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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-21 · Heft 38 (21.9.1900) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
Seite 449 (sequence 7)
Language
German
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449 zurückgewiesen wurde! — das geschäftig verbreitete Gerücht, daß Jsraelski schuldig oder mitschuldig sei, nicht geschwiegen. Fraglos hätten die Kouitzer Bluthunde die Staatsallwaltschaft und die Gerichte der Besoldung durch das „internationale Judenthum" bezichtigt. Das Dilemma ist unverkennbar. Aber trotzdem muß die Integrität des Rechtes höher gestellt werden, als jede ängstliche Leisetreterei, jede Scheu vor künftigen Unannehmlichkeiten. Die optima fides der Behörden ist ja unzweifelhaft, aber llllbewußt standen sie unter einem furchtbaren Druck. Die Volksleidenschaft wogte um das Tribunal, und so kam es, daß ein Prozeß entrollt lvurde, der in ruhigeil Zeitell nach juristischer Erfahrilng llicht durchgeführt worden wäre. Es ist lurr eine Episode. Täglich kanll mall in antisemitischen Zeitullgen die unerhörtesten Jllsilinationen gegen Private und öffentliche Behörden lesen, jetzt wird sogar der Vertreter der Anklagebehörde im Prozeß Jsraelski llicht verschollt; Beleidigungen, so strotzelld von Gemeinheit, daß man llNl den Rechtsstaat ballgt, in denl solche Allsstreuullgen längere Zeit hindurch ohne Abwehr die Massen vergiftell könnell. Religioll, Ehre, Leben und Eigenthum lvurden und werden in Korlitz offen oder heiullich verletzt und bedroht, und danlit der Staat, dessen Festigung auf der Unverletzlichkeit dieser vier Rechtsgüter vor allem beruht, iu seinen Grnndvesten angegriffen. Roch sind diese Verbrechen nicht bestraft: Caveant consules! Es giebt neben denl rothen, dein fchwarzell und gelben Gespellst lioch ein fahles, graues, eine heimlich schleichende Pest, die llicht nur den Leib, nein auch die Idee der Menschheit bedroht. Auf Recht und Gerechtigkeit ruhte und lvuchs unser Staat. Recht und Gerechtigkeit fcuui jeder Bürger für sich verlängert. Es ist Zeit, daß mall der Zersetzung der Rechtsbegriffe durch Heuchelei und Verleumdung kraftvoll entgegentritt llnd das graue Gespenst dllrch ständige aufkläreude Arbeit, ulld wenn es fein muß, energisches Zupacken, iu feine höllische Heimath treibt. Jüdische Krankenpflegerinnen. Cj*h n der am 10. Juni stattgehabten Sitzung der Großloge T« des Bnei-Brith-Ordeils für Deutschland ist ein Alltrag (jy) mit großer Mehrheit zur Annahme gelangt, dahill geheild, die Ausbildung jüdischer Mädchen und Frauell zu Krankenpflegerinnell (Schwestern) in die Halid zu nehmen, und zwar in der Weise, daß diese Ausbildung unter bestimmten Vereinbarmlgen durch den Berliner Verein für jüdische Krankenpflegerillnen bewirkt werdell soll. Genannter Vereill bietet in der That eine günstige Grundlage für diese Bestrebungen und hat den Logen ein bereitwilliges Entgegenkoulmen zugesichert. Jedermann, der mit ben einschlägigen Verhältnissen vertraut ist, wird zugeben müssen, daß der in der Großlogen- Sitzuilg gefaßte Beschluß als ein glücklicher, der Tendenz unserer Tage entsprechender bezeichnet werden muß; heißt es doch, uilsere jüdischen Mädchen und alleiilstehendell Frauen dem höchsten Beruf weiblicher Thätigkeit zuzuführen, ihnell in der Krankenpflege die ehrellvolle Stellung vorzubereiten, welche die allderen Kollfessionen seit Jahrhunderten behaupten; gilt es doch, gebildete, zielbewußte, besseren Kreisen unserer Glaubensgenossen entstalnmende