Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 432 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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432 amüsant zu feilt, ist vielleicht gerade darum erst recht angenehm. Schon bei meiner ersten Wanderung durch das große Fischerdorf. welches heute 22,000 Einwohner zählt, fielen mir in der Hauptstraße hinter der Düne zwei jüdische Hotels auf. Ohne eine Ahnung davon zu haben, konnte ich nach meinen bisherigen Erfahrungen annehmen, daß in diesen Hotels auch die beiden Nüancen des religiösen Lebens unter den modernen Inden verkörpert seien. Aber das ist in diesem Falle doch nicht ganz zutreffend; denn wie sich später herausstellte, sind es eigentlich nur die beiden Schattirnngen der holländischen Orthodoxie, welche in diesen beiden Hotels zum Ausdruck kommen. Die Rotterdamer Orthodoxie wird hier gegen die Amsterdamer ausgespielt; wer sich zur ersteren bekennt, besucht das eine, wer auf die andere schwört, das zweite Hotel. Mir sind nun, wie ich ohne Weiteres gestehe, beide Schattirnngen gleich fremd und — gleich wenig sympathisch. Ich wählte daher dasjenige, welches von außen einen freundlicheren und stimpathischeren Eindruck machte. Ich hatte mich nicht getäuscht, und ich kann Allen, die nach Scheveningen kommen, das Hotel Schnitzler warm empfehlen. Man kann hier ein richtiges Bild von dem Leben und Treiben der holländischen Juden empfangen. Im Verkehr mit einem lieben Jugendfreunde, der heute Rabbiner einer der größten süddeutschen Gemeinden ist. und mit dessen geistvoller Gattin, der Tochter eines unserer berühmtesten Prediger, in angenehmer Unterhaltung mit dem liebenswürdigen und witzigen Rabbiner der größten süddeutschen Genieinde. dessen ich schon in obiger Anmerkung gedachte. verlebte ich hier Tage großer Behaglichkeit und heitersten Wohlbefindens. So viele neue jüdische Witze habe ich seit Jahren nicht gehört als hier in Scheveningen, und ich bedauere nur, daß ich sie nicht meinen Lesern mittheilen kann. Aber am Ende kommt man doch nicht nach Scheveniugen, um jüdische Witze zu hören, und so war es denn auch die besondere Eigenart der holländischen Juden, die mich am meisten interessirt, ich kann nicht sagen: angezogen, hat. Heine vergleicht die Sprache des Landes mit dem Froschgeguake holländischer Sümpfe. Ich bedaure nur, daß er nicht holländisch mauscheln gehört hat, da würde er noch ganz andere Vergleiche angewendet habe». Die Sprache der Holländer hat schon ohnedies mit deui Mauscheln viel gemeinsam. Die harte Aussprache des ch und noch anderes erinnern vielfach an des polnischen Judäa lieblichen Dialekt, den man hier in allen Tonarten"zu hören bekommt. Sehr charakteristisch ist die Frömmigkeit der holländischen Juden. Ob es mir nun meine Leser glauben oder nicht: wir haben hier einen fleischdigen und einen milchdigen Kellner, und ich wünschte blos die künstlerische Kraft zu haben, um meinen Lesern ein getreues Bild von dem ersteren zu entwerfen. Er ist im Grunde genommen ein prächtiger Mensch, gefällig, flink und tüchtig. Im Winter ist er „Siechenpfleger", im Sommer fleischdiger Kellner, Schammes, und, wenn es sein muß, Vorbeter in Scheveningen. Aber alle diese verschiedenartigen Aemter versieht er mit großer Pflichttreue und Umsicht. Der Mann mit dem Kellnersrack, der weißen Binde — und dem Sammetkäppchen macht einen sehr merkwürdigen Eindruck. Man gewöhnt sich aber rasch daran und gewinnt diesen