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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-09-07 · Heft 36 (7.9.1900) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 36 (7.9.1900)
Date
1900-09-07
Page
Seite 429 (sequence 11)
Language
German
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429 die kritische Forschung; sie durchweht überall der Hauch seines tiefen Gemüthes, seiner edle» Persönlichkeit, sie sind geschrieben in den Ausdrücken der warmen poetischen Empfindung; aus ihnen spricht die schwärmerische Liebe ihres Verfassers zum Judenthum und zu seiner Litteratur. Meine Auffassung von der Persönlichkeit Luzzattos wurde durch die Spuren seiner Wirksamkeit in Italien in mir gefestigt. Ihre verehrten Leser werden es daher begreiflich finden, daß das Verlangen in mir rege war, die Stätte der Wirksamkeit und der letzten Ruhe dieses Mitbegründers der jüdischen Wissenschaft kennen zu lernen. Meine Ferien begannen gerade in der Zeit, da die litterarische Welt sich zur ivürdigen Feier des Centenariums rüstete; so konnte es für mich nicht zweifelhaft sein, daß das erste und nächste. Ziel meiner Ferienreise sein mußte: Ein Besuch am Grabe Samuel David Luzzattos in Padua. Der Adv. Giuseppe Luzzattv, der einzige überlebende Sohn Samuel Davids, dem ich meinen Besuch vorher ankündigte und den ich um seine Führung bat, war gerade abwesend, übermittelte jedoch inein Ersuchen seinem Freunde und Verwandten Rabbiner Dr. Alexandro Zammatto. Dr. Zammatto, einer der letzten Schüler des Collegio Rabbinico aus Padua und ein aufrichtiger Förderer seiner Wiedereröffnung, widmete sich mir mit so freundlicher Bereitivilligkeit und so herzlicher Gastsreundschaft, belehrte mich überdies vermöge seiner ausgezeichneten Orts- und Sachkenntniß über alles Wisseuswerthe so vorzüglich, daß ich es nicht unterlassen kann, ihm für seine außerordentliche Mühewaltung auch öffentlich meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Der Zweck meines Aufenthalts war der Besuch des Friedhofs; der historischen Treue zuliebe mußte :ch vorher die alten Ruhestätten der Gemeinde besichtigen; einem Fürsten der Wissenschaft gedachte ich meine Ehrerbietung zu bezeigen, aber eine ganze Gallerie von Meistern traf ich vor, die einst bestimmend und tonangebend auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur wirkten. Zuerst begaben wir uns auf das Gräberfeld in der Nähe des Bahnhofs. Ein weites Feld birgt eine große Anzahl von Leichen, die aus Venedig zur Zeit der Pest nach Padua überführt wurden und nunmehr im gemeinsamen Massengrabe ruhen. In der Mitte des Feldes hat die Gemeinde Padua eineil Gedenkstein errichten lassen, der uns verkündet, daß diese Stätte auch die Gebeine Doil Isaak Abrabanels birgt. Im Uebrigen ist die Grabstelle des unglücklichen, hvchherzigeit und geistvollen Mannes, der auch im Grabe keine Ruhe finden sollte, unbekannt. Im Innern der Stadt, in der Nähe des Ghetto, finden ivir die Friedhöfe der Gerneinde. Der ehrwürdigste, den wir zunächst betreten, führt zilrück in ihre ältesten Zeiten und birgt die Gräber ihrer größten Tobten aus der Vergangenheit. Da ruht die Familie Katzenellenbvgen, R. Meir von Padua neben seiner Gattin und seinem Sohne Jehuda. Ihre Leichensteiue sind vor kurzer Zeit allfgefrischt worden uird die Inschriften leicht lesbar. Luzzattv, der sie entdeckte, hat sie durch seinen Lieblingssohn Filoxenus kvpiren lassen und veröffentlicht. Herr Rabbiner Dr. Zammatto besitzt die Kopien sämmtlicher alten Grabsteine, die natürlich ein ivichtiges wissenschaftliches Material enthalten. Es wäre zu ivünschen, daß der kundige Mann die Frucht seiner unernrüdlichen Arbeit der Oeffentlichkeit übergäbe. Der