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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-21 · Heft 38 (21.9.1900) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
Seite 447 (sequence 5)
Language
German
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447 „Dienstmädchen können nicht dringend genug davor gewarnt werden, zu Juden zu ziehen. Die Bürgermeister der um Frankfurt a. M. liegenden Ortschaften thun dies denn auch erfreulicherweise regelmäßig." Es wäre interessant, der Sache auf den Grund zu gehen. Wahrscheinlich handelt es sich aber um die antisemitischen Dorfvorsteher in kleinen Flecken des Hessenlandes. Graf Pückler-Klein-Tschirne hat am 5. September in Berlin eine neue Prügelrede losgelassen. Wie die „Deutsche Wacht" zu melden weiß, erhielt Graf Pückler unmittelbar vor Beginn der Versammlung ein Telegramm, daß sein Gutshof in Kl.-Tschirne in Flammen stehe, mehrere Scheunen mit der Ernte feien schon vernichtet. Graf Pückler sprach nach der Versammlung die „feste Ueberzeugung" aus, daß die Judell ihre Hand im Spiele haben. Die „Deutsche Wacht" bemerkt hierzu: Das sei „durchaus glaublich, da sich der Graf bei seinen Arbeitern u. s. w. großer Beliebtheit erfreut, ein Racheakt eines von diesen also ausgeschlossen sein dürfte." Von dem Tone seiner Rede giebt nachstehender Bericht eines objektiven Blattes eine hübsche Probe: Der Redner führte aus, daß die Jndennoth überall herrsche, auf dem Lande und in der Stadt, daß kein Zweig des öffentlichen Lebens von ihr frei sei. Wenn man etwas dagegen erreichen wolle, müsse man zunächst in i t leichten Züchtigungen der Jllden beginnen, mall müsse sie, wo immer man sie treffe, hauen. (Es wäre uns interessant, zu erfahren, ob Graf Pückler das bereits gethan. Wie nun, wenn er gerade Einen trifft, der ihm — gewachsen ist? D. Red.) Dann endlich würden sie ihre Sachen zusammen packen und daoonziehen. Nur durch energische, rücksichtslose Keile sei die Judenfrage zu lösen — eine andere Lösung wisse Redner nicht. Man muffe jetzt die schwersten Geschütze gegen die Juden ins Feld führen, und da gegenwärtig überall geboxt werde, solle man in Deutschland gegen die Juden boxen. Der Monlent sei jetzt gekommen, wo die Nation sich selbst helfen müsse. Und da nehmen es die Antisemiten noch übel, wenn man sie mit den Boxern in eine Reihe stellt. Im Uebrigen waren jene Aufforderungen selbstverständlich auch diesmal wieder „nur bildlich gemeint". * Die Verhältnisse der Juden in Rumänien haben sich, wenn man der „Corr. Hung." glauben darf, seit dem Regierungsantritte des Ministerpräsidenten Carp, eitles europäisch gebildeten Staatsmannes, dessen Bestrebungen sichtlich darauf gerichtet sind, Ordnung zu schaffen, insofern gebessert, als die Auswanderungsbewegung zunl Stillstände gekommen ist, und die Juden eine zuwartende Stellung einnehmen. In den intelligenten Kreisen der Bevölkerung macht sich übrigens auch bereits eine starke Reaktion gegen Tendenzen fühlbar, die zumeift von aus Siebenbürgen eingewanderten Rumänen ausgehen, sowie vor: einigen verkommenen Subjekten, die seit dem Niedergange der nationalistischen Bewegung sich auf dieses Feld der Agitation geworfen haben, um durch dieselbe ihre traurige Existenz zu friften. Zu der eingetretenen Reaktion trug auch die Wahrnehmullg bei, daß durch die luassenhaften Auslvanderungen der Jndell Handel und Industrie schwer geschädigt wurden, so daß z. B. in Jassy die Geschäftslüden reihenweise gesperrt worden silld. Da sich nicht nur der Kleiuhalldel, sonderll auch die Industrie nahezu vollständig m den Händen der Juden befinden, sind Hunderte voll Arbeitern