Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1900)
- Date
- 1900-07-14
- Page
- Seite 434 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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434 20 von Lehrern, 21 von Industriellen, 41 von Rentnern, 2 von niederen Bediensteten, 10 von Aerzten, 2 voll Geistlichen, 1 voll einem Gutsbesitzer. Um diese Zahlen vollauf zu würdigen, fehlen uns allerdings einige Maßstäbe: genalle Angaben über die Zahl der jeweils vorhanden gewesenen Berufsangehörigen gleicher Konfession, über ihren wirthschaftlichen Erfolg, ihr Vermögen rc. Immerhin aber läßt sich auch aus diesen Zahlell manches illteressante Resultat herleitell. Wir kommen auf das interessante Buch, nachdem dasselbe vollständig erschienen sein wird, noch einmal ausführlich zurück, da gerade die letzten Kapitel, welche vom Elternberuf handeln, für uns besonders wichtig sind. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Verfasser des in Rede stehenden Buches sich mit der einschlägigen Materie gründlich beschäftigt hat. Seine Darstellnllg ist, wie Jeder zugeben wird, eine durchaus objektive. Um so werthvoller sind für uns die Resultate, zu bellen er gelangt. Gerade bei der Betrachtung des Verhältnisses der einzelnen Religionsgemeinschaften zulll höheren Stlldium kommt er zu deni Schluß, daß für wichtige Momente im Entschlüsse zum Stlldium mehr als das Glaubensbekenntniß wirthschaftliche Gründe es seien, die beix Ausschlag geben. Alle geistigen Güter in Ehren, so sagt er, aber der Weg zu ihnen ist von wirthschaftlichen Momenterl diktiert, deren Gesetze die Melrschen meist unmittelbarer empfinden, die ihnen meist faßbarer sind und mit denen sie bestilllnlter rechnen als mit den idealen Forderungell des Geistes und Gewissens. Wirthschaftliche Verfehlungen rächen sich; gegen die Verfehlungen der Unluft zu geistigen Dingen aber giebt es keine Strafe, wenigstens kaum eine, die von ihrem Träger allzuhart empfunden würde, Ulld bezüglich der Sühne der unter dem Namen der Sünde zusammellgefaßten moralischeil Fehler herrscht — leider — bei der großen Menge die Ansicht, daß es verhältnißnlüßig bequeme mib nicht gar vordringliche Wege gebe, sich damit abzufinden. Wohl auch aus diesen Anschauungen entspringt in Studiellsachen der Vorrallg der Wirthschastsfrage vor der Glaubensfrage, die nur als eine Frage der Entwickelung beider, der geistigen Freiheit lind des Gelvissells, gedacht werden darf. Da für Viele das Wirtschaftsleben härter, bei Vielen auch geschätzter als die Religion ist, ergeben sich Mißstände, die sicher Abhilfe erheischen, die aber völlig unabhällgig von der Konfessiorl sind und die keineswegs beit Antisemiten auch nur einen Schimnier voll Berechtigung geben, gegen das Bildungsstreben der Judeu zu Hetzen, welche an diesen Mißständell keinesfalls mehr betheiligt '.sind als die Angehörigen der anderen Religivllsbekellntnisse. ->#x- Are Woche. f SB erlitt, 11. September. ie Konitzer Affäre ist durch bett Prozeß Jsraelski wieder einmal in den Vordergrund gerückt worden. Wir berichten über den Verlauf des Prozesses an anderer Stelle. Eine lvesentliche Aufklärung über den grailellvollen Mord selbst hat auch diese Verhandlung nicht gebracht. Nllr die Gutachten der medizinischen Sachverständigen sind von großer Bedeutung. Sie sind — mit einer Ausnahme — der Meinmlg, daß der Tod wahrscheinlich durch Erstickung herbeigeführt worden sei. Das Urtheil erklärt denll auch diesem Gutachten elltsprechend, daß der Gerichtshof es nicht für festgestellt erachtet hat, ob dev Tod des Gymnasiastelt Winter durch Verblutung oder Erstickung erfolgt sei. Durch die Beweisaufllahme ist auch nicht nachgewiesen, wie