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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-14 · Heft 37 (14.7.1900) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 37 (14.7.1900)
Date
1900-07-14
Page
Seite 435 (sequence 5)
Language
German
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— 435 Dieses Glaubensbekenntniß des Centrums ist für uns jedenfalls von Bedeutung. Daß aber gerade die „Augsburger Postzeitung" mit solcher Bestinuntheit vom Antisemitismus abrückt, erklärt die „Fr. Z." aus den augenblicklichen besonderen bayerischen Verhältnissen. Das Centrum in Bayern trägt Sorge, der Bund der Laudwirthe, für den die bayerischen Antisemiten arbeiten, könnte die Trümmer des in die Brüche gehenden Bayerischen Bauernbundes an sich ziehen und zu einer neuen Organisation außerhalb des Centrumsbannes sammeln. Aus diesem Grunde geht die Taktik gegenwärtig wider die Antisemiten. i Die antisemitische „Deutsch-soziale Reformpartei" ist auf ihrem diesjährigen Parteitag, der in Magdeburg am Sonntag eröffnet wurde, in zwei quantitativ und qualitativ peinlich gleiche Theile zersprengt worden. Hie Liebermann von Sonnenberg, hie Zimmermaun - Dresden! Unter diesen Losungsworten" kam man aneinander undauseinander. Nachdem sich die Herren die schönsten Dinge an beit Kopf geworfen, wurde ein vom Grafen Reventlow vorgeschlagenes Vertrauensvotum für den Fraktionsvorstand, also für die Abgeordneten v. Liebermann und Raab, mit 85 gegen 75 Stimmen abgelehut. Herr v. Liebermann erklärte hierauf im Namen seinerpolitischen Freunde den Austritt ans der Parteiorganisation und forderte seine Gesinnungsgenossen auf, sich um ihn zu versammeln \ux Gründung einer neuen Organisation. Mit ihm verließ etwa die Hälfte der Versammelten den Sitzungssaal. Der Vorsitzende Abgeordneter Zimmermann forderte zum Festhalten an der Partei in der alten ehrlichen Weise auf; es sei besser klein, aber rein". Man braucht aber keine Bange zu haben: die „feindlichen Brüder" werden sich gelegentlich zu finden und dann gleich zu verstehen wissen. Inzwischen konstatiren freilich die Antisemitenblütter die vollzogene „Spaltung" der Partei, die nach der amtlichen Fraktionsliste des Reichstags neun Mitglieder und einen Hospitanten aufweist; kommen also auf Liebermann und flmmeriuann je 4 2 Mitglieder und 7-j Hospitant. Zimmermcmu selbst ist nicht Reichstagsabgeordneter. * Wir haben in der vorigen Nummer mitgetheilt, daß das Organ der klerikalen Volkspartei in Ungarn wegen eines Artikels gegen die Juden konfiszirt und verklagt worden sei. Ls verlohnt sich, den Grund dieser Maßnahmen kennen zu erneu. In Nummer 202 schrieb dieses brave Blatt — Alkotmnny betitelt — u. A. Folgendes: „Anderswo lvürde man bis zu den Knöcheln in dampfendem 4 u d e n b l u t waten und längs d e r L a n d st r a ß e u w n rde 11 4 nden auf den Bäumell modern, wenn anderwärts so schreckliche Schurkereien geschähen, es könnte in einem solchen Lande nicht unnal das Alldenken einer so hätztichell mld verachtungswürdigen Aosse aufrecht bleiben, welche mit herausfordernder Unverschämtheit Ales beleidigt mld verletzt was christlich ist. Eine neue und schrecklichere Verwüstung Jerusalems lväre anderwärts die Vergeltung dafür. Wir '.der verneigen uns unterthänig uild gestatten alles, alles . . Wenn die Leser nun erschreckt fragen, lvas denn eigentlich geschehen sei, das den klerikalen-volksparteilichen Zorn herausgefordert, so haben wir darauf Folgendes zu erwidern: In Ar ungarischen Bischofsstadt Erlau wurde vor Kurzem ein Kreuz entweiht und verstümmelt; natürlich legten die Antisemiten dies sofort beit Juden zur Last. Und ihre Verleumdnugen hörten nicht auf, selbst als das folgende energische Dementi des offiziellen erzbischöflichen Organs in Erlau, des „Egri Hiradö", erschienen war: „Die hauptstädtischen Tageszeitungen brachten die Nachricht, daß in Erlau all der nngarischell Krolle und an dein ungarischen Wappen i durch böswillige Verstümmelung des Kreuzes ein öffentliches Gravamen! verübt worden sei. Mallche Lellte haben diesen Fall, illdem sie ihn; als unzweifelhafte Thatsache Hinnahmen ulld ähnlichen Erscheinungen! der jüngstell Zeit anreihten, voll Entrüstung mit Kommentaren versehen. bereu Veröffentlichung ohne vollständige 1111b sichere Kenntnis; des wahren Sachverhalts, eventuell mit Verdächtigung gänzlich un- , schuldiger Personen, die christliche Liebe und Gerechtigkeit llicht gestattell! kann. N llll weiß aber N i e ln a ll d hier in E1i a it von eine m z solchen Gravamen, ulld es kann Jederlnann aus den betreffendell! Zeitungsnotizen ulld ans derartigell Konlmelltarerl nur die Besorglliß! schöpfen, daß solche grlUldlose Ausstreuullgen geeignet sein könnten! zu nllbegründeter Erregung der Gemnther, zur Gefährdung des sriedllcheu Zusammenlebens der Bürger verschiedenell Bekelultllisses in unserer Stadt, solvie zur Gesährdnng des Erfolges derjenigen Bestrebungell, die auf die Aufrechterhaltung dieses friedlichen Zusammenlebens abzielen. Voll der Gleichheit der Gefühle mit denen der katholischen Bürgerschaft haben bei dieselu friedlichen Zllstallde unsere israelitischen Mitbürger — beispielsweise erst jüllgst bei der Neunhundertjahrfeier — glänzendes Zeuguiß abgelegt. Die allgenleine! Ruhe nllserer Gesellschaft 311 stören, ist ein verdammenswerther Fehler. Und lvenn die hierzu führenden Ausstreuungen und Versuche noch überdies tendenziös silld, so hätten wir 31t deren Verurtheilung llicht : genug harte Worte."! Die ganze Geschichte ist überaus lehrreich für die Ent-! stehungsweise antisemitischer Legellden, oder vielmehr Lügendell!! Die Erklärung, daß die Juden auch an dein b ulgar isch-! rumänischen Kollflikt die Hauptschuld tragen, hat eigentlich j etwas lange auf sich warten lassen. Nun ist sie glücklich ein-! getroffen, Mld die Motive, die sie mitbringt, mögen das lange! Ausbleiben entschuldigen. Die „Deutsche Zeitung" in Wien! bringt die wirklich sensationelle Nachricht, daß der Kollflikt! eigentlich das Werk der Juden sei, die Herrn Peter Carp ails : der Verlegenheit, welche ihm die — Judenfrage bereite, heraus- - helfen lvollten. Ja noch mehr, das antisemitische Organ glaubt! sogar darall zweifeln 31t müssen, ob der Mörder Michaileanns wirklich ein Söldling des maeedonischen Komitees war. Wer weiß — ruft es mit Emphase aus — ob die Juden llicht auch diesen Mord verschuldet haben! Folgt ein bedeutsames Ausrufungszeichen, welches lvahrscheinlich, beit Jntentionell des weisen Redakteurs entsprecheild, voll den verständinßvoÜen Lesern der „Deutschen Zeitung" ungefähr folgendermaßen aufgefaßt werden lvlrd: Wer weiß, ob nicht gar hülter der Ermordung Michaileanus ein Ritlialmord steckt! . . . Das war doch eine ingeniöse Idee. Die „Deutsche Zeitrurg" kann sich! ein Patent darauf geben lassen. £ Die Jüdische Abtheilung, welche, wie wir kürzlich gemeldet haben, im russischen Ministerium des Innern errichtet wurde, hat die hartbedrückten Inden Rußlands mit neuen Hoffnungen belebt. Man erwartet, daß die neue Institution null bald in Thütigkeit treten wird, und Leute, die als gut unterrichtet gelten, wolleil bereits die Richtling keimen, irr welcher sich diese Thütigkeit bewegen dürfte. Es soll zullächst allen Personen, dellen der Aufellthalt im Jnneril Rußlands gestattet ist, erlaubt sein, ihre unterstützungsbedürftigen Eltern dauernd um sich zu habell. Ferner sollen alle im Jnneril Rußlands lebenden jüdischen Handrverker, welche durch Alter oder dauernde Krankheit an der Ausübung ihres Haildwerks verhindert sind, nicht wieder nach dem

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