Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1900)
- Date
- 1900-07-14
- Page
- Seite 443 (sequence 13)
- Language
- German
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143 dem Kopfe, und der langen Zigarre im Munde: ein Dandy des Judenviertels, vielleicht auch einer von den „Neumodischen". Aber er hat kein Glück, denn er wird von den Autokraten der Jodenbreestraat weidlich ausgelacht. Schwarzäugige Töchter Judas fehlen hier natürlich so wenig als in dein alten Ghetto von Rom und in dem neuen voll Warschau. Mit das Interessanteste aber sind die Läden und die Schilder. Da ist ein „koscherer Melk-Salon", danebell eine Talis-Wäscherei, deren Inhaber seine Kunst sogar in holländischjüdischen Reimen ankündigt, danll folgt ein Laden, der die eigenthümliche Mittheilung enthält: „Hier werd gezwakt." Uni aber zil beweisen, daß es auch in Amsterdam „Reformjnden" giebt, hat ein Konkurrent daneben wieder einen Laden mit der Tafel: „Hier scheert und snijt men Haar naa'r mode". Es folgt ein Laden mit koscherem „Koffie und Kaas", das Erpeditiouslvkal eines jüdischeil Wochenblattes, ein Buchladen, dann eine Anzahl voll Lädell mit alten Kleidern u. s. lv. u. s. lv. Voll Trottoir ist in dieser Gasse faiuu noch die Rede; unb überall begleitet uns der Geruch von halbfaulen Fischen, die auf offener Straße gebraten ulld gebacken werden, das Geschrei von „wilden Männern", welche hochbepackte Wagen mit Datteln, Feigen, Aepfeln und Birnen durch die Straße ziehen, das Geschnatter von Frauen und Müdchell, die sich die lleuesten Nachrichten zu erzählen haben, das Toben der Straßenjugend, die sich in ihrer Weise erlustigt. Mitten in diesem vielfältigen Lärm und Geräusch befindet sich eine Kirche des heiligell Alltonills von Padua, der verlvllndert auf dies Treibell herabschaut, die früher eine Syllagoge war, lllld die beiden großen Synagogen, sowie neun kteille für die 60,000 Amsterdailler Inden. Die interessallteste darunter ist die portugiesische in der Mlliderstraat; aber es ist natürlich nicht dieselbe Stelle, loo über Uriel Aeosta „die Füße seiner Ulldilldsamell Brüder hinweg gegangen sind", als er „an des Tenlpels Ansgang sich auf die Schwelle legte als Büßer". Es ist auch llicht einmal dieselbe, in welcher über Spinoza der große Bann ausgesprochen wurde. Die neue portugiesische Synagoge ist 1670 von Dorslnann erbaut. Sefardischer Stolz, der ja maßlos ist, rühmt von ihr, daß sie „dem Tempel Salomonis llachgebildet" sei. Aber selbst, wenll dies nicht der Fall ist, macht sie doch einen sehr eigenartigen Eindruck, weil sie im Innern von der Eillrichtullg aller anberen Synagogen abweicht. Der ganze innere Bau ruht auf hohen griechischen Säulen. Aul unteren Ende neben dem Eingang befindet sich der Almemor; die Bänke sind der Länge nach eillander gegenüber aufgestellt; vorn befindet sich die Lade, ein Kullstwerk ohne Gleichell, auf acht Särllen von gebräuntem Mahagoniholz — aber feine Ledern, wie die Sage geht — ruhend und ohne Vorhang. Schwere Messillglampeil hängen von der sehr hohen aber einfachen Decke herab, und tausende von Kerzell erleuchten die Synagoge; dies alles macht einen weihevollen Eindruck. Wenn Ulan mm aber in diesem Gotteshause die südlichspanischen Physiognomien unter den zahlreicher! Betern suchell würde, so lvüre das ein vergebliches Beginnen. Ich nruß bekenllen, daß ich in den rneisten Gesichtern feinen anderen Ausdruck als ill denen polnischer oder deutscher Jllden gefundell habe. Nur der alte Vorbeter und der Schamlnes lllachen etwa ben Eindruck, den wir u'.ls von sparlischen Juden vorstellen. Auch die Trachten