lange der Kopf schon an der Fundstelle gelegen hat und ebensowenig, ob der Schnitt am Halse ein Schächtschuitt war. Freilich, wer erwartet hatte, daß die Konitzer Verhandlung den Schleier, der über denl furchtbaren Verbrechen schwebt, das nun seit Monaten Preußen und Deutschland in Aufregullg hält, auch nur eilligerinaßen lüften lverde, sieht sich durch den Gang der Verhandlung auf das Gründlichste enttäuscht. Das Verbrechelt ist nach wie vor in ein anscheineild undurchdringliches Geheimniß gehüllt, wie so viele andere Morde, die noch immer der Aufklärung und Sühne harren. Aber während die Behörde seit Monaten mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln arbeitete, um Licht in das Dunkel dieser entsetzlichen Angelegenheit 31t bringen, ohne daß sie bis jetzt einen Schritt vorwärts gekommen ist, stand das Urtheil der antisemitischen Agitatoren von vornherein fest - Nur die Juden konnten das Verbrecher: verübt haben. Bei dieser Verleumdung bleiben sie auch. Und so wird sich leider auch dieser Wahrspruch schlechterdings ohnmächtig erweisen gegenüber der planmäßigen Propaganda, durch die man es verstanden, in einer friedlichen Stadt Bürger gegen Bürger zu Hetzen. * Auch das Centrnm hat nunmehr Stellung zu dem wiederholt besprochenen „Post"-Artikel genommen. Ein solches Schauspiel hat für den ausiuerksameu Zuschauer immer einen besonderen Reiz. Gewöhnlich beginnt ein solcher Artikel mit einigen Liebenswürdigkeiten, die sich an die Adresse der Juden wenden, welche sich „dem Liberalismus dienstbar gemacht" hätten, um dann schließlich aus wohlbegreiflichen Gründen zu der Verurtheilung jeder Ausnahmegesetzgebung zu gelangen. So auch diesmal. Indem wir uns aber die Komplimente der „Augsburger Postzeitung" schenke:!, lassen wir hier nur den zweiten und für uns ungleich wichtigeren Theil ihrer parteiroffiziösen Auslassung im Wortlaut folgen: „Aa dem Streit, ob die Jndenemcnizipatiou vor fünfzig Jahren vernünftig oder unheilvoll war, hat das Volk heute fein Interesse mehr. Die Gleichstellung der Judeu ist da und wird nicht mehr rückgängig gemacht werden. Der Mauchester-Liberalismus und der Polltische Radikalismus haben dem Judenthmn nicht blos die geschäftliche Geriebenheit, sondern auch die Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel abgelernt. Es ist also die reine Heuchelei, wenn jetzt die Parteien, deren Mitglieder sich in allen Gründungen die Hände gelvaschen und im Kulturkampf fest mitgemacht haben, für beu Verlust ihres Allsehens die Juden aflein verantwortlich machell wollen. Wenn es für Centrumswähler überhaupt noch nöthig wäre, so gilt es nur einen Warnungspsahl aufznstellen vor dem politischen Antisemitismus. Diese Parteibildung hat in Deutschland gründlich abgehanst, selbst lvenn sie noch billige Trümmer durch ein paar Reichstagsperioden schleppen sollte. Ohlle jedes feste Ziel, unzuverlässig und nlleinig in der Taktik, unfähig zu jeder Initiative, bilden die Antisemiten die Karikatur einer politischen Partei. Dabei haben wir die Personenfrage mlberührt gelassen. Solchen Politikern wie Ahlwardt. Böckel, Graf Pückler u. s. w. ziehen wir jeden anständigen Juden vor. Allgehörige der Centrumspartei dürfen auch nicht den Schein an sich kommen lassen, als würden sie jemals für eilte ausnahmegesetzliche Behandlung der Juden eiutvetcn. Das ist ein Gebot der Moral wie der Klugheit. Es ist Schande genug für den Liberalisntus loie für die Negierungen, daß die deutscheil Katholiken in ihren: angestammten Heimathlande heute aus religiösem Gebiete noch nicht soviel Freiheit genießen wie die Inden. Wir kämpfen zunächst noch um nufere Gleichberechtigung. In Judenhetze machell lvir nicht."