Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 425 (sequence 7)
- Language
- German
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Zu verschiedenen Zeiten wurden in Rußland unter den mannigfaltigsten Benennungen spezielle Büreans errichtet, in welchen die jüdischen Angelegenheiten konzentrirt wurden; immer aber erledigt ein solches Büreau, Komitee oder Abtheilung nicht allein die laufenden Angelegenheiten, sondern befaßte sich nebenbei mit wichtigen prinzipiellen Fragen, und gar manches tiefeinschneidende Gesetz ist im Schooße eines derartigen Büreans entstanden. Der letzten Institution dieser Art, dem „Hanptkomitee zur Einrichtung der Juden", welches vom Jahre 1847 bis 1868 bestanden hat, haben die Juden alle die segensreichen Erleichterungen in Bezug auf Freizügigkeit der jüdischen Gelehrten und Handwerker zu verdanken, welche selbst die von Jguatiew eingeleitele judenfeindliche Strömung überdauert haben. Daher erscheint den russische»» Juden die Wiedererrichtung der jüdischen Abtheilung als ein Hoffnungsschimmer; sie glauben, daß diese Kommission die ihr zu Theil gewordene wichtige Aufgabe mit Wohlwollen und den wahren Bedürfnissen eines großer» Weltreiches entsprechend lösen wird. Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands. Protokoll der Konferenz zu Erfurt am 5. wnb 6. Juni 1900. Erste r Sitzungstag. er Vorsitzende, Steinhardt-Magdeburg. eröffnet die Sitzung uild beruft zu Schriftführern die Kollegen M o ch -Mühlhausen und Stern-Halberstadt; er begrüszt sodann die zur Konferenz erschienenen Kollegen, insbesolldere die Herrell vonr Vorstande der Gemeinde Erfurt, sowie den Delegirten des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes ilnd schließt niit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser. Herr Vorsteher Ullmann heißt die Konferenz namens der Synagogengemeiude Erfurt willkommen; auch Herr I. Lamm wünscht im Namen des Gemeilldebundes den Berathungen besten Erfolg. Das Wort erhält sodann Kollege Ja cobsoh«-Leipzig zu seinem Vorträge: „Soll die systematische Neligionslehre in der Volks- und Neligionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand behandelt werden." Redner schildert einleitend mit scharfen Worten die Schäden der Zeit, sowie die mißlichen Verhältnisse, unter denen der Religionsunterricht empfindlich zu leiden habe. Zum eigentlichen Gegenstand des Referats übergehend, führt Redner aus, wie die wissenschaftliche Bezeichnullg „systematisch" für die Behandlung der Religionslehre nach einem geordneten Lehrgänge zu bedauerlichen Jrrthümeru verleitet, sodaß man unwillkürlich glaube, man könne diesen Unterrichtsgegenstand nur auf wissenschaftlicher Grundlage fruchtbar gestalten, daher sei er, weil dazu eine größere Reife des Denkens beim Schüler vorausgesetzt werden müsse, von dem Lehrplan der Volks- und Neligionsschule auszuschließen und nur für höhere Kurse oder die oberen Stufen der höheren Lehranstalten, allenfalls für den Konfirmandenunterricht als geeignet zu erachten. Referent ist vielmehr der Ansicht, es ließen sich auch ohne strenge wissenschaftliche Behandlung die Lehren unserer Religion aus dem klaren Bibelworte und selbst in Anlehnung an das Gebetbuch sehr wohl entwickeln und der Jugend zu eigen machen. Dagegen sei die Forderung zu stellen, daß kein jüdisches Kind die Schulzeit abschließe, ohne eine zusammenfassende, sogeuanntesystematische Darstellung vom Lehrinhalte des Judenthums zu besitzen; er verlange daher einen solchen Unterricht in leichtfaßlicher Form auch für die Oberstufen der in Rede stehenden Schulen, womit nur eine unabweis-- bare Pflicht gegen die Jugend erfüllt werden würde. Der Vorsitzende dankt dem Referenten für seine in jeder Beziehung vortreffliche Arbeit und eröffnet die Debatte über das Referat. An derselben betheiligen sich hauptsächlich Horwitz-Kassel, Dr. Spanier- Magdeburg, Stern-Halberstadt, Dr. Salzberger-Erfurt. Meyer-Eisenach, Samuel-Bleicherode und Steinhardt-Magdeburg. Letzterer unterzieht bei dieser Gelegenheit das in Runnner 1 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" erschienene Protokoll der im Dezember vorigen Jahres zu Berlin stattgefundenen Sitzung des Zentralausschusses des deutschen Rabbinerverbandes einer eingehenden Besprechung. Bedauerlich sei die Art. mit welcher die Herren über Können und Wissen der jüdischen Lehrer sich geäußert; so habe ein Redner wörtlich nach dem Protokoll gesagt: „Bei lveitem wichtiger sei