Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 38. Allgemeine Kerlin, 21. September 1906. eitung des Audenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Crpedition: Gerlin, Jernfatemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. IAlle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mossc, Berlin. Inhalt. Leitartikel Zum neuen Jahre. — Die Woche. — Das graue Gespenst. Von einein Juristen. — Jüdische ztrankenpflegerinnen. — Friedrich Nietzsche und das Judenthum. Von Maximilian Stein. — Feuilleton: Zur Ehre Gottes. I. Von Samuel Gordon, London. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Graudenz, Kattowitz, Ratibor, Weitzenfels a. S., Hamburg, Bruchsal, Wien, - Bon Nah und Fern — Geschäftliche Notizen. Zum neuen Jahre. Berlin, 20. September. in trübes und schweres Jahr liegt hinter uns. Ein Jahr voller Sorgen, Kümmernisse und Enttäuschungen, ein Jahr, das in der Geschichte unseres Stammes als das der Rückkehr zum Mittelalter verzeichnet werden wird, in dem Blutlügen und Judenverfolgungen wieder auftauchten, wie in den finstersten Tagen vergangener Jahrhunderte, und dangen Herzens fragen wir, von wannen wird uns Hilfe und Rettung kommen? Dieselbe Frage habe» schon unsere synagogalen Dichter oft aufgeworfen. In den Seltchot und Jozervt kehrt sie immer und immer wieder. Eines der häufigsten 'Bilder bei unseren Alten ist der Vergleich Israels mit einer lande, die ruhelos umherirrt, aus der sicheren Felsenhut aufzescheucht. Mit dieser Taube haben die alten wie die neuhebräischen Dichter, namentlich Jehuda Halevi, der Poet, in dem das Sehnen und Verlangen unseres Stammes am tiefsten zum Ausdruck gelangt, Israel oft verglichen. „Im wilden Wald verirrt, im Buschgehege — verlor mein armes Täubchen Weg und Steg — dünkt sich nach tausend langen Jahren — am Ziel und bringt es dennoch nicht zu Wege." Man versteht dieses Bild erst recht, wenn man unter dem Eindruck des Reujahrstages beim Klang des Schofar die Ereignisse des vergangenen Jahres an sich vorüberziehen läßt und sie in Zuiammenhang bringt mit den Schicksalen Israels im Verlaus «einer geschichtlichen Entwickelung. Seit Jahrtausenden veranschaulicht der Schofarklaug die beiden schroffen Gegensätze, in denen die Geschichte Israels sich bewegt: Frieden und Verhöhnung ans der einen, Kriegsruf und Schlachtgeschrei auf der anderen Seite. Der Schofar erinnert uns an unsere große Vergangenheit, an unsere traurige Gegenwart, aber er erregt auch in uns die Hoffnung auf die von Sängern und Propheten geweissagte Zukunft Israels. Solche Gefühle erweckt in uns die Wiederkehr des Reujahrstages. Mit Wehnruth sehen wir dem scheidenden Jahr nach, mit Zagen sehen wir das neubeginnende heraussteigen. Und doch erfüllen uns iinmer und immer wieder neue Hoffnungen und Erwartungen. Sowohl der Schofar wie das neue Jahr erinnern uns, daß unser Leben einem Schatten gleich, daß es wie eine Wolke dahin eilt und verschwindet. Wir gedenken all unserer Lieben, die wir im Laufe eines Jahres verloren, die gleich uns das Jahr vielleicht mit neuen Hoffnungen begonnen, aber nicht vollendet haben. In all diesem Bangen und Ziveifeln, in all dieser Wirrniß der Gedanken und Empfindungen fällt uns das Wort ein, mit dem unsere Alten das Scheiden des alten und den Beginn eines neuen Jahres begrüßt haben: „Gesegnet sei bei deinem Kommen und gesegnet sei bei deinem Scheiden!" Wie einfach auch das Wort klingt, es ist doch ein Quell tiefer Weisheit, ans dem Ruhe und Frieden in unsere von Kümmernissen bewegte Seele sich ergießen kann. Gesegnet sei bei deinem Kommen und bei deinem Scheiden! Das müssen wir vor allem der Zeit zurufen, die mit dem Wechsel des Jahres wieder zu uns gekommen, in der die Herzen auch derer, die sonst für Gott und Religion verschlossen bleiben, sich edleren Empfinduilgen erschließen, in der die heiligen Erinnerungen der Vergangenheit und der Familie ivieder erwachen, als der Glaube Israels unerschütterlich Wurzel schlug in unserer Brust. Wie viele Stürme auch über unseren Scheitel dahingezogen, äußere und innere Stürme, aber dieser Glaube ruht dvch noch fest an dem Anker, welcher in Jugendtagen tief in unser Herz gesenkt wiwde, und eine heilige Sehnsucht wird in uns rege, eine tiefe Rührung bemächtigt sich unser, wenn wir die andachterweckenden Klänge vernehmen, und wiederum erfüllt die Religion wie so oft schon ihre vielverkannte Aufgabe, unsere Herzen zum Höchsten zu erheben. Ohne diese Festzeit wären viele Israeliten für den Glauben ihrer Väter längst völlig abgestorben; sie aber haucht den Funken der Religion in den Herzen wieder zur Flamme an; sie knüpft das lose Band, welches so viele Glaubensgenossen mit dem Judenthum verbindet, inniger und fester. Aber es ist nicht genug, daß wir das neue Jahr als ein heiligendes demüthig begrüßen, es ist nicht genug, daß sein Kommen uns Segen bringe; auch sein Scheiden muß uns Segen hinterlassen. Darum dürfen wir diese Tage nach menschlich irdischem Sinne nicht als solchen betrachten, an welchem wir gleichsam eine lästige Schuld gegen Gott abtragen, nach deren Begleichung wir wieder in das alte unruhige Leben zurückverfallen, sondern als eine Zeit, die unfern Sinn für die Dauer heiligt, in welcher die Religion Eindrücke in uns hervorbringt, welche nachhaltig wirken. Was würde man