Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1900)
- Date
- 1900-07-14
- Page
- Seite 440 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228403--56817-3293151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
440 träge zu zahlen hatten, nunmehr mit mehreren hundert Prozent der Staatssteuer veranlagt sind. Ein Beispiel für viele. Wohnen wir einmal einer Berathung über den Gemeindeetat bei: „Also, meine Herren/' so ungefähr beginnt der Vorsitzende, „ich kann Ihnen zu Ihrer und meiner Freude konstatiren, daß unsere Finanzen ganz prächtig stehen, außerordentlich. Ans unserem vorjährigen Etat steht uns für das laufende Jahr — sage — ein Ueberschuß von x hundert Mark zu Gebote; die Schlachtsteuer zu rechnen bringt praeter propter y hundert Mark, hierzu die bedeutenden Spenden von A. ans Newyork, von B. aus Berlin, von C. aus Frankfurt a. M., Summa Summarum z hundert Mark. Kein Zweifel, wir kommen glänzend aus, ohne eine direkte Steuer zu erheben." — Während der Sprecher stolz wie ein Sieger um sich blickt, und die Einen bei dieser vielversprechenden Eröffnung vergnügt in sich hineinlächeln, wagt es einer der Herren, dagegen fein Veto einzulegen: mau könne doch nicht wissen, welche unvorhergesehene Ausgaben erforderlich würden; man möchte doch auch nicht den Ueberschuß und die unerwarteten hohen Spenden in den Ausgabeetat fetzen; man müsse doch wie ein haushälterischer Wirth vorbauen, nicht blos die Gegenwart, sondern auch die Zukunft im Auge behalten. Aber wie sich das häufig so im Leben ereignet, daß die Worte der Weisen verhallen, so auch hier. Der wohlmeinende Warner wird als Schwarzseher verschrien und kann zufrieden sein, wenn der Herr Präses der bloßen Form wegen eine geringe direkte Steuer in Vorschlag bringt und damit durchdringt. So läuft es manche Jahre glatt oder ziemlich glatt ab. Da, inmitten des segensreichen Etatsjahres, stellt sich zum Schrecken der Gemeinde das Bedürfniß einer ungeahnten größere» Ausgabe ein. Die weisen und wohlgesinnten Männer meinen: „Wir sind lange genug von fühlbareil direkten Steuern verschont geblieben; darum wird es uns nicht besonders angreifeu, wenn wir die erforderliche Deckungssumme nach Verhältniß unter uns Mitgliedern durch Repartitionanfbriugen." Es wird eine Sitzung anberaumt. Aber was nützt es; jene guten Rathschläge zum Gemeindewvhl werden auch hier übertrumpft. „Was sollen wir? Repartiren? Was haben wir denn nöthig, für unsere Kinder und Nachkommen zu sorgen! Mögen diese dann fürsich selbst sorgen! Also ganz einfach, da kein Geld vorhanden N st, nehmen wir das nöthige Kapital auf; die Zinsen werden sich leicht abtrageu lassen, und damit die Schuld nicht ewig auf der Geineinde laste, auch dafür ist heutzutage gesorgt, wird das Kapital amortisirt." Das erscheint einem großen Theil der Versammlung sehr gescheid erdacht, — denn vor der Hand sind sie vor einer größeren Ausgabe gesichert, vielleicht verziehen sie auch inzwischen — und der Vorschlag gelangt mehrstimmig zur Annahme. Aber nicht lange, und der hinkende Bote kommt nach. Aus den 10 Prozent gemäß der Staatssteuer werden 20 und 50 und 100, allmälig in die Hunderte hinein; denn die Ausgaben sind mit der Aufiiahme des Kapitals gewachsen, ein Theil derGemeindeglieder, hiervon die Bessersituirten, sind inzwischen verzogen, und die Misere ist da. Die Zurückgebliebenen haben nun horrend zu zahlen, und Diejenigen, welche früher der Stimme der Vernunft nicht gehorcheir wollten, sind jetzt die lautesten der Schreier. Und wenn sich die Schraube der direkten Besteuerung, ohne unliebsames