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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-07 · Heft 36 (7.9.1900) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 36 (7.9.1900)
Date
1900-09-07
Page
Seite 431 (sequence 13)
Language
German
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431 Dingen von gestern hatte angefangen, schwach und trügerisch zu werden, aber die Bilder meines Abenteuers in Zloczczol kehrten mit Lebhaftigkeit zurück und nahmen täglich mehr Besitz von mir. Was war aus Bethulah geworden? Lebte sie noch? War sie todt? Was war das Traurigere, die Dunkelheit eines frühen Todes, der die Hoffnung rund abschloß, oder alt gebeugt, von den Anhängern verlassen, weiter zu warten? Etwas Unwiderstehliches trieb mich an, so alt wie ich war, die Stätten meiner Jugend noch einmal zu besuchen, zu sehen, wie das Schicksal mit grimmiger Ironie gebrochen oder abgerundet hatte. Ich übergehe die Stationen meiner Reise; am Ende derselben befand ich mich wieder in dem Gebirgsdorfe. Ach, die Veränderungen auf dem Wege hatten mich auf die Veränderungen in Zloczczol vorbereitet. Eisenbahnen führten ihre Brücken über Schluchten, die ich erklettert, Telegraphenstangen zähmten die wilden Waldwege. Und Zloczczol selbst war jetzt durch die Linie, die hindurchführte, in ein Geschäftscentrum verwandelt worden mit Lebensfähigkeit genug, sich schnell vom Unglück zu erholen. Das Hotel war rein und bequem, aber ich hätte lieber das alte Wohnzimmer wieder bewohnt, wo das schreiende Baby gewiegt worden war. Sonderbar, ich sah sein rothes, faltiges Gesicht wieder vor mir, sein Weinen sogar tönte noch in meinem Ohr. Nur das Gebirge war unverändert, und die Tannen und Fichten, die mir in der Jugend Träume zugewispert hatten, sangen nun den Greis in den Schlaf. O, wie klein, wie nichtig ist das Leben des Menscher«! Er vergeht wie ein Schatten, und die grüne, sonnenbeschienene Erde, auf der er lebt, schließt sich über ihn, und neue Generationen schreiten über ihn dahin. Was hatte ich mit diesem neuen, klugen Geschlecht in Zloczczol zu thun? Nichts, — nur die Todteu waren meine Gefährte!« und Nachbarn. Für mich hatte nicht nur die Lawine Zloczczol zerstört. Ich ging zum Friedhof. Dort würde ich Iarchi finden, ich brauchte ihn nicht auf der Veranda seines Hauses zu suchen. Und dort würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach auch Bethulah finden. Aber Ben Davids Grab war das erste, was ich fand, auf dem Steine den Schild Davids eingegraben. Das Datum zeigte, daß er kurz nach meiner Abreise gestorben war; vielleicht, dachte ich reuevoll, hatte meine Zudringlichkeit ihn zu sehr erregt. O, da war endlich Harchi. Unter einein hohen weißen Steirre schlief er so fest wie jeder andere Leichnam. Sein spottender Mund war in Staub zerfallen; was würde ich darum gegeben haben, hätte er sich noch einmal öffnen und spöttische Reden über die Chassidim führen können. Gestützt auf meinen Stock und mühsam die Brichstabeir entziffernd, dachte ich des „schönen Fremden", deir die Jahre so verändert hatten. Aber von Bethulah keine Spur. Ich wanderte zurück und fand das Haus mit dem Thurnre, aber es war in ein großes Waareuhaus verwandelt, und aus Bethulahs Thurmfenster hing ein großes Reklameschild. Ich kehrte zum Hotel zurück, aber als die Sonne wieder hervorkam und die Kälte des Märztages etivas milderte, war ich wieder auf dem Wege nach Iarchis Hause, als der Portier mir, als wäre ich ein gewöhnlicher Tourist, sagte, ich solle mir doch die Riesenceder mit dem titanischen