Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 430 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228402--56798-3293131- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
al§ Grabstätte ihrer Rabbiner, so daß Luzzatto zwischen seinen beiden Schülern und Freunden, den Rabbinern Osimo und Viterbo, ruht. Auf dem Grabe erhebt sich ein weithin sichtbarer Marmor- Obelisk, ein Denkmal der Verehrung und Liebe, das ihm am 30. Dezember 1895 Freunde und Jünger, vor allem sein Vetter D. Morpurgo aus Triest, und der christliche Arzt Dr. Antonio Zambelli aus Verona errichteten. Das kostbare Monument, welches die alte einfache Marmorplatte von 1865 ersetzte, trägt nach dem Wunsche des Meisters keine andere Inschrift als den Namen das Geburts- und Todesjahr; die Verehrung seiner Jünger hat in Pietät noch das Psalmwort hinzugefügt, das; seinen Leistungen gegenüber jedes Lob verstumme. Dvu der Stätte, wo ruht, was sterblich war an Samuel David Luzzatto, begaben wir uns zu dem Schauplatz seiner unsterblichen Wirksamkeit, dem ehemaligen Sitz des Collegio Rabbinico. Das monumentale Gebäude mit seinen schönen Arkaden und dem herrlichen Garten enthielt im ersten Stockwerk die Lehrräume und die Bibliothek, im zweiten den Konvikt für die Zöglinge. Die kunstvolle Freitreppe des Hauses gehörte einst zu den bekannten Schönheiten von Padua und gab der ganzen Straße den Namen Via della Scalona. Mein verehrter Führer belehrte mich mit der Begeisterung, die einem alten Akademiker bei der Erinnerung an das wonnige Studenteuleben überkommt über alle ehemaligen Einrichtungen des Hauses, zeigte mir auch den Platz, von dem aus Luzzatto seine Hörer für die richtige Auffassung des Judenthums und seiner Litteratur vorbereitete und begeisterte. Noch ein letzter Besuch führte uns an dem Wohnhause Lelio della Torres vorbei, des Predigers und Dichters, der ebenfalls am Collegio Rabbinico wirkte, nach der Wohnung Luzzattos. In der Straße Selciato di St. Antonio 4368 bewohnte er das letzte Stockwerk; achtundsechzig Stufen, wenn ich nicht irre, führten hinauf nach der Stätte, in der seine Meisterwerke entstanden. Wie ärmlich, nach den Schilderungen von Augenzeugen, die Einrichtung des Hauses und die Lebensweise der Familie war, davon kann sich das heutige Geschlecht kaum eine Vorstellung machen. Aber bei seinen kärglichen Verhältnissen erwarb der wunderbare Mann doch seltene Handschriften und kostbare Druckwerke, lieferte mit einer Entsagung und Aufopferung, die ihresgleichen suchen, allen Gelehrten, die ihn darum angingen, werthvolle Auszüge aus seinem Besitz und scheute weder Mühe noch Kosten, um die weitgehendsten Wünsche seiner Freunde zu befriedigen. Mit diesen Erinnerungen an Luzzatto war meine Zeit in Padua ganz ausgefüllt; für Einrichtungen der Gemeinde sowie für die dortigen Kunstdenkmäler hatte ich nur einen flüchtigen Augenblick übrig. Vor meiner Abreise wollte ich es nicht unterlassen, dem ersten Rabbiner Ende Lolli meine» Besuch zu machen. Ein Verwandter und Schüler Luzzattos, war er dessen Nachfolger im Lehramt und bekleidet jetzt seit etwa drei Jahrzehnten die Professur für Hebräisch und jüdische Litteratur an der Universität Padua. Auf Luzzattos Veranlassung begann er einst ein neuhebräisches Wörterbuch zu veröffentlichen; im Geiste seines Lehrers bekämpfte er scharf die kabbalistischen Theorien, die von Livorno aus in Italien verbreitet werden sollten. Der Pietät gegen den Lehrer habe ich wohl die Freundlichkeit zu verdanken, mit der der gelehrte alte Herr mich auszeichuete. Beide Rabbiner erwiesen mir die Ehre, mich zur Bahn zu begleiten, wir plauderten noch mancherlei über Luzzattos Leben und Streben, und gaben vor allem dem Wunsche Ausdruck, daß es gelingen möge, ihm in Italien echte Jünger zu erwecken. U ILLETON Brthulah. Eine Erzählung von I. Zaugwill. X. halbes Jahrhundert später sah ich zu meiner Ueber- (pjiL raschung den Namen Zloezczol an der Spitze der Sonntagsausgabe meiner amerikanischen Zeitung. — Ich hatte geheirathet und >var sogar schon Großvater, denn nach meiner Rückkehr nach Amerika war die Welt Bethulahs zu einem Phantasiegebilde zusammengeschrumpft, abenteuerlich und schattenhaft, zuletzt fast unwirklich. Jahre und Jahre ungetrübten Glückes hatten den zarten duftigen Traum einer unkörperlichen Liebe zerstreut und verwischt. Aber dieser sonderbare, längst vergessene Raine rief plötzlich die schlafende Vergangenheit ins Leben zurück. Ich setzte meine Brille auf und las den Aufsatz begierig durch. Er war ansregend genug und doch nicht mehr als hundert andere Unglücksfälle an unbekannten Orten, die man überschlägt oder mit sehr geringem Mitleidsgefühl liest. Die lang drohende Lawine war heruntergestürzt, und Mutter Natur hatte dem Menschen wieder einmal gezeigt, was für einen unbedeutenden Platz er in der Schöpfung einnehme. Eigenthümliche Zufälle waren zusammengetroffen. Zuerst ein leichter Schneefall, der das Gebirge bedeckte, wie ich nur das lebhaft vorstellen konnte, — dann ein scharfer Frost, — der den Schnee gefroren, dann ein maßloser Schneesturm und Cyklomvind. Als alles wieder ruhig zu sein schien, war ein zweiter Schneefaü über die gefrorene Masse des erstell gefallen, nun folgte ein Sturm, der die blätterlosen Stämme ins Dorf hinunterschleuderte wie Riesenpfeile eines zürnenden Gottes. Einer dieser Pfeiler dnrchdrang den Stamm der großen Ceder auf der Ebene und ragte llun zu beiden Seiten hinaus, eine Art Kreuz bildend, welches die Neugierigen von Nah und Fern bewunderten. Aber leider hatte sich der Schneestnrm nicht mit solch launischen Manifestationen begnügt. Der neue Theil des Dorfes, der sich zu nahe ans Gebirge gewagt hatte, als die Eisenbahn, — eine Eisenbahn in Zloezczol! — der Billigkeit wegen am Fuße des Berges anstatt in einem Kreise um den geschützteren Theile vorübergeführt worden, war vernichtet. Ach, die Billigkeit war illusorisch gewesen. Der ganze Bahnhof mit seiner Umgebung war von dem beleidigten Berggeiste vom Boden hinweggewischt worden. Durch einen anderen launischen Zufall, der jedoch die titanischen Kräfte, die bei der Arbeit waren, am besten zeigt und wieder ein versöhnendes Element der schrecklicheil Katastrophe bildet, war ein kleiner Zug von drei Waggons, der gerade abgegangen war, vom schrecklichen Willde ergriffen und im Felde an einer geschützten Stelle niedergesetzt worden. Nicht eine Person war verletzt worden. Ich hatte die Jahre, die der Psalmist dem Menschen zuerkennt, bereits überschritten, und «lein Gedächtniß von den