Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- Seite 446 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228404--56832-3293167- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
446 Von einem Freunde halten, der einen Freund herzlich anfnimmt, ihn'aber herzlos entläßt und ihn vergessen hat, sobald er seine Schwelle verließ. So ist uns der Neujahrstag ein Freund, der von Jahr zn Jahr uns besuchen kommt; herzlich will er empfangen, herzlich will er entlassen und niemals vergessen sein. Und was von dein Einzelnen, gilt für ganz Israel. Gerade die Wiederkehr des Neujahrtages erweckt in uns neue Hoffnungen, denn „zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag." Wie viele solcher Neujahrstage hat Israel an sich vorüberziehen sehen, in denen es alle Hoffnung aufgeben mochte für die Zukunft. Und doch kam wieder neue Hoffnung, und doch zogen wieder bessere Tage herauf. Freilich, solche Gefühle kann der Neujahrstag nur in Denen erwecken, die an die Zukunft Israels glauben, die überzeugt sind, es könne nicht im Plan der Vorsehung liegen, einen Stamm durch Jahrtausende mit sicherer Hand zu führen durch alle Fährnisse der Welt, über Blut und Völker, über Thrüuen und Throne, durch Revolutionen und Scheiterhaufen, über Länder und Meere, durch alle Gefahren und Verhängnisse, um diesen selben Stamm dann plötzlich zu einer Zeit aufgehen zn lassen in die Völkermasse, ohne daß auch nur eine Spur von fernem Schaffen und Wirken zurückbliebe. Wer das mit uns für unmöglich hält, wer mit uns glaubt, hofft und betet, der wird auch an diesem Wendetage des neuen Jahres auf die Frage, von wannen wird uns Hilfe und Rettung kommen, die befriedigende Antwort in den Erinnerungen Israels, in den Gebeten des Festes, in den Verheißungen seiner Propheten finden und feinen Blick zn jenem ewigen Weltgeiste emporrichten, der uns auf jedem Schlachtfeld des Lebens, auf jedem Kampfplatz der Geschichte geschützt hat, und der wird auch mit dem Dichter, dessen Sang wir schon angeführt haben, in das innige Gebet einstimmen: „Auf, brich dein Schweigen, Herr! Im Flammenloirbel — der vor dir her unwiderstehlich fege!" Me Woche. Berlin. 20. September. .SV Auseinandersetzungen zwischen den beiden neuen antiß+j/l semitischen „Parteien" haben bereits begonnen, und zwar in der Weise, daß beide Richtungen, jede für sich, Berichte über den letzten Parteitag veröffentlichen, deren erster Theil, der die Trennung behandelt, natürlich für die andere Seite so ungünstig wie möglich ist. Der zweite Theil der Berichte, worin dargethan wird, was jede Partei darauf für sich beschlossen, stimmt wieder mehr überein, aber nur in der siegesbewußten Phrase, daß jede „Richtung" demnächst ohne jeden Zweifel das ganze Deutschland hinter sich hat. Ferner veröffentlichten beide Richtungen die Namen derjenigen „Landestheile", die sich für den einen oder anderen Führer entschieden haben. Nach der Kundgebung des Herrn Liebermann v. Sonnenberg wollte es anfangs scheinen, als ob fast ganz Preußen auf seiner Seite stünde. Die Ziinmermannffche Richtung antwortet mit einer Spezialisirung, aus der hervorgeht, daß auch in beit „Landestheilen", die sich angeblich für den Abgeordneten v. Liebermann entschieden, die Meinungen über ihn zumeist getheilt gewesen sind. Amüsant ist die Feststellung, daß auch der Geschäftsführer des Bundes der Landwirthe für die Provinz Sachsen trotz der Protektion des Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg durch die Berliner Bundesorgane sich zur Zinunermann'schen Richtung geschlagen hat. Bedeutungsvoller wird dadurch der ganze Handel natürlich nickt. * Die Stellung des Bundes der Landwirthe zum Antisemitismus charakterisirt in sehr scharfer Weise ein Artikel der „Deutschen Tageszeitung". Es ist ein förmliches Programm in diesem Artikel, in dem es heißt, jüdischen Bewohnern in Deutschland müsse das Bürgerrecht genommen werden und nur das Eastrecht bleibell. Jüdische Lehrer in christlichen Schulen seien ein Unding. „Daß in der Staatsverwaltung Juden lliemals Vertreter des deutschen Königthums von Gottes Gnaden fein können, hat schon Bismarck ausgesprochen. Das würde dem Wesen unseres Staates widersprechen. Die Be a mtenlau fb ahn muh den Inden verschlossen bleibell oder verschlossen werden ... Jüdische Richter sollten u lldenkbar sein. Das konservative Programm verlangt daher folgerichtig christliche Richter. Ist das nicht durchzuführen, so darf es wenigstens llienlals Vorkommen, daß ein Jude als Einzelrichter seines Amtes walte . . . Die Rechtsanwaltschaft soll te» Juden nicht verschlossen werden; aber es ist recht und billig, das; die Zahl der zur Rechtsanwaltschaft zugelassenen Juden ihrem Prozentsätze in der Bevölkerung entspreche." Das ist das Programm der „Deutschen Tageszeitung". Ihm steht in Preußen wie in ganz Deutschland nur eine Kleinigkeit entgegen. In der Verfassung befindet sich nämlich der Satz: „Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich." Die Verfassung aber ist beschworen. Eine wirksame Illustration zu dem Artikel über das „graue Gespenst" in der dieswöchentlichen Nummer bietet folgende Auslassung der stramm antisemitischen „Deutschen Zeitung" in Wien, anläßlich der Freisprechung Jsraelskis in Könitz: „Das Konitzer Gericht hat einen der Mithelfer au der Ermordung des Ghmnasiasten Winter, den jüdischen Abdecker Wolff Jsraelski, freigesprochen. Das Gericht hat sich offen und ungenirt auf die Seite der jüdischen Mörder gestellt. Man darf froh sein, daß der Prozeß gegen die eigentlichen Mordgeselleu sich vor den Geschworenen abspielen wird, falls die Konitzer Behörden überhaupt gewillt sind, gegen dieselben die Anklage zu erheben. Der Präsident des Gerichtshofes hat von voriiherein das Belveisverfahren, nachdem der Beschuldigte alles abgeleugnet, in unerhörter Weise abfällig kritisirt. obwohl gerade ihm dazu nicht das mindeste Recht zusteht. Daniit hat der Präsident des Gerichtshofes offenbar sagen lvollen, daß ihn; das Belveisverfahren nicht von der mindesten Bedeutung erscheine, ja, daß er das Urtheil schon fertig in der Tasche habe. Solcher Fall dürfte sich wohl in der Gerichtspraxis sämmtlicher civilisirten Staaten nicht so bald wieder ereignen." Seit Jahren wird in gegnerischen Blättern die Behauptung ausgestellt, daß Dienstmädchen in jüdischen Hanshaltungen „nicht besonders gut" behandelt würden, während doch notorisch gerade das Gegentheil der Wahrheit entspricht. Gerade in jüdischen Haushaltungen lverden die Dienstmädchen gut behandelt, und es ist komisch, daß ans anderen antisemitischen Kreisen wieder die Klage in die Oeffentlichkeit dringt, die Dienstmädchen würden in jüdischen Häusern „zu gut" behandelt und dadurch anspruchsvoll, verdorben. Der ganze Vorgang bietet im Kleinen ein Bild von der Berechtigung der judenfeindlichen Ankläger: überhaupt. Was uns aber veranlaßt, heute darauf einzugehen, ist eine Notiz in antisemitischen Blättern, in der es u. a. heißt: