Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1900)
- Date
- 1900-07-14
- Page
- Seite 436 (sequence 6)
- Language
- German
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436 Ansiedeluttgsrayon ausgewiesen werden. Endlich selten die Kinder der außerhalb des Ansiedelungsrayons lebenden jüdischen Gelehrten nnd Handwerker nach erlangter Majorennität nicht mehr ausgewiesen werden, selbst wenn sie weder einen akademischen Grad erworben noch ein Handwerk erlernt haben. Letztere Erleichterung würde insofern von großer Tragweite sein, als dadurch in der das Ansiedelungsrahon uingebenden unsichtbaren chinesischen Mauer eine weite Bresche gelegt würde, durch welche zahlreiche Juden in das Innere Rußlands ziehen und da für alle Zeiteil sich aufhalten könnten. Im Uebrigen hat auch der russische Senat eine neue für die Juden günstige Entscheidung gefallt. Danach dürfen die Inden auf dem platten Lande unbewegliches Eigenthum besitzen, wenn dieses Eigenthum ihnen testamentarisch vermacht oder sonstwie geschenkt wird. Die Maigesetze — so begründete der Senat sein Urtheil — sollen beschränkend, wirken, beschränkende Gesetze unterliegen aber keiner Interpretation, sondern müssen nach ihrem buchstäblichen Wortlaut genommen werden. Diesem Wortlaute nach aber dürfen die Juden auf dem Platten Lande keine Güter kaufen, dagegen kann ihnen Niemand verbieten, sich diese Güter schenken oder testamentarisch vermachen zu lassen. Es ist eben in den Maigesetzen eine Lücke gelassen ivvrden, die jetzt, wo kein Jgnatiew am Ruder ist, Niemand mehr ausfüllen wird. Prozeß Jsraelski. u. Könitz, 8. September. t nter großem Andrauge des Publikums beginnt hier um 9 Uhr am heutigen Sonnabend die Verhandlung gegen Israelski. ° der bekanntlich der Begünstigung einer schweren Strafthat bezichtigt ist, weil er den Kopf des am 11. März ermordeten Ernst Winter bei Seite geschafft haben soll. Wie groß das Interesse für diesen Fall ist, beweist die große Anzahl von Berichterstattern, die eingetroffen sind und denen die ersten 20 Plätze im Zuschauerranm zur Verfügung gestellt sind. Darunter sind außer den gewöhnlich zu interessanten Verhandlungen erscheinenden Korrespondenten auch Vertreter von Organen, die sich sonst nicht vertreten lassen, wie die „Jllustrirte Zeitung" rc. Als Vertreter der jüdischen Journalistik war ich der einzige und fiel einigermaßen ans, weil ich des Sabbaths halber nicht schrieb. Der Zufall )votlte, daß mein Nachbar gerade der Berichterstatter der „Staatsbürgerzeitung" wurde, doch haben wir für oieseil Tag ganz gute Nachbarschaft gehalten. Das Gericht bestand ans fünf Richtern, deren Vorsitz der Landgerichtsdirektor Böhnke führte, ein Mann von äußerst liebenswürdigem Wesen und offenbar sehr großer Geduld auch Zeugeil gegenüber, die die Geduld des Gerichtshofes auf eine arge Probe stellten. Die Anklage vertritt der erste Staatsanwalt Settegast; man fcum gerade nicht behaupten, daß er den Eindruck hervorgerusen hätte, daß er selbst von der Haltbarkeit seiner Anklage überzeugt gewesen sei, im Gegentheil, so schwach wie die Anklage überhaupt, so matt lvar die Vertretling derselbeii durch den Staatsanwalt. Es war ihm arischeiliend selbst nicht sehr wohl bei dem Vorgehen, zll dem ihn die Sache * nöthigte. Die Verteidigung führeii gemeinsain Justizrath v. G o rd o il aus Berlin nnd Rechtsanwalt Masrbke aus Koiiitz. Der erste ist Christ, der ziveite Jude; die Leitung übernimnit offeiibar von Anfaiig an Gordoii, der sich mit ebenso großer Gewaiidtheit seiner Aufgabe entledigt, lvie seine Krenzfrageil und sein Plaidoher von deui Fleiß Zeugniß ablegeii, den er auf das Studiiim dieser Aligelegenheit verwendet hat. Der Aiigeklagte Israel ski, der zu Beginn, voll einem Gerichtsdiener geleitet, in den Saal geführt wird, inacht keinen allzu schlechten Eiiidruck. Er sitzt seit dem 16. März im Gefäiigniß, also beinahe fünf Monate, aber die Haft scheilit ihin gut gethan zu haben. Er sieht einigerulaßen sauber und ordentlich aus, und daß er so lange! nicht seinem Hang zum Alkohol hat fröhnen dürfen, ist ihm offenbür auch nicht zuni Schaden gewesen. Uebrigens ist der Marin so klein und schmächtig, daß ihm Niemand eine Betheiligung an der Mordthat selbst zutrauen kann, und er macht auch nicht den Eindruck eines Mannes, der