Pfeil ansehen. Ich folgte seiner Aufforderung, und bald sah ich auch den riesigen Stamm, der mit dem fremden Stamm wirklich ein großes Kreuz bildete. An der sonnenbeschienenen Ceder lehnte eine weißgekleidete Gestalt, und als ich näher trat, erkannte ich an der Krone und dem Todtenhemd, daß ich Bethulah gefunden hatte. (Schluß folgt.) Uon der Meise. IV. Scheveningen, im August. ffen gestanden bin ich mir heute nicht mehr ganz klar darüber, warum ich eigentlich nach Holland gegangen bin. War es blos die Sehnsucht des modernen Kulturmenschen, auch auf der Sommerreiie in beständiger Abwechselung von Gebirge und Meer zu leben oder irgend ein anderes Motiv? Sicher aber weiß ich, daß der Wunsch, das Leben der Juden in Holland kennen zu lernen, dabei wesentlich nritgewirkt hat. Nun habe ich dieses Eldorado unserer Glaubensgenossen, das schon vor mehr als fünfzig Jahren einen jüdischen Justizminister hatte, und in dem man das Wort Antisemitismus wahr und wahrhaftig nicht kennt'), so gründlich kennen gelernt, wie ein moderner Tourist in 14 Tagen eben ein Land kennen lernen kairu. Aber ehe ich von diesem Thema, welches meine Leser sicher ebenso interessirt, wie es mich interessirt hat, weiter spreche, will ich vorher meinen Tribut der Dankbarkeit dem herrlichen Scheveningen abtragen. Es war ein prachtvoller Augustabend, als ich von dem wundervollen Strand von Scheveiringen aus zum erstenmal wieder nach langer Zeit das Meer sah. Es ist unsagbar, rvie dieses Element die Seele immer wieder aufs Neue weitet und belebt! Der weiße Saud ist hier flach und breit, so daß das Auge jeden Maßstab der Vergleichung verliert; dahinter aber ist das Murmeln der Brandung, welches das Ohr mit einem ähnlichen Eindruck des Unbestimmten, Endlosen erfüllt und dahinter rvieder die ewige Monotonie und erhabene Majestät des Meeres. Darüber wölbt sich ein unendlich klarer Himmel, rvelcher nur da zu Ende scheint, wo er sich in das Wasser senkt. Das ganze Bild aber erfüllt die Seele mit einer unaussprechlichen Sehnsucht. Immer und immer rvieder recitirt man bei diesem Anblick die Psalmverse, die von der Macht und der Größe des Meeres sprechen, und in denen der hebräische Sänger an« meisten mit dem griechischen, mit Homer, zusammentrifft. Das Bad in Scheveuingen ist sehr angenehm und heilkräftig; das Badeleben, welches rricht im Rufe steht, sonderlich y Höchstens, ivenn es durch — deutsche Kurgäste eiugeführt wird. Ich muß da ein kleines Intermezzo erzählen, das im Pserdebahnwagen zwischen Haag und Scheveningen sich abspielte. Ich fuhr mit einem besreundeten Rabbiner und uns gegenüber saß eine große und stattliche Dame, in der man die Gattin des Ostelbiers auch dann unschwer erkannt hätte, wenn der verehrliche Gatte nicht daneben gesessen hätte. Als wir an einem jüdischen Restaurant vorbeifuhren, zeigte die verehrte ostelbische Dame ihrem Manne das Haus, dessen große Spiegelscheiben einen Blick in das rege Treiben des Speisesaales gestatteten, mit den Worten: „Sieh mal, Fritz, lauter Juden!“ Mit seltener Schlagfertigkeit bemerkte daraus mein rabbinischer Freund: „In Peking würde man sagen, lauter Christen!" Tableau. Man kann sich die Bestürzung des ostelbischen Ehepaares kaum denken. Meine Schilderung wäre aber unvollständig, wenn ich nicht noch die Worte citirte, mit denen der bestürzte Gatte den Ausruf seiner Frau Gemahlin zn entschuldigen suchte: „Ach, entschuldigen Sie. meine Frau ist so unvorsichtig!" Jetzt war das Tableau wieder auf unsrer Seite.

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