es, gute Bücher für die Lehrer zu haben, da man allch an diejenigen Lehrer denken müsse, die nicht Rabbiner feien, und von denen man eine Kenntniß der Religionswissenschaft nicht erwarten dürfe." Zu dieser Aenßerung sei um so weniger Berechtigung vorhanden, als eingestandenermaßen im eigenen Lager gar vieles verbesserungsfähig sei; so habe der Referent aus Grund eitler Enquete konstatirt, daß unter 49 Rabbinern 10 (also 20 Prozellt) die methodische Ungeheuerlichkeit begehen, systematische Neligionslehre und jüdische Geschichte nach Diktat zu unterrichten. Nachdem im weiteren Verlaufe der Debatte die Allsichteu allgemeill sich geklärt haben, werden die von dem Referenten entworfenen Thesell einer Kommission (Jacobsohn, Dr. Spanier. Samuel) zllr Vorberathung überwiesen mib später einstimmig in folgender Fassung angenommen: 1. Die systematische Religiollslehre, d. h. eine geordnete Zusammenfassung aller, besonders durch den biblischen Unterricht gelvollnenell, religiösell Ulld sittlichen Lehren ist n it r aus der Oberstufe der Volksllnd Neligionsschule als besonderer Ullterrichtsgegellstalld zu behandeln. 2. Allch der Unterulld Mittelstufe genannten Schulen tverdell die religiös-sittlichen Lehren ans dem den Kindern darzllbietenden, sich hierzu eignenden Unterrichtsstoffe, illsbesoudere beim Unterrichten in der biblischen Geschichte und im Hebräischen eiltwickelt. — Nach kurzer Pause erfolgt die Lehrprobe (Das Wocheilsest) von Kollegell Meyer- Eisenach; von einer Besprechung wird angesichts der vorgerückten Tageszeit sowie der im Saale herrschenden drückenden Hitze abgesehen. Es erstattet sodann der Vorsitzellde den Geschäftsbericht, desgleichen der Kassirer Meyer-Eisenach den Kassenbericht. Nachdem Diesem Decharge ertheilt worden ist, erfolgt der Schluß des erstell Sitzlnlgstages. Zweiter Sitzungstag. Das Wort erhält Kollege Stern-Halberstadt zu seinem Vortrage: „Der erste hebräische Leseunterricht und die Fibelfrage". Referent berührt ill seiner (Einleitung, die Ziele des hebräischen Ullterrichts. Mail dürfe sich »licht daniit begnügell, das Hebräische nur, soweit es der Gottesdienst erfordere, in den Lehrplan der jüdischen Volksimb Religionsschule auszunehmen; es uiüsse vielmehr immer das Ziel bleiben, die Schüler zu befähigen, die biblischen Bücher, zum mindesten die Thora, ill der Ursprache zn verstehell. Eillgeheud beleuchtet Redner die verschiedelleil Methodell. die beim hebräischen Unterricht gang ulld gäbe sind. Dieselben lassen sich llach den vorliegellderl Fibeln in 3 Gruppen theilen: 1. die analytisch-syllthetische, 2. die Schreiblese- und 3. die syllthetische Methode, nach einigen Lautir- und allch Wortmethode genannt. Die Beurtheilung derselben erfolgte unter folgendell Gesichtspunkten: 1. das Lesen einer den Kindern vollständig fremden Sprache ist zu erlernen; 2. die Killder sollen ulöglichst schnell zum Lesen in dem Gebetbuche gebracht werden, vorallsgesetzt, daß sie bereits deutsch lautrichtig nnb lautrein lesen können. Die analytisch-synthetische Methode ist wegen der Schwierigkeit des Zerlegens der hebräischen Worte in Silbell nicht angebracht; der Ausweg der Allhäuger dieser Methode, delltsche Normalwörter zu Grunde zu legen, ist zu verwerfen. Die Schreiblehrmethode ist in ihrer Anwendung auf das Hebräische gar nicht zu billigen, ganz abgesehen davoll, daß diese Methode von hervorragenden Pädagogen überhaupt verworfen werde. Die von ben Vertretern dieser beiden Methodell gestellte Forderullg des gleichzeitigeil Uebersetzens ist für die ill Betracht komnlellde Ullterrichtsstufe verfrüht. Die synthetische Methode, nach welcher die meisten Fibeln gearbeitet sind, sei die natürlichste und zweckentsprechendste. All vielen Beispielen alls der Praxis zeigt Redner, wie diese Methode anregend «lld fruchtbar gestaltet werden kann und muß. Die galiz originelle Art der Durchführung dieser Methode seitells des Referenten, die das größte Interesse und den lebhaftesten Beifall der Versammlullg allregte, wird später der Oeffentlichkeit übergeben werden. Zum Schlüsse unterzieht Redner 18 Fibeln einer kurzeil Kritik. Er gelangt zu dem Resultate, daß die meisten von diesen, darunter auch solche, welche infolge steter Reklame viele Allstagen erlebt haben, für die Schule unbrauchbar seien und empfiehlt aufs Wärmste als die beste aller Fibeln die von Hauptlehrer Bruchsaler-Sulzburg herausgegebene. (Verlag von S. Lehrberger & Co., Rödelheim. Preis 35 Psenllig.)