Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 36. {BerU"’ 7* ^ptember 1900. 'Weikage zur „Mtgemeinen Zeitung des IuöenLhums". Korresponderrzen und Nachrichten. Deutschland. S*2> Berlin, 4. September. Unsere Gemeinde hat den Verlust eines ihrer besten und edelsten Mitglieder zu beklagen. In der Nacht vom 2. zum 3. September ist hier nach langen Leiden der Geheime Sanitätsrath Dr. Moritz Marcuse im 64. Lebensjahre gestorben. Geheimrath Marcuse war jahrelang einer der populärsten und beschäftigsten Aerzte Berlins. Seine Geschicklichkeit und Gewissenhaftigkeit, sein reiches Wissen, sein nie versiegender Humor und die warme Antheilnahme für seine Schutzbefohlenen machten ihn in der Berliner Gesellschaft außerordentlich beliebt. Daneben war der Verstorbene ein Menschenfreund, wie ment ihn selten findet. Er besaß ein warmes, reines Herz, und Tausende, die er unterstützt oder gefördert, werden ihm Thränen nachweineil und sein Andenken segnen. Was ihn uns aber besonders werth machte, das war seine große und tiefe Liebe zum Judenthum, das er kannte und schätzte wie Wenige. Einer altangesehenen hiesigen Familie entstammend — auch sein Vater war bereits Mitglied der Repräsentantenversammlung — widmete er sich schon in jungen Jahren trotz feiner großen Praxis den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde, deren Repräsentant er viele Jahre hindurch gewesen, mit seltenen! Eifer und voller Hingebung. Was er in diesem Amte geleistet, wird sicher noch ausführlich dargestellt werden. Außerdem aber war Marcuse noch Vorsteher oder Vorstandsmitglied vieler wohlthätiger und gemeinnütziger Vereine, wie des Ausschusses des D. I. G. B. des Vereins Jedide Jlmim, des militärärztlichen Vereins u. a. m. Es bleibt noch zu erwähnen, daß Marcuse die drei Kriege von 1864, von 1866 und 1870/71 mitgemacht hat; im Kriege von 1870/71 erhielt er das Eiserne Kreuz und gehörte dem Sanitätsosfizierkorps als Oberstabsarzt erster Klasse an. Der Tod eines solchen Mannes reißt eine tiefe Lücke in unserem Gemeindeleben, die kaum wieder ausgefüllt werden wird. Mit inniger Wehmuth scheiden wir von dem theuren Freunde. Möge ihm die Erde leicht sein! Deckt sie doch diesmal sicher einen der besten und edelsten Menschen, die sie je getragen. Sein Andenken aber bleibe in Ehren allezeit! L2 Berlin, 2. September. Um das Andenken ihres Vaters, des Barons Moritz v. Cohn, zu ehren, hat, wie bereits gemeldet, Frau Baronin Julie von Cohn-Oppenheim der Stadt Berlin, in der ihr Vater lange gelebt hat, zu Händen des Oberbürgermeisters Kirschuer 100 000 Mark zugewendet. Der Magistrat hat beschlossen, die Schenkung der 100000 Mark unter den gestellten Bedingungen anzunehmen, die Julie Oppenheim-Stiftung zu errichten und die Stadtverordnetenversaunnlung zu ersuchen, seinem Beschlüsse beizutreten. Die Bedingungen lauten: Das Kapital von 100000 Mark soll sicher angelegt werden, und nur die Zinsen sollen zur Verwendung gelangen. lieber die Verwendung der Zinsen soll der jedesmalige Oberbürgermeister von Berlin, in dessen Verhinderung der jedesmalige Bürgermeister von Berlin und zwei Berliner Einwohner, von denen der eine möglichst Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung sein soll, zu verfügen haben. Es sollen als die Ersten die Verwaltung übernehmen: Oberbürgermeister Kirschner sowie der Vetter der Spenderin, Stadtverordneter Dr. Nathan. Zietenstraße 27, und Reichstagsabgeordneter Karl Schräder, Steglitzerstraße 68. Die Zinsen sollen in einer Weise, wie es je nach den Verhältnissen dem Kuratorium nutzbringend erscheint, doch möglichst jährlich und spätestens immer nach fünf Jahren verwendet werden zu wohlthätigen und gemeinnützig eil, insbesondere auch w i s s e n s ch a f t l i ch e n und k ü n st l e r i s ch e n Zwecken, die der Stadt Berlin und Berliner Bürgern zu Gute kommen und zrnn Segen gereichen können. — Berlin, 3. September. Gegen den Grafen Pückler (Klein-Tschirne), der in dieser Woche zweimal hier gesprochen hat, ist von der Staatsanwaltschaft beim Berliner Landgericht I erneute Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhaß erhoben worden. Die Aufreizung wird erblickt in der Rede, die Graf Pückler im Juli in der Tonhalle gehalten hat. — Die Anklageschrift in Sachen Konitzer Mord ist der „Germanin", wie diese selber inittheilt, zugegangen. Danach ist der verantnwrtliche Redakteur angeklagt: „durch zwei selbständige Handlungen in Beziehung auf richterliche und staatsanwaltliche Behörden nud Beamten und ferner ans richterliche, staatsanwaltliche und Verwaltungsbehörden und Beamten Thatsachen verbreitet zu haben, lvelche dieselben verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzumindern geeignet.sind, ohne daß diese Thatsachen erweislich wahr sind, und diese Behörden und Beamten beleidigt zu haben (Vergehens 88 186, 185, 73, 74, 200, 41, 194, 196 Reichsstrafgesetzbnches, 8 20 des Reichsgesetzes über die Presse)". Die Anklageschrift schließt mit dem Anträge, die Hauptverhaudlung vor der Strafkammer des königlichen Landgerichts I hier stattfinden zu lassen. =t= Königsberg i. Pr., 4. Sept. Dr. Ferdinand F a l k s o n, der bekannte Politiker und Schriftsteller, welcher, wie wir jüngst berichteten, kurz nach der Feier seines achtzigsten Geburtstages infolge eines Schlaganfalles schwer erkrankte, ist gestorben. Gestern fand untergroßer Betheiligung der Bürgerschaft, des Magistrats, der Stadtverordnetenversammlung und zahlreicher Vereine sein Begräbniß statt. Die Bedeutung des Verstorbenen ist schon in dein von uns gebrachten Bericht über die Feier seines achtzigsten Geburtstages zum Ausdruck gekommen. — Könitz, 2. September. Justizrath Dr. v. Gordon aus Berlin, der in Gemeinschaft mit dem hiesigen Rechtsanwalt Maschke am 8. September die Vertheidigung des inhastirten Händlers Jsraelski führen wird, ist zum Studium der Akten und zur Besichtigung der Oertlichkeiten bereits hier eingetroffen.—Nach umgehenden, zunächst unkontrolirbaren Gerüchten wird die Untersuchung in der Winterschen Mordsache wieder nach einer bestimmten Richtung hin mit großem Eifer betrieben. — In der letzten Strafkammersitzung wurde der Arbeiter- Hugo Somnitz aus Trzbiatkowo, der in Gemeinschaft seines Bruders Franz einen jüdischen Handlungsgehilfen gemißhaudelt hatte, zu neun Monaten Gefängniß verurtheilt. Franz Somnitz war zur Verhandlung nicht erschienen, es wurde deshalb seine Verhaftung beschlossen. In den ersten Tagen des November wird der Prozeß gegen die des Meineides angeklagten „Kronzeugen" der Antisemiten, den Arbeiter Ma sloff, dessen Schwiegermutter Wittwe Roß stattfinden. — Die Berufung wegen Beleidigung Lew ins gegen Hofrichter wurde von der Strafkammer verworfen. Gymnasiallehrer Hofrichter wurde freigesprocheu. — Gegen den in Haft befindlichen Präparanden Sp eisige r ist jetzt Anklage wegen Leistung eines Meineides erhoben worden. — Von der Strafkammer wurden zwei Handwerksgesellen, die am 8. August eiuem jüdischen Kaufmann unter Ausstoßung antisemitischer Rufe eine Schaufensterscheibe eingeschlagen hatten, zu neun Monaten Gefängniß verurtheilt. y. Liegltitz, 25. August. Vorgestern verschied im kräftigen Mannesalter von 60 Jahren der Kaufmann Rudolf Cohn, seit nahezu 30 Jahren Inhaber der hiesigen Großdestillations-Firma Philipp Reißer. Die überaus zahlreiche Betheiligung aller Konfessionen bei dem gestern Nachmittag stattgefundenen Leichenbegängniß war ein Zeugniß dafür, welch allgemeiner Hochachtung sich der Entschlafene durch sein biederes, gegen Jedermann gefälliges Wesen erfreute. Am offenen Grabe schilderte Rabbiner Dr. Peritz in tiefbewegten Worten den Lebenslauf und die so überaus edlen Charakterzüge des Entschlafenen, welcher jeder Zeit freudig bereit, wo es galt, helfend mit Rath und That einzuschreiten. Der Verstorbene bekleidete durch viele Jahre außer vielen anderen Ehrenämtern das Amt eines Repräsentanten-Mitgliedes der hiesigen jüdischen Gemeinde; sein reges, warmes Interesse für diese Sache hat sich zum Oefteren bewährt. In seinem früheren Wohnsitze, unserer Nachbarstadt Haynau i. Schl., dem Geburtsort der Ehegattin des Entschlafenen, hat sich derselbe als erster Vorsteher der dortigen Gemeinde ein einiges Gedenken bewahrt. Der