brodlos geworden und Zuställde eilles unglaublichen Verfalls eingetretell. Das beginnen jetzt die besseren Kreise der Bevölkerung eillzusehen, Ulld die Umkehr dürfte bald eine vollständige werden. Inzwischen hat das Ministerium eine neue Fremdenordnung erlaffen, die gegen Anarchisten ulld Nihilistell gerichtet ist, leicht aber gegen die Juden sich kehren kann, wie dies scholl einmal in Rumänien der Fall gewesen ist. Es sind in dieser Verordnung zwar Stellen enthalten, welche klar alldeuten, daß Herr Carp verhüten wollte, daß dieses Gesetz zur Chikanirung der eillheimischen Juden mißbraucht werde. Aber dies gilt nur für das gegenwärtige Ministerium. Welln wieder einmal das Portefellille des Innern in den Händen eines Antisemiten liegt, was ja auch in Runiänien vorkonnnen kalln, dalln sind die Juden einfach geliefert. Abgesehen davon aber, so bemerkt ein Wiener Blatt, bietet die neue Fremdenordnung auch sonst Gelegenheit genug, um ben Inden das Leben iloch schwerer zu machen-. Wie leicht kanll der Amtsvorsteher eines Dorfes zum Beispiel ben geschäftlich sich dort aufhaltenden Juden auffordern, die Wohnungserlaubniß vorzuweisen imb alles Sichberufen auf die rlUllänische Uuterthanschaft, die man ja nicht leicht und llicht immer beweisen kanll, zurückzulveiseu, dagegen die ihm gestattete Einsperrung vorznuehmen? Es steht fest, daß Herr Carp nicht die Absicht hatte, durch diese Verordnung die Judeil zu treffen. Dies beweisen "auch die Paragraphen, welche, wie oben angedeutet, speziell gemünzt sind, Mißbräuchen gegen Judell vorzubeugen. Aber wie gesagt, heute ist er am Ruder, morgen kann Herr Jstrati, Pherikides oder ein sonstiger Alltisemit regieren; was dann? Es erscheint deshalb nothwelldig, Herrn. Carp aus diese Eventualität aufmerksam zu machen. 3 Die Judell als Soldaten läßt sich die russische Regierung sehr gerll gefallen. Bei der theilweisen Mobilmachuilg gegell China sind, wie wir an dieser Stelle oft zu berichten Gelegenheit hattell, auch zahlreiche Jllden aus Odessa, Wilna, Suwalki, Witebsk, Charkow und Tiraspol nach denl Kriegsschauplatz im „fernen Osten" abgegangen. Aber allch in friedlichen Zeiten dienen in ben Garnisonen von Irkutsk, Wladiwostok, sowie in den zum Schlltz des Balles der chinesischen Ostbahn bestimmten russischen Detachements in der Mandschurei eine ganz erhebliche Anzahl Judell. In Port Arthur ist die Zahl der jüdischen Soldaten so groß, daß die russische Regierung sich sogar veralllaßt sah. für sie besonders eine Synagoge einzurichten. Jll ben letzten Kämpfen in der Mandschurei bei der Erstürmung der Takuforts, bei der Eroberullg von Tielltsin, sowie auf dem Marsche nach Peking ist auch jüdisches Blllt reichlich geflossen. Dieses werdell zweifellos die Listen der Gefallenen und Verwundeten ergeben, mit deren Veröffentlichung die russische Regierung eben begonnen hat. Scholl die erste Liste, enthaltend das Verzeichniß der bei der Erstürmllng der Takuforts gefallenen unb verwundeten Soldaten, weist zwei jüdische Namen — Benjamin Londo (gefallen) ulld Hersch Schumirski (verwundet) — auf. Außerdem ist scholl im Juni der Ingenieur Jsaac Bernstein als erstes Opfer der chinesischell Wirren gefallen. Auch die Vorsitzende der Fraueuabtheilung des rothell Kreuzes in Wilna, Frall Fürstill Grusinski hebt in einem Schreibell an die jüdische Gemeinde von Wilna, in welchem die Jllden zur Betheiligung bei den Sammlungen aufgefordert lverden, hervor, daß ilnter den in China Verlvundeteu, zu deren Gllnsten gesammelt lverden soll, nicht wenig Juden sich befilldeu. Bei dieser Gelegenheit darf wohl

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