Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-14 · Heft 37 (14.7.1900) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 37 (14.7.1900)
Date
1900-07-14
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228403--56822-3293156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

64. Jahrgang. Nr. 37. Ner Im, 14. Aeptember 1900. Der GrmeLn-evote. 'Ueitage zur „Akkgerneinen Zeitung öes Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 9. September. Der neue B n rgerm e i st er von Berlin, Herr Brinkmann, dessen Bestätigung in diesen Tagen erfolgte, hat sich in seinem früheren Wirkungskreise mit Wärme und Eiser der Bekämpfung des Antisemitismus gewidmet, als sich in Königsberg die ersten Keirne dieser Bewegung zeigten. Er hielt damals bei der Einweihung der neuen Synagoge am 25. August 1896 eine bedeutsame Rede, die auch die Aufmerksamkeit außerhalb der Stadt der reinen Vernunft erregte, und die ihm die Feindschaft aller derer um Liebermann von Sonnenberg und Konsorten einbrachte. Ein Nachhall dieses Hasses waren wohl auch die Wühlereien in konservativen und antisemitischen Blättern gegen Herrn Brinkmann, die die Negierung veranlassen wollten, ihm die Bestätigung zu versagen. Für weitere Kreise wird es aber zweifellos von Interesse sein, jene Nede des Berliner Bürgermeisters noch einmal kennen zu lernen, weshalb wir sie an dieser Stelle im Wortlaut bringen: „Wir leben", so begann der Redner, „in einer stürmischen, ich möchte sagen, wilden Zeit, iw der längst veraltete Anschauungen sich wieder ans Tageslicht wagen. Falsche Begriffe von Ehre und Ehrgefühl werden wieder wach und trotzen besseren und aufgeklärteren Meinungen, ganze Stände und Bevölkernngsklassen tnerben aufgerufen znm Kampfe des einen Standes gegen den anderen, der einen Klasse gegen die andere Klasse. Vergessen ftub die Lehren und Erfahrungen früherer Zeiten, der große Köllig Friedrich II. scheillt unlsonst gelebt, und Lessillg seinen Nathan umsonst geschrieben zu haben. Da will mir der heutige Festtag wie das Aufleuchten einer besseren ulld schöneren Zeit erscheinell. Wir haben es ja heute gehört, daß die wahre Religiosität nichts anderes ist als das Strebell nach Wahrheit. Alich die hiesige Synagogengemeinde legte einen Beweis dieses Strebens ab, indem sie den Vau eines Tempels in Angriff nahln und vollendete; denn sie hat die Religiosität ihrer Mitglieder fordern wollen und dann ist mit der heutigen Einweihung von ihr ein Sieg errungen, der die Mitglieder der Gemeinde die Unbill der Zeiten und der Mellschen lvohl vergessen lassen kann. Deshalb gereicht es mir zur ganz besonderen Freude, als Mitvertreter der städtischen Behörden dazu ausersehen zu sein, die Syllagogengemeinde zu dem wohlgelungenen Welke von Herzell zu beglückwünschen nnb ihr den Dank für die Einladung zur Feier auszusprechen. Mit lloch nlehr Stolz aber möchte ich behaupten, daß an diesem Feste die gesammte Königsberger Bürgerschaft freudigen Ailtheil nimmt. Deml gehobenen Hauptes lnld ihrer Znstimmllllg sicher darf ich es lvohl anssprechen: Hier in Königsberg leben die Bekenner aller Konfessiollen in Friedell und Eilltracht nebenulld miteinander. Daß dem aber so ist, darall hat auch die hiesige jüdische Bevölkerung selbst kein ganz gerillges Verdienst. Darf ich beginllen mit dem, was mir zunächst liegt, so nruß ich rühmelld und banfenb anerkennen die aufopfernde Mitarbeit und Hingabe uilserer israelitischen Mitbürger, nicht blos in der städtischen Verwaltung, sondern überhaupt in allen öffentlichen Angelegenheiten. Nur ungern uild gewiß zuln Schaden der Gesanuntheit würden wir missen die Allhänger des ulosaischekl Glaubens in unserer Stadtverordnetenversanlmlnng. in uilserem Magistratskollegilun. in ben vielerlei Kommissionen und Deplltatiorlell, in den städtischen und sonstigen Ehrenäliltern. und so manches schölle nnb gute Werk wäre ullterblieben oder doch nur halb gescheheil, wenll nicht unsere jüdischen Mitbürger mit Rath und That nlitgeholsell hätten und lioch mithelfen würden. Und wie wenig beansprllchten sie selbst dagegen unsere Mithilfe, zufrieden allein mit den Privilegien, die itjneu schon lange znstehen. Und wenn man die Listen Derer durchsieht, welche aus städtischell Mitteln Unterstützungell beziehen, so muß ich eingestehen, daß unsere jüdischen Mitbürger lind Mitbürgerinnen voll der Armenpflege nur wenig Nutzell haben. Nicht daß ich meinte, Armuth käme bei ihnen