Mädchen, denen die sollstigen Berufsartell keine Befriedigllng bieten, der Krankenpflege zuzuführen, dem Berllf, den Viele bisher wohl erstrebten, welcher ihnen aber unerreichbar war, weil die Schwesternvereine streng konfessionell von einander geschieden sind. Daß aber andererseits das Bedürfnis; nach tüchtigen, gebildeten, jüdischen Schwesteril ein dringendes ist, darf allgesichts der stets wachsenden Nachfrage aller Orten nicht mehr bezweifelt werden. Diese lvichtige Aufgabe lösen, heißt in erster Reihe das Material an geeigneten Personen allwerben, welche sich dem hohen und schweren Beruf widmen wollen; und welche Jllstitutiorr erschiell hierzu mehr berufen und geeignet als die die Logen der U. 0. B. B., denen in allen Theilen Deutschlands in den Brüdernr Kräfte zur Verfügimg stehen, welche kraft ihres Einflusses auch in den mittleren Kreisen unseres Kaufllianns-, Beamteil- und Hattdtverkerstandes die beste Gelegenheit haben, eine Schaar geeigneter Aspirantinnen zu beschaffen? Es wird deshalb uöthig sein, in Nachstehendein eine Anleitung zur Lösung der Frage darzubieten: „Wie schaffen nur uns das geeignete Schülerinnenmaterial für diese Zwecke?" Zunächst wird der llaheliegende uild bequeme Weg derösfentlichen Aufforderung iu geeignetell Tageszeitungen mit gewissem Erfolg eiirgeschlagen werden fönneu; er wird in allen Fällen ein Mittel sein, die Keuntlliß von der immerhin noch jungen Institution jüdischer Schwestern in loeitere Kreise zu tragen und auch lnanche gllte Kraft zu werben. Viel richtiger und Erfolg versprechender aber erachten wir die persönliche Bemühung, das Forschen nach geeigneten Personen in denjenigell Kreisen, in welche lvir durch Verkehr, Aeniter, Wohlfahrtseinrichtungen (Frauenvereirte, Arbeitsilachweise n. a. ln.) Einfluß haben. In den hier thütigen Männer und deren Franerr und sollstigen Angehörigen erwachsen uns die Kräfte, welche berufen finb, uns unserem Ziele näher zu bringen. Wir müssen uns deshalb über die Voraussetzungen klar lverden und uns fragen, welche Persönlichkeiten geeignet sind, für die Krankenpflege ausgebildet zu werden. 1. Die betreffenden Personell müssen vor allen Dingen gesulld sein, körperlich und geistig, geslind auch in ihren Sinnesorganen; ein gesundes Auge, ein gutes Gehör kann nicht entbehrt werden. 2. Dieselben dürfen in ihrer Erscheinung keinen abstoßendell oder gar widerwärtigeil Eindruck machen, Ulld tonnt auch auf Schönheit llicht der gerillgste Allspruch zu lllachen ist, so ist doch für den Krallten lloch mehr als für beu Gesunden ein angenehmes Aeußere eilte vorzügliche Mitgift. 3. Höhere Schulbildung ist gewiß sehr wünscheuswerth und kann in der Privatpflege in gewisser! Kreisen schlechterdings nicht entbehrt werden; doch wird in der Regel eine mittlere Schulbildung allsreicherl, falls die sonst erforderlichen Bedillgllngen vorhatlden sind. Gute Erziehung und ein gewisses Taktgefühl roerdell hüllfig den Mangel an Schulbildung ersetzet! können, während noch so sehr gebildete, mit Ketlntnisseu ausgerüstete Personen ohne die genanrlten Faktoretl ihrem Bertlfe kaum werden genügen können. 4. Deshalb müssen mir iu erster Reihe darauf achten, daß unsere zukünftigen jüdischen Schlvestern guten, ehrbaren Fatnilien entstammen, daß sie zur Arbeit, nicht zum Müßiggang erzogen sind; Kinder anständiger, wenn auch nicht hochgebildeter Lerrte lnüssen es seilt; gutes sollen sie vor sich gesehen haben; kurz, ein jüdisches Elternhaus, toie toir es wünschen,

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