Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 sondern Beschwerde beim königlichen Landgerichte erhoben, das dieser stattgab und die Sache zur neuerlicheil Verhandlung au das Schöffengericht verwies unter der Begründung, daß aus dem Polizeibericht nicht ersichtlich ist, ob derselbe auch auf verlässigen Mittheilungen beruhe. In der Verhandlung wurde das Protokoll der komnnssarischen Vernehmung der Olajicik verlesen, die jetzt ihre Aussage wesentlich abgeschwächt hat. Das Urtheil lautete auf je 10 Mark Geldstrafe für jeden der beibeu Angeklagten. f. Hechirrgerr lHohenzottern), 2. September. Ein festlicher Tag liegt hinter uns, dessen Feier in gleicher Weise Gefühle der Freude und des Schmerzes in uns hervorrief. Am gestrigen Sabbath waren es 25 Jahre, daß Herr Rabbinatsv erweser itub Lehr er L. Levi sein Amt iu der hiesigen israelitischen Gemeinde augetreten. Aber der Jnbiläumstag wurde zugleich zum Tag des Abschieds. Denn körperliche Leiden hatten Herrn Levi gezwungen, in einem Alter, da Andere noch auf der Höhe des Schaffens stehen, um seine Peusiouirung nachzusuchen, die ihm seitens der Königlichen Negierung auch gewährt wurde. Die Feier begann schon mit dem Gottesdienst am Freitag Abend, wo der Jubilar im Verein mit dem von ihm geleiteten, trefflich geschulten Synagogenchor seine schönstell Weisell ertönen ließ, die ihren tiefen Eindruck auf die Zuhörer nicht verfehlten. Die eigentliche Feier aber fand gestern statt. In ungelvohnter Zahl fanden sich die Andächtigell im festlich geschmückten Gotteshanse ein; unter den Anwesenden besand sich als Vertreter der Negierung der Königliche Kreisschulinspektor Schulrath Dr. Schwitz sowie mehrere Freunde des Scheidenden alls christlichen Kreisen. Nachdem die Klänge eines feierlichen Chorals verrauscht waren, bestieg Herr Levi die Kanzel, um ein Abschiedswort an die Gemeinde zu richten, mit der er ein Vierteljahrhundert redlich Freud ruld Leid getheilt hatte. In einer meisterhaften Rede hielt er einell Rückblick auf feine vierfache Thätigkeit als Lehrer, Prediger, Vorbeter und Verwaltungsbeamter, und wies mit bewegten Worten darauf hin, lvie ihni von der Vorsehung ein unerbittliches Halt zugernfen wurde, das ihn zwinge, seine Thätigkeit einzustellen. Mit einer Fürbitte für die Gemeinde und einem letzten Segen schloß die ergreifende Ansprache, die eine tiefe Wirkung ausübte und allell gefühlvollen Zuhörern Thräuen der Rührung entlockte. Nach Schluß des Gottesdienstes überreichte Herr Ad. Baruch im Namen des Vorstandes und der Gemeinde dem Jubilar in dessen Wohnung einen kunstvoll gearbeiteten Tafelaufsatz, indem er in bewegten Worten die Pflichttreue und die erfolgreiche Thätigkeit des Herrn Levi hervorhob. Inzwischen hatten sich im Schulzimmer nebenan die Schüler sonne eine große Zahl ehemaliger Schülerinnen versammelt. Bei seinem Eintritt in dasselbe wurde Herr Levi durch den Herrn Schulrath begrüßt und ihm voll deniselben der Dank ausgesprochen für seine überaus ersprießliche Thätigkeit in der Schule, worauf eine Schülerin einen für diesen Zweck verfaßten poetischen Gruß all den scheidenden Lehrer richtete. Auf sättlultliche Allsprachen antwortete Herr Levi und übergab der Schllle als Alldenken das Bilduiß unseres Kaisers. Tags zuvor war ihm durch den Vertreter der Negierung der ihnl vom Kaiser verliehene Hohen zolle rusche Hausordeil überreicht worden. Das Provinzialschulkolleginm in Koblenz erkannte in einem Dankschreiben seine langjährige pflichttreue Thätigkeit au der Realschule au; voll dem israelitischen Genleiudebund, voll der Alliance israelite, voll Freunden und Kollegen, nah*und fern, von ehemaligen Schülern liefen Glückwünsche in großer Zahl ein und nicht minder groß war die Zahl Derer, die sich zur persönlicheil Beglückwünschung einfallden. Am Abend fand zu Ehren des Jubilars und seiner Gattill eine festliche Vereinigung des Syllagogerlchors statt, wobei auch einige Herrerl des Borstalldes sowie der Pfarrer der evangelischen Geuleinde, Herr Stadtpsarrer Damm, anwesend waren. Die Reihe der Toaste eröffnete Herr Flehinger, der rlamens des Synagogenchors den Jllbilar feierte, Herr Lehrer Wolff, der Nachfolger des Herrn Levi, gedachte der Gattin desselben, die er als Vorbild einer Haussrau und Mutter pries, uird der Herr Stadtpfarrer hob das sreulldschaftliche Verhültniß hervor, das ihn seit über 20 Jahren mit dem Scheidellderi verband. dessen Wissen ihll stets lnit Bewllnderung erfüllt habe; in gewohilter trefflicher Weise erwiederte Herr Levi alle Ansprachen. Erllste und heitere, Lieder-, Klavier- und poetische Vorträge seitens eilliger Mitglieder des Shllagogenchors erhöhten die behagliche Stilllmung, so daß der Abelld einen gemüthlichen, zwanglosen Verlaus nahm. — Herr Levi wird Ende Septeniber nach Stuttgart übersiedeln, mld es begleitell ihn dorthin die besten Wünsche der hiesigen Gemeinde lind feiner Freunde. Mögen ihm noch viele Jahre des ungestörten Familienglücks beschieden sein. