Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1900)
- Date
- 1900-07-14
- Page
- Seite 442 (sequence 12)
- Language
- German
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442 Es nimmt der Herr, der Ewige, die Zähre von jeglichem Angesichte und schosst seines Volkes Schmach hinweg von der ganzen Erde; denn der Ewige hat's verheißen." Und an dieser Leder des Libanon, die hierher verpflanzt wurde wie Israel in das fremde Land, hat der Herr ein Wunder gezeigt, und hierher komme ich jeden Tag, um zu beten uub beit göttlichen Augenblick zu erwarten." Sie schwieg und richtete ihre Augen auf den fleckettlosen Himmel. Und als ich in ihre von Begeisterung strahlenden Augen sah, schien es mir, daß die frischen noch vom Thatt feuchten Bltnneu in ihrer Krone im Gegensätze zu dem Todtenhemde und dem Silber des vergehenden Lebens, die Symbole einer unsterblichen, sich euug verjüngenden Hoffnung wären. * * * Eilte letzte Ueberraschung war mir Vorbehalten. Bethulah lebte mm ganz allein in Jarchis Tanuetthütte, die vom Zahn der Zeit unberührt geblieben tvar. Ob es Zufall oder Absicht war, daß sie sich gerade dort niedergelassen, ich weist es nicht, aber mein Herz war mit gemischten Empfindungen erfüllt, als ich aut nächsten Tage in den Garten trat, um ihr Lebewohl ztt sagen. Die Mohnblumen blühten in reichster Fülle zivischen dem vernachlässigten Mais, die Hütte selbst war schmuck und sauber. Es war tun die Zeit, wenn die kalten runzlichen Lippen des Winters dein ersten Kuß des Frühlings begegnen und Tod in Auferstehung übergeht. Es tvar die Stunde, wenn Schatteuschauer über den sonnenbeleuchteten Tag gleiten. Am Himmel schmolz das Pnrpurroth der wellenförmigen Heide in eilt liebliches Grün. Ich stand auf der Terrasse, tvo Jarchi ztt sitzert pflegte und klopfte au die Thür, und da ich keine Antwort erhielt, drückte ich auf die Klinke und öffnete leise. Bethulah säst art einem kleinen Tische, ihr Kopf lag attf einer großen Bibel, die sie mit einem Arm umschlungen hielt. Eilt langer Strahl der abschtednehnteuden Sonne fiel dttrch das Fenster und leuchtete auf ihrem grauen Haar. Ich näherte mich leise mit dem schaurigen Gefühl, sie sei todt. Aber sie schien nur eingeschlafen zu sein, dieser Schlaf des Alters, der dem Tode so nahe und doch Erneueruttg des Lebens ist. Ich war begierig zu sehen, tvas sie gelesen hatte. Es war das achtzehnte Kapitel Genesis, und da, ivo der Schatten ihrer Krone fiel, las ich die Worte! „Und der Herr sagte zu Abraham, warum hat Sarah gelacht und gesagt: „Werde ich in Wahrheit ein Kind zeugen und bin schon so alt?" Ist denn bei Gott ein Ding unmöglich?" Von der Meise, v. , 31 ui ft erb am, im August. tun habe ich auch das neue „Jerusalem" gesehen. Als ich noch ein kleines Bübchen war, da regten die Sagen und Erzählungen, die ich über Amsterdam hörte und las, meine kindliche Phantasie in nngehenerlicher Weise auf; namentlich die Geschichte von der portugiesischen Synagoge daselbst, deren Pracht und Dimensionen ja bekanntlich stark übertrieben werden. Das Fähnlein, welches ans dem Almeuor ausgesteckt wurde, wenn der Chase» sich zur Rezitation der Keduscha anschickte, der Schammes, der auf einem Pferdchen durch die Synagoge ritt, lvenn er die Mizwot ausrief, und nun gar erst Pinte von Amsterdam mit seinen fabelhaften Reichthümern! Später als ich schon in die Schule ging, da amreit es wieder die Berichte über die großen Unglaubensgenossen Uriel Slcosta und Spinoza, über den furchtbaren Bann, der unter großer sacerdotaler Machtentfaltung und unter Schofarklaug über die Beiden ausgesprochen wurde, die meine Phantasie nicht weniger aufregten. Immer aber blieb Amsterdam für mich ein Gegenstand lebhaftesten Interesses. So führte mich denn auch mein erster Weg, nachdem ich dort am Freitag Nachmittag angekommen, in die Joden Breestraat, also in das Herz des Judenviertels. Hatte ich doch in meinem neuen Bädeker gelesen, daß dort „der Handels- und Schacherverkehr am Freitag 3lbend vor Beginn des Sabbaths am lebhaftesten und lauteste» sei." Meine Erwartungen wurden nicht getäuscht. Ich habe die Judenviertel fast aller großen europäischen Kulturzentren kennen gelernt. Als das interessanteste ivar mir bisher das zu Warschau erschienen; aber ich gestehe es seht ein, daß das Judenviertel in Amsterdam noch interessanter ist. Zwar ist es nicht so groß, dafür aber ungleich merkwürdiger. Der Unterschied liegt auf der Hand; dort sind es bedrückte Unterthanen, hier freie Bürger, die sich als solche fühlen. Man sieht es diesen Leuten auf Tritt und Schritt an. daß sie in Holland, Gott sei Dank, nicht zu sagen brauchen: „Das Dulden ist das Erbtheil meines Stammes." Ich kann es gar nicht beschreiben, wie eigenthümlich mir zu Mnthe war in dieser Straße, an den Heiinathstätten von Uriel 3lcosta und Spinoza — daneben aber auch von Rembrandt, der hier 16 Jahre lang wohnte und ans dieser engen Jndengasse die werthvollsten Modelle zu seinen Rabbinern und biblischen Gestalten sich holte. Der betäubende Lärm, an wahrer „Höllenbreughel", der einen sofort am Eingang der Straße empfängt, bildet die eigenthümliche Melodie zu den Betrachtungen, die hier mit Stnrmesgewalt auf uns eindringen. Die Holländer sind überhaupt ein sehr lautes Volk, die holländischen Inden übertreten sie aber noch bei weitem. Sie rufe» ihre Maaren: Fleisch, Fische, Obst, Gebäck, Essiggurken, Zwiebeln n. s. w. nicht aus, sondern sie heulen und schreien; von manchen glaubt man, daß sie sich in Krämpfen winden; und das sind nicht bloß die Kinder, denen man es ja gern nachsieht, sondern Männer und Weiber, ja sogar schreiende Greise und tobende Matronen. Es ist ein ohrenzerreißendes Getöse, das durch die Jvdenbreestraat hallt, die in dieser Zeit, zwischen 6 und 7 Uhr abends, so voll ist, daß man sich kaum durchwinden kann. Es scheint, als wollten diese Armen vor Beginn des Sabbaths noch einmal alle Kraft zusammenraffen, um ihre Maare los zu werden und um den Sabbath würdig empfangen zu können. Aber die 3lrninth, die uns hier umfängt, ist doch, wie gesagt, eine andere als die eines polnischen Jndenviertels. In dieser Arniuth liegt noch ein gewisser Stolz und ein bestimmtes Selbstbeamßtsein; sie wollen nicht betteln, sondern verdienen, und wenn es auch nur ein Cent wäre. Nicht minder charakteristisch sind die Gestalten derer, die in diesem Judenviertel die Rolle der Käufer oder auch nur der Zuschauer spielen. Hie und da begegnet uns ein Jüngling mit den Händen in der Tasche, den Hut nach hinten oder schief aus