überhallpt llicht vor, aber stärker als c»ndcrswo wirkell bei ihnen die Ballde der Familienzusamluengehörigkeit und der FrelUldschaft; groß und bewnndernswerth ist ihre Gatten- und Kindesliebe, nnb mancher glanbenseifrige Christ fönnte sich hierin cm ihnen ein Vorbild nehmen. Wer endlich Gelegenheit gehabt hat, zu sehell. tute häufig gerade die Herzen und Hände der Judeil sich öffnen, um auch fremde Noth 31t lindern oder um segensreiche Einrichtungen für das Gemeinwohl zu fördern, der wird gern das Wort unseres Kaisers unterschreibell, daß christlichsozial eigentlich ein Unding ist. Ist doch in der That Wohlthätigkeit wie überhallpt jede edle Gesinnung keiner eillzigeu Neligionsgemeinschaft alleill eigeilthümlich, nnb doch ist umgekehrt 31t einem gottgefälligen Leben das Festhaltell all mehr äußeren Dingen lllld Gebräuchen llicht absolute Vorbedingung. Allch das hat mall, wie mir wohlbekailllt ist, in unserer Syllagogellgenleiude längst eingeseheu. Nicht abgeschafft silld die Gebräuche der Voreltern, wohl aber hat jedes Mitglied die Freiheit seines Thurls uild Lassells, und dieser Nichtgebnndellheit all Fornlell und Gebräuchen eiltspringt dann wieder jelle freiere Auffassung von göttlichen und weltlichen Dingeil, die scholl ben weisen Nathan zierte ulld heute lvie früher einen llicht zu nnterschätzenden Vorzlig insbesondere des gebildeten Indell ausmacht. Empfärlglich für jede weitere Entlvickelnng des Menschengeschlechts, erglüht für Kunst lllld Wissellschaft, erfüllt voll wahrer ulld echter Humanität, dabei folgsam ben Staatsgesetzen und treu dem Könige, so sehe ich im Geiste, uild nicht ich allein, denselben Judeil, den man ehemals verbrannte, nnb dem heute nur die verblendeten Fanatiker seine Rechte kürzen wollen; so muß er Allen erscheinell, die nur gerecht sein lvolleil, nnb wenn dereinst, vielleicht erst nach Jahrhunderten, die Gesetze der Religioileil und der Konfessiolleil sich derart ausgeglichen haben werdell, daß der Mensch llnr lloch nach seinem inneren Werth geschätzt und benrtheilt wird, alle anderell Unterschiede dagegen bedeutlmgslos geworden sein werden, luemi einmal das Menschenthnm diesen Triumph erleben wird. — dann wird, so hoffe ich, bei der Feier dieses Triumphes die Königsberger Syllagogengemeillde llicht uubetheiligt bei Seite stehen." Die mit stürmischem Beifall anfgeuommene Rede klailg ill ein begeistertes Hoch auf die jüdische Genleillde zu Kölligsberg alls. Mail darf sich freuen, einen Mann voll so humaner Weltallschanllng mit an der Spitze Nllseres Genleillwesens 31t sehen. S. Berlin, 11. September. Die erste R e p r ä s e II t a n t e n- S i tz n ll g nach den Ferien ist 0nf den nächsten Sonntag auberaumt worden. Ueber das vorliegende Arbeitsmaterial verlautbart noch llichts, auch die Tagesordnung für die erste Sitzung ist noch llicht festgestellt. Doch wird die letztere vorallssichtlich nur unwesentliche Vorlagen bringeil, uild die Arbeit der Willterkampagne erst llach ben hohen Festtagen einsetzen. — Ueber den Umfang der Vermiethullgell der Plätze ill beit Synagogen und Betlokalen läßt sich noch kein abschließendes Urtheil fällen, da erst jetzt die Erneuer,illgen beendet silld, während die Neuvernliethungell von morgen ab beginnen. Der Repräsentantenversamnllnllg wird jedoch wahrscheinlich eine gellaue statistische Uebersicht zugehen. Infolge der in diesem Jahre neu getroffeilen AnordnlUlgen für die Verausgabung der Plätze hat sich der Verkehr sehr glatt entlvickelt. Am bedelltendsten war bisher für die Betlokale die Frequenz im Friedrichshainer Saal, da hier durch Verlängerung ulld schriftliche Gesuche die Zahl der Plätze völlig erschöpft ist, so daß mündlichen Anträgen keine Folge mehr gegeben werden fann. 22 Berlin, 6. September. Das Leichenbegängniß des Geheimraths Dr. Moritz Marcuse gestaltete sich gestern zu einer wahren Gemeilldetrauerfeier, die Zeugniß ablegte für die große Beliebtheit. deren sich der Verstorbeile in allen Kreisen zu erfreuen hatte und wie viele Freunde und Verehrer er sich zu erwerben verstanden hatte. Die Gesellschaft für innere Medizin, die dlirch Geheimen Sanitätsrath Dr. Becher und Sailitätsrath Dr. Nothmanu vertreten war und der Aerztliche Stalldesverein von West-Berlin, für den eine größere Abordnung erschiell, ehrten das Andenken ihres Berufsgenosseli durch Kranzspeildell. Das Gymnasium znm Grauen Kloster, auf dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.