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 3. September. Die Staatsanwaltschaft hat gegen ben „Alkotmany", das Organ der ungarischen Volkspartei, wegen eines in den letzterl Tagen unter dem Titel „Der Judenstern" erschienenell Artikels, lvelcher unerhörte Ausfälle gegen die Judell unb die jüdische Konfession ellthielt, auf Grund des 8 172 des Strafgesetzbuches lvegell Aufreizung gegen eine Konfession den Strafprozeß eillgeleitet. — Die beiden Söhne des jüngst verstorbenen Industriellen Moritz Redlich haben mehrereil Humanitären Vereinell die Summe von 24 000 Krollen gespendet. — Aul 26. v. M. ist hier nach langem, schweren Leiden der bekannte Bibliograph CH. D. Lippe im 77. Lebensjahre eines sanften Todes verschieden. Der Heimgegallgene, ein Bruder des bekannten Dr. K. Lippe in Jassy, war ein Marm voll vielenl Wissen ulld hat sich um die jüdische Litteratlir Verdienste erworben. Sein „Bibliographisches Lexikon" (Wien 1881—1899. III.) ist ein allgemein bekanntes, leider nicht imlner zuverlässiges Nachschlagewerk. Das Leichenbegängniß fand am 28. v. M. statt. Alls dem Centralsriedhof hatte sich eine kleine Gemeinde der allergetrenesten Freunde eillgefunden. Die gesanglicheil Flmktionen hatte Herr Oberkailtor Kläger versehen, Herr Rabbiner Dr. Bach hielt dem Verstorbenen einen warmeil Nachruf. Am Grabe nahm der bekannte Hebraist M. Weißmann-Chajes in rührenden Worten von seinen! Freunde Abschied. — Gestern ist hier im hohen Alter von 90 Jahren Frau W ilh elmi ne Edle v. Hofmannsthal geb. Herz-Lämel verschieden. — Der Kaiser hat den Privatdozenten Dr. Leo Strisolver zum außerordentlichen Professor an der juristischen Fakultät der hiesigen Universität ernannt, und den beiden Privatdozenten der lnedizinischen Fakultät Dr. S. Ehrmann, der auch Vizepräsident der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" ist, und Dr. L. König stein den Titel eines außerordentlichen Professors verliehen. — Dr. I. Günzig in Biala. der bekannte Herausgeber des Haeschkol, ist einstirnmig zum Rabbiner in Loschitz gewühlt lvorden. Frankreich. 1-. Paris, 30. August. Vor einigen Tagell hat die Vertheilung der Ausstellllngspreise stattgefunden. Dabei sind auch vielen jüdischen Firmen ihrer hervorragenden Leistungen wegen Auszeichnungen zutheil geworden. Dieser Umstand hat die ganze antisenlitische Presse in Helle Wuth versetzt. Der Handelsminister Millerand, der stets bestrebt ist. die Republik und ihre Grundsätze gegen die wüsten Angriffe der Nationalisten und Antisemiten zu vertheidigen, wird von den französischen Parteigenossen des Herrn Liebermann von Sonnenberg in schnmtzigster Weise beschilnpft und verleumdet. Er lvird von ihnen für die Erfolge und die Auszeichnungen der jüdischen Aussteller verantlvortlich geinacht, da die Ausstellung zu seinem Ressort gehört. „Juden mit Ehrenzeichen überhäufen, llur dies hat uns Millerand bisher geboten und nur dies lvird er uns zu bieten im Stande sein," schreibt Herr Rochefort in seinem Leiborgan. Vor einiger Zeit hat sogar der antisemitische Abgeordnete Berry Millerand beit Vorwurf gemacht, er habe bei der Auswahl der Preisrichter für die Allsstellullg nur die linksstehendell Parteien, nicht aber die Nationalisten und Antisemiten berücksichtigt. Millerand hat damals in der Kammer unter dem lebhaften Beifall der gesaunnten Linken erwiedert, ein Blick in die Listen der Preisrichter belveise, daß der Vorwurf Berrys unberechtigt sei; allerdings habe er bei gleichen Verdiensten stets einem Republikaner vor einem Nationalisten den Vorzug gegeben, denn die Nationalisten haben, nnbekünnnert um das Interesse des Volkes und des Fortschritts, in ihrer Presse die Ausstellung zu diskreditiren gesucht, er habe daher Bedenken getragen, solche Männer zur Mitarbeit an der Ausstellung heranzuziehen. Gegenüber einer energischen Erklärung ist nichts zu machen, und darum wird gehetzt und geschinlpft. Die Antisemiten suchen sich durch den angeblichen Rückgang der Dreyfuspresse zu trösten. So berichtet die „Libre Parole" trinmphirend, die Zeitung „Le Soir", die jetzt von demokratisch-freisinnigen Männern redigirt wird, soll unter der Leitung des Antisemiten Gaston Pollonnais mehr Abonnenten gehabt haben. Und daraus will Herr Drumont den Rückgang der delnokratisch-freisinnigen Presse ableiten. Und es finden sich noch Leute, die es ihm glauben! 0 saucta simplicitas!