem Uebelstand muß deshalb durch Aufklärung und Belehrung über das Weseli des Krankenpflegeberufes, über das Leben und Wirken der Schülerinnen und Schwestern in allen Kreisen entgegen getreten lverden. Wir werden den Angehörigen der sich bereit stellenden Personell zunächst zu bemerken haben, daß unsere Schülerinnen und Schwestern zu keiner Zeit so weit gebunden sind, daß sie nicht in ihr früheres Verhältniß zurücktreten oder einen anderen Beruf ergreifen können, wenn die Verhältnisse dies erfordern oder auch nur wüuschenswerth erscheinen lassen. Unsere Schwestern sind in keinem Kloster und können jeden Tag eine Ehe eingehen, wenn die Gelegenheit hierzu vorhanden ist. Aber den Eltern und Angehörigen soll man auch klar machen, daß kein Beruf ein Mädchen besser für die Ehe vorbereitet als der nnserige; körperliche Arbeit, Thätigkeit in den Pflichten des Haushaltes, Pflege von Erkrankten, insbesondere auch Verständniß für die Pflege von Säuglingen und Kindern, Erfahrung im Verkehr mit Menschen der verschiedensten Berufs- und Bilduugskreise, — dies alles sind Kenntnisse, welche für den Beruf einer Hausfrau und Mutter von unschätzbarem Werthe sind. Auch darüber soll mau die Betreffenden aufklären, daß Arbeit ehrt und Arbeit gesund macht, daß aber die Anforderungen an die Schülerinnen und Schwestern das Maß ihres Könnens nicht überschreiten, und daß besonders von der Verwaltung sowohl als der das Schwesterheim leitenden Oberin jede Rücksicht genommen wird. Man kann es unbedenklich aussprechen, daß ein häuslich erzogenes Mädchen, welches gelernt hat, Besen und Schrubber anzufassen, eine Stube aufzuräumen, ein Bett in Ordnung zu bringen, denjenigen Erfordernissen gewachsen ist, welche die Krankenpflege in einer Anstalt sowohl als im Privathause erfordert. Aber noch ein fernerer Umstand wird als Schreckgespenst vorgeführt, um Personen, welche Lust und Liebe zu unserem schönen Beruf haben, zu veranlassen, demselben fern zu bleiben, die angebliche Gefahr der Ansteckungsmöglichkeit im Verkehr mit Kranken; durchaus irrig, wie die Erfahrung lehrt. Man hat nur nöthig, die Statistik nachzusehen, um sich zu überzeugen, wie verschwindend gering die Zahl dieser Fülle ist, man frage nur in den großen Krankenhäusern nach, man frage die Aerzte und die Krankenpfleger selbst, und man wird davon abstehen müssen zu behaupten, daß unser Beruf besondere Gefahren in dieser Hinsicht bietet. Im Gegentheil, man kann behaupten und Niemand wird es bestreiten, daß eine Krankenpflegerin, Dank ihres Verständnisses für den Begriff der absoluten Sauberkeit und durch ihre Kenntnisse von der Desinfektion und der Vermeidung ansteckender Keime, mehr als andere Menschen vor der Ansteckungsmöglichkeit gefeit ist, und daß die meisten Infektionen durch das Zusammenkommen mit vermeintlich Gesunden in Straßenbahnen, öffentlichem Fuhrwerk, öffentlichen Lokalen und Verkaufshäusern sowie allen möglichen anderen Orten geschehen. Ist das betreffende Publikum erst über diese mehr idealen Punkte aufgeklärt, sind erst diese Bedenken gefallen, so meinen wir, werden wir über die materiellen Verhältnisse im Krankenpflegeberuf auch Beruhigung und Klarheit zu schaffen in der Lage sein. Es ist richtig, daß eine Schwester in ihrem Beruf, zumal das Annehmen von Geschenken irgend welcher Art streng untersagt ist und, um diesen Beruf hochzuhalten, auch verboteli bleiben muß, keine Schätze erwerben wird; dies ist aber auch bei keinem anderen Beruf einer ehrbaren Frau, eines sittlich hochstehenden Mädchens der Fall; wo hätte je eine Lehrerin, eine Schneiderin, eine Erzieherin oder Verkäuferin mehr als ihr allständiges Auskommen gehabt! Für unsere Schwestern aber stellen sich diese materiellen Verhältnisse besonders günstig, wegen der standesgemäßen Versorgung bei Arbeitsunfähigkeit und im Alter. Bei einem mit 300 Mark beginnenden jährlichen Einkommen, welches bis zu 600 Mark steigt, genießt die Schwester völlig freie Station, Wohnung, Beköstigung, Kleidung, Rei-

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