dieser Beamten verstärken diesen Eindruck. Sie tragen Schllallenschuhe, Kniehosen, einen frackartigen Rock und eillen niedrigen Hllt mit breiter, aufgesteifter Krelllpe. Der Gottesdienst ist im Ganzen ein würdiger lind weist viele Verschiedenheitell von unserem Ritus auf. Ich fann leider hier nicht näher baranf eingehen, sondern behalte mir eine Schilderung dieses portugiesischen Ritus für eine spätere Gelegenheit vor. Nur das eine lllöchte ich scholl heute sagell: Von der alten spanischell Grandezza und Anmuth ist auch hier nur noch wenig zu bemerken. Der Vorbeter plaudert bei geöfflleter Lade mit Denen, die vor ihnl in ben erstell Sitzreihen sich befinden, der Schaunnes amüsirt sich lllld feine Gellossen auf dem Almemor während der Vorlesung aus der Thora ill recht llngezlvullgener Weise, lllld ebenso unterhält sich „das Volk" ill seiner Art. Die Melodien sind monoton, und nur die Allssprache des Hebräischell giebt dein Gottesdienst eine höhere Würde. Niemand aber repräseutirt diese Würde mehr als der eben erwähnte Schanlllles mit seiner gravitätischen Miene, der gellau darauf achtet, daß die alten Prärogative der Sefardilll ja auch nicht in einem unbewachten Augenblick verletzt werden. Ahnungslos hatte ich mich, ulüde von der langen Wanderllilg dllrch das Judenviertel, beim Eintritt ill das Gotteshaus in die der Thür nächste Bank gesetzt. Kaum hatte der Gottesdiellst begonnen, da trat der ehrwürdige Mallu auf mich zu und fragte: „Sin Sie ein portuchiesischer Israelit?" Ulld als ich diese Frage Derneinte, da wies er lllich mit stolzer Handbewegung in die hinterste, voll der großen dllrch eine lveite Lücke abgeschiedene Reihe, in die Bank der Schnorrer, von wo aus ich übrigells ohne jeden Groll bem Gottesdiellst mit nicht geringerer Theilnahme folgen konnte. Man sieht, daß der alte Sefardim-Hochmuth iloch iulmer ill biefen Leuten lebt, die nicht merken, wie uujüdisch ein derartiges Verfahrerl gegen Glaubensgellossen ist, die kein arrderes Verbrechen begehen, als daß sie das Kamez llicht wie Patach allssprecheil. Sollst haben ja die Sefardilll heute wahrhaftig nur noch wellig Grund zuril Hochmnth; sie finb ja doch der absterbende Theil gegenüber ben Aschkenasim. Die Geschichte von Pinte voll Amsterdanl ist längst llicht mehr wahr. Wohl hat es eine Zeit gegeben, lvo es ben Inden in Amsterdanl besser gillg als irgendwo ill Europa seit den Tagen der großen spanischell Blüthezeit. Aber diese Herrlichkeit ist lällgst vorüber, ulld die Armnth und das Elend, lvelches mall im Jndenviertel von Amsterdam findet, kontrastirt seltsaill zu ben Märchen lllld abenteuerlichen Geschichtell, die man ill der Jllgerrd gehört hat. Ill einem deutschen Reisebericht alls dem Jahr 1712 wird voll einem „citrienfen Autiquarius" Folgendes erzählt: „Die Jllden sind ill Amsterdaln ill großem Ansehen Ulld Reichthum, wie beim einer daselbst ein Halls hat bauen taffen, an welchem Gold, Silber unb Marmor cm allen Ecken hervorblickt, unb ist iu diesem Jndenpälast ein Saal, welcher mit Dllkatonen gepflastert ist." Von diesenl Judenpalast habe ich nichts lllehr gesehell, wohl aber anl daraufsolgendell Tage jene mächtigell Häuser, welche „ganz voll mit Brillanten" finb unb ebenfalls Jllden gehören, nämlich die berühmten Diamantschleifereieil voll Alnfterdam. Leider bilden gerade dort die armen jüdischeil Arbeiter, die in diesem Willter des südafrikanischen Krieges wegen fast ilichts verdient haben, ein recht trauriges Proletariat. Ulld doch darf Ulan nicht einmal iu einer Taverne des Aillsterdamer Judenviertels auf die Buren schimpfen, und die Bilder des Präsi-