sich zu dem gefährlichen Geschäst der Beseitigung von Leichentheilen würde haben bewegen lassen. Er ist etwas lahm, ein Umstand, der nicht unwesentlich ist, da die Zeit, die er angeblich für seine Wege benutzt haben soll, für einen so schlechten Fußgänger viel zu kurz ist. Der Präsident richtet an Jsraelski die Frage, ob er sich schuldig bekennen will, und als er verneint, legt er ihm die einzelnen Punkte der Anklage vor. Jsraelski gesteht zu, um die fragliche Zeit dem Belastungszeugen Fiedler begegnet zu sein, bestreitet aber alles übrige, besonders auch, daß er einen Sack getragen oder gar den Kopf des Winter in dem Sacke gehabt habe. Als der Präsident seine Fragen an den Ai,geklagten beendet hat nnd das Zeugenverhör beginnt, ist mail im Publikum allgemein erstaunt, daß nicht nlehr Verdachtsgründe gegell dellselben vorliegen, ulld selbst unter den Berichterstatterrl werdell Aeußerlingeil des Ullwillens lallt, daß auf Grulld so geringfügiger Indizien ein Malin fünf Monate in Untersuchungshaft hat sitzen ulüssen. Bereits jetzt ist man allgemein von der Freisprechmlg des Angeklagten überzeugt. Der erste Zeuge ist Bäckermeister Lange, der nur über das Verschwinden des Ernlordetell und über die Auffindung der Leichentheile aussagen kailn. Das Gleiche sagt Bannnternehmer Winter, der Vater des Opfers, aus. ein Mallll von 64 Jahren, der allgemeines Mitleid erregt. Er macht ferner Mittheilung voll einem Briefe, der ihm allonynl mit dem Poststempel Halnmerstein Angegangen ist und in denl uilgefähr folgendes steht: „Weilll Sie in dell „Graudenzer Geselligen" setzen lassen : „Winter schweigt", so erhalteil Sie 50000 M. 200000 M. hat Ulls die Geschichte scholl gekostet, aber wir Juden haben ja das Geld dazu. Wir mußtell Ihren Sohn tödten, das sei Ihr Trost." Herr Willter hat ben Brief dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten Liebermann voll Sonllellberg Übergebell, wie der alte Willter deim leider überhaupt gallz in den Händen der Antisemiten ist. Der Brief ist sehr charakteristisch für die Mallöver, die die Alltisemiten zur Verdeckung des Thatbestalldes llnd zur Beschuldlguilg der Juden anlvellden. Für wie dumm aber müssen diese Leute das Pllbliklim halten, dem sie mit so groben Fälschungen inlponiren können. Die Zeugen Bürgermeister Detitius, Grzonkowsky ulld Kllß, die beiden letzterell Kllaben voll 13 Jahren, berichten nur über die Allffilldung des Kopfes. Zellgin Fräulein Lange macht die wichtige Aussage, daß, als der Oberkörper gefuilden wurde, aus dem Packet blutiges Wasser floß. (Diese Aussage widerlegt die Fabel voll der Blutleere des Körpers.) Amtsgerichtsrath Gorski giebt eine Schilderung der Fundstelle, ail der der Kopf gefunden wurde, sowie der Eiilzelheiten des Fundes. Zeuge, der iu ben ersten zwei Tagen die Ernlittelnngen geleitet hat, hat sich die Meinung gebildet, daß der Kopf erst ganz kurz vor der Allsfindung dorthill gebracht werdeil korllite, da dicht bei dem Kopf eill Stück desselben Packpapiers gefunden lvurde, in das der Kopf eingewickelt lvar. Obwohl es aber in der kritischen Zeit alle Tage Vormittags geregnet hatte, war dieses Stück Papier ganz trocken, auch lag dasselbe so lose auf dem Bodell, daß jeder Windstoß es hätte fortwehen müssell. Bei der weiterell Vernehmung stellt sich heraus, daß seinerzeit die Staatsanwaltschaft auf diesen Fund keinen Werth gelegt hat, ja daß das nlerklvürdige Stück Papier ganz verschlvullden ist. Botenmeister Fiedler wiederholt mit aller Bestimmtheit seine früheren Aussagen, er hat Jsraelski um IOV4 Uhr vor dem Landgericht ulld iu der Schützenstraße in der Richtnilg zur Fundstelle gehend gesehell. Er trug einen Sack, in dem eill anscheinend runder Gegeilstand von der ullgefährell Größe eines Menscheilkopfes war. Znm zweiteil Male an demselbeil Tage hat Fiedler den Jsraelski wieder gesehen um 11 Uhr, in umgekehrter Richtung wieder am Laildgericht vorbeigehend. Diesmal hatte er feinen Sack auf dem Rückerl, aber stark beschmutzte Stiefel. Drei andere Zeugell, F r a u W e y n e r 0 lv s ki. F ö r st e r Zentner Ulld Gärtner Richar befunben dagegen übereinstimmend, daß sie um 9 V2 Uhr bei dem Schützenhause einen verdächtigen Manu mit einem Sack nahe der Fundstelle gesehen haben, daß dieser Malln aber nicht ideiltisch mit Jsraelski war.