Aufsehen zu erregen, nicht mehr höher stellen läßt, so geht's 'an die Erhöhung der indirekten Steuern; man sinnt auch wohl auf andere Mittelchen behufs Aufbringung der Gemeindebedürfnisse. Manch einer sieht sich dann wegen unerträglicher Ueberbürdung der Gemeindelasten veranlaßt, nach einem anderen Orte überzusiedeln. Dann heißt's schließlich, wie oben angedeutet: „Wir können keinen Rabbiner besolden, es ist unmöglich, das Gehalt aufzubringeu; auch die Schule muß reduzirt werden." Es ist in die Augen springend, daß derartige traurige Zustände da und dort lediglich infolge unrationeller Wirthschast hervorgerufen werden. Jeder fürsorgliche Hausvater trachtet darnach, einen Nothgroschen bei Seite zu legen, um so mehr, wenn es seine Verhältnisse gestatten; jeder nüchterne Holzhauer und Steinklopfer sucht von seinem geringen Lohn etwas für die Zukunft abzukargen; warum sollten die Gemeindeglieder, zumal zur Zeit, wo sie sich in der angenehmen Lage befinden, ein Opfer zu bringen, nicht auch für die Zukunft, für ihre eigenen Kinder, für die Gemeinde, für die Erhaltung des Judeuthums ernstlich bedacht sein! Da werden Hunderte und tausende Mark von außerordentlichen Eingängen geradezu verwirthschaftet, aufgezehrt statt solche zum dauernde»» Wohle der Geineinde zinsbar anzulegen. Es giebt ja auch jetzt noch »vohlhabende jüdische Gemeinden, ivelche nur geringe oderauch keinerlei direkte Steuern zahlen. Die Vorhaltung, es bleibe sich gleich, ob direkt oder indirekt, hält nicht Stich. Nicht rnit Unrecht ivird im Parlainent darüber debattirt, daß die indirekte»» Steuern insonders den tu»» bemittelten, armen Mann treffen. Bei beispielstveise zu hoher Schlachtsteuer in der Gemeinde kann sich das bekannte Wort jenes für das Wohl seines Volkes beseelten französischen Königs, jeder Bauer muffe am Sonntag sein Huhn iin Topfe haben, dem uubentittelten Juden a»»» Sabbath nicht verwirkliche»». Warum sollte das um kodasch, als welches Israel anerkannt ist, das bei fremder Noch, bei fre»ndem Elend mit offenen Händen spendet, nicht auch bereitlvillig für seine eigene Gemeinde einige Opfer bringen! Durch Anlage eines Reservefonds a»»s den jelveiligen Ueberschüffeu und den außergeivöhulichen Einnahmen wäre viel des Guten erreichbar. Der Zinsertrag brächte schon in der Gegenwart Früchte, indem mit seiner Hilfe die Beiträge der Mitglieder sich ermäßigten. Abgesehen davon, daß für unvorhergesehene Fälle noth»ve»»dig ein Fonds Vorhände»» sein »nuß, könnte unter andere»»» auch der mit vollem Recht angestrebte,» Pensionirung der Kultusbeamten, deren leider viele i»»» Alter eine»»» trüben Dasein verfallen, Vorschub geleistet »verden. Der Gemeinde erwüchse damit der sicherlich nicht hoch genug zu veranschlagende Gewinn, daß sich für solche pensionsberechtigte Stellen, selbst bei geringerer Besoldung, die tüchtigsten Beiverber fänden, und die Gemeinde von den» einigen Wechsel verschollt bliebe. Wie niederdrückend für eine »vohlgesinnte Gemeinde, wenn sie dein» besten Willen sich außer Stande sieht, einem lang- und treubelvährten Beamten das »vohlverdiente Gnadenbrod zu reichen, »velches der Staat keinen» seiner Beamten vorenthält! Die für solche Zwecke sich bildenden Vereine kön»»en unmöglich überall in hinlänglicher Weise aushelfend eintreten, »vo die Gemeinde selbst im Streben nach dem Besseren sich lässig erweist. — Zum wenigsten aber könilte durch die Ansammlung eines Fonds das erzielt »verden, daß eine Gemeinde, die später aus irgend welchen Anlässen zusanlmenschrurnpfen sollte, eine erwünschte Aushilfe erhielte,