Käppchen- Kellner sogar lieb, da er die Gewohnheiten seiner Gäste bald herausgefnnden und diesen nach Kräften Rechnnng zu tragen sich bemüht. Das Essen spielt hier überhaupt eine große Rolle und mit Recht. Leider entspricht nur die Quantität des holländischen Essens nicht immer seiner Qualität. Essen ist eine sehr wichtige Sache, gut essen sogar eine geistreiche, ganz gut essen eine sinnige, sehr gut essen aber ist Poesie, die Lyrik des Magens. Ich müßte lügen, wenn ich sagen sollte, daß ich von dieser Lyrik bisher in Scheveningen viel genossen hätte. Vielleicht am nächsten Sonntag, auf den mich der fleischdige Kellner vertröstet, wenn mein sehnendes Auge schmerzerfüllt auf dem ewigen Rostbeef haftet. Dieser Sonntag scheint in unserem Hotel ein sehr bedeutsamer zu sein, denn es ist, wie mir der Mann der vier Berufe mit wichtiger Miene sagte: der „Schabbes Nachmo-Sonntag", d. h. der Sonntag nach dem Schabbes Nachmo, au welchem einer alten Tradition nach die begüterten Glaubensgenossen aus Amsterdam, Rotterdam und anderen Städten alljährlich nach Scheveningen kommen. Ich werde also geduldig bis zu diesem Tage ausharren und meinen Platz zwischen der schönen holländischen Dame, die mit unerschütterlichem Gleichmnth mir eine Schüffel nach der anderen mit der Phrase „Beliebt ye, Mynheer!" und der weniger schönen polnischen Dame, die mich wiederholt schon gefragt, ob man bereits zum „Lyntsch" geklingelt habe, standhaft behaupten. Am Ende ist diese Verwechselung zweier englischer Worte nur Ironie, und die Dame sieht in dem holländischen Essen auch nur eine Art langsamer aber sicherer Hinrichtung. Mögen es meine Leser entschuldigen, wenn ich so lange beim Essen mich anfhalte; es ist wirklich nicht klug, wenn man meint, essen sei Nebensache. Der Mensch lebt nicht vom Brode allein, heißt es schon in der Bibel; und auch nicht von Rostbeef allein, kann der Kurgast in Holland hinzufügen; er will auch einmal Schalet haben, wenn er in ein jüdisches Restaurant geht, aber davon weiß man merkwürdiger Weise in ganz Holland absolut nichts — trotz aller Frömmigkeit. Um diese letztere wirksam zu illustriren, habeich mir mit einem orthodoxen französischen Herrn einen Scherz erlaubt, der allerdings nur in dem Trubel, oder wenn man will, in der Langeweile des Badelebens seine Entschuldigung finden mag. Ich erzählte ihm als ein Beispiel von der holländischen „Frömmigkeit", daß ein Jude in keinem Kaffeehause vor ‘,36 Uhr Nachmittags eine Tasse Kaffee bekommen kann. Der sonst sehr naive Mann lächelte ungläubig. Ich führte ihn nun in die Kaffeehäuser der drei größten Hotels zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags und verlangte eine Tasse Kaffee. Ueberall erhielten wir die stereotype Antwort: „Vor Vs6 Uhr giebt es keinen Kaffee." Man kann sich die verdutzte Miene des ehrivürdigen Mannes gar nicht vorstellen. Erst später habe ich ihn aus seinen Paradiefesträumereien gerissen, indem ich ihm die Aufklärung gab. daß mau in dem großen Weltbade Scheveningen vor dem Diner, das in den großen Hotels erst um 6 Uhr beginnt, keinen Kaffee erhalten kann. So klärt sich die Sache sehr einfach auf. Am Ende ist es mit aller holländischen Frömmigkeit so bestellt. 6. K. Sprechfaul. Berichtigun g. In dem Artikel: Dr. Samuel Kristeller in Nr. 35 mutz der Name des Verfassers Dr. Wilhelm Nenmanu lauten, nicht Dr.'S. Neumann. wie es dort irrthümlich heitzt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.