Kutscher wird nach einem anderen Begräbnißplatz gewiesen, aber noch immer bin ich nicht an das Ziel meines Verlangens gelangt; wir betraten wiederum einen Friedhof, der bereits geschlossen ist. Wie viele theure und wohlbekannte Namen, wie viele Bearbeiter und Förderer der jüdischen Litteratur ruhen hier! Es ist noch llicht die Grabstätte Luzzattos, aber die seiner Freunde und Verwandten. Seine Muse hat hier mit unauslöschlichen Zügen eingezeichnet, welcher Schatz von Liebe und Arbeitskraft unter der Erde gebettet wurde. Eine Blüthenlese reinster hebräischer Poesie tritt uns auf ben Grabsteinen entgegen. Luzzattv und sein hochstrebender Freund Josef Alinanzi haben geivetteifert, ihren Genossen Denkmäler der Liebe und Anhänglichkeit zu setzen; und sie verstanden es vortrefflich, in fürstlicher Weise Freundschaft zu spenden. Da ruht, um aus der großen Fülle von Bekannten nur einige Namen zu nennen, die Familie Ghirondi; Vater und Sohn waren Rabbiner in Padna, beide haben in rastlosem Eifer ans alten Manuskripten Materialien gesammelt, die für ihre eigenen Werke und später durch Vermittelung ihres neuen Besitzers, des unvergeßlichen S. I. Halberstamm, für unendlich viele andere wissenschaftliche Arbeiten den Stoff hergegeben haben. Weiter hinten ruhen in einer Ecke die Mitglieder der alten Patrizierfamilie Triefte. Eine meisterhafte Inschrift Luzzattos in schlichtester Form, aber von tiefster Empfindung getragen, ziert das Grab des Seniors dieses Hauses, Gabriele Triefte. Er war der eifrigste und begeistertste Förderer des Collegio Rabbinico, dessen Verwaltung er seit der Begründung Vorstand, und dessen Vorlesungen er in seinen Musestunden zur Erholung von seinen kaufmännischen Arbeiten besuchte. Von tiefer Religiosität, ganz der Förderung jüdischer Wissenschaft ergeben, bestritt er in den Jahren des venezianischen Aufstands, als die beitragenden Gemeinden sich zahlungsunfähig erklären mußten, allein die Ausgaben jenes Instituts. Seine an seltenen Kostbarkeiteu reiche Bibliothek bildete die erste Anregung und Stütze für Luzzattos litterarische Arbeiten; vor einem Jahrzehnt etwa fand sie in David Kaufmann, unvergeßlichen Andenkens, einen gleich liebevollen Besitzer und gleich begeisterten Pfleger. Und vor unserem Scheiden noch einen Augenblick stiller Wehmuth am Grabe von Luzzattos Lieblingssohn Filoxenus, dem unglücklichen Jüngling, der im Alter von noch nicht ganz 25 Jahren nach unsagbaren Schmerzen dahingerafft wurde. Sein Tod war das schwerste Leid, das den vielgeprüften Gelehrten traf und das er nie recht verschmerzen konnte; sah er doch in seinem Filoxenus ganz wunderbare Gaben sich entwickeln, einen unvergleichlichen Wissensdurst und eine wissenschaftliche Begabung, „die er seit zehn Jahren mit Verehrung anstaunte". (Epistol. S. 787.) Der neue Friedhof wurde im Jahre 1862 eröffnet; die erste Leiche, die auf ihm bestattet wurde, war eine achtzehnjährige Tochter Luzzattos, „un ange de vertu, d'intelligence, d’assiduite, de beante et de müdest ie; un esprit superieur a son äge et ä son sexe“ (Epistol. S. 1001). Das war der letzte große Schmerz in diesem Leben voller Leiden; Luzzattos Kraft war gebrochen, selbst seine wissenschaftlichen Arbeiten konnten ihn nicht mehr über diesen Kummer erheben. Eine Verschlimmerung seines Augenleidens nnd der Rückgang des Collegio Rabbinico infolge des Krieges gegen Oesterreich beugten ihn völlig nieder. Am 30. September 1865, an einem Versöhnungstage, verschied er unerwartet infolge eines Schlaganfalls. Die Gemeinde Padua bewilligte dem großen Tahingeschiedenen ein Ehrengrab und bestimmte die umliegenden Plätze ebenfalls

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