Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228401--56783-3293115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Wrocław 1× ep/1002369
OCR text
4 derer im Alter von 65 Jahren plötzlich gestorben. Lederer war eine in Offizierskreisen viel gekannte Persönlichkeit und ersrente sich wegen seines liebenswürdigen Wesens und seines streng rechtlicheil Charakters atlgemeill der höchsten Werthschätzung. Der Verstorbene hat sich namentlich um das Verpflegslvesen der Armee große Verdienste erworben und wurde hierfür vom Kaiser durch Verleihung des Franz- Jojephs-Ordeils ausgezeichnet. Die Leiche des Verstorbenen lvurde nach Malaczka überführt. — Inl 88. Lebensjahre ist hier Moriz Redlich. Mitbesitzer der Zborowitz-Kojeteiuer Zuckerfabriken ltitb des landgräflichen Gutes Wezek in Mähren, gestorben. Herr Redlich, der seit 1839 iln geschäftlicheil Leben stand, gehörte zu den bedeutendsten Großindustriellen Oesterreichs. Zuerst Tuchfabrikant in Brünn, gründete er im Jahre 1850 mit den Herren A. Popper llnd I. Fries; die Zuckerfabrik Zborowitz und im Jahre 1870 die Zuckerfabrik und Raffinerie Kojetein, eines der größten und renonnnirtesten Etablissements der Branche in Oesterreich. Der Verstorbene zeichnete sich dlirch uu* ermüdliche Thatkraft und rastloseil Fleiß bis in die letzten Lebeilsjahre alls und brachte seine Fabriken auf eine hohe Stufe der Vervollkommnung; er war insbesolldere auf die Erhattllllg eines geschulten Beamtenunb Arbeiterpersonals bedacht. — Jll einer Rasirstube in der Brigittenau ist ein jüdisches Mädchen beschäftigt, das durch seine bloße Existenz den Unwillen eines christlichen Friseurs derart erregte, daß es von ihlu mit Ohrfeigen behandelt lvurde. Vor ben Richter gestellt, gab er seinem Bedauern Ausdruck, daß er blos mit der linken und nicht auch mit der rechten Hand zugeschlagen habe. Währeild der letzte Jude sich schälueil würde, gegen ein schutzloses Mädchen die Haild zu erhebell. werden derartige Blüthen der Herzells- und Geistesbildung von der christlich-sozialen Strizzipartei mit Beifall begrüßt. — Ungarische Blätter bringen die merkwürdige Melduilg. daß der eilragirte Antiseüliteusührer der Achtziger- Jahre. Victor I st ö c z y . der in der Tisza-Eszlar-Affäre sich besonders hervorgethan. das bekannte Geschichtswerk des Flavins Josephus „lieber dell jüdischen Krieg" ills Ungarische übersetzt und im Selbstverläge herausgegeben habe. Jstoczy hat das Blich aus beut Lateinischen übersetzt. ß. Budapest, 22. August. Gelegentlich der Festljchkeiteil zur Inbil äu ln sfeier des Chr istell t h ums wurden in G ra il von dem Kardillal-Fürstprinlas Vaszarh ulld dem Ministerpräsidenten Szell Rederl gehalten, die zu eigeilartigen Vergleichen mit fremdländischen Verhältnissen Alllaß gebeil. Der Fnrstprimas hat in seiner großangelegtell Rede die iliarkanten Worte gesprochen: „Der Krone Mitglied ist jeder Bürger, welcher Konfession er auch immer sei, welche Sprache er imlner spreche, sein Herz möge nur uilgarisch seill." Ulld der ungarische Ministerpräsidellt gab nach einem begeisterten Hymllus auf den greisen Kirchenfürsten dem Wunsche nach dem Friedell und der Eiiltracht zwischen dell Bürgern in nicht minder denkwürdigen Sätzell Allsdruck: „Es sei Friede, sagte er (der Fnrstprimas), als er diesen Platz einnahm. Es sei Friede in den Herzen ulld den Gemüthern, sage auch ich. denll nur er einigt in der Vaterlandsliebe, in dem Gefühle der Angehörigkeit zll der einheitlichenungarischen Nation, in dem großell nationalen Werke, dessen wir so sehr bedürfen, alle wahrell Söhne des Vaterlaildes. In lvelchern Gotteshause er auch imnler feinen Gott anbetell möge, er soll ihn nur anbeten, und in welcher Sprache immer er auch sein Vaterland Lieben nlöge. er soll nur das ungarische Vaterland lieben und dell Ruhm des Vaterlandes verkünden." — Dem Korpskomnlalldanten Feldzellgmeister Ludwig Schlvitzer v. Bayers he im lvurde die Eiserne Krone erster Klasse mit der Kriegsdekoration der zweiten Klasse verliehen. Don Nah und Fern. — Dem Privatdozeuten in der medizinischen Fakultät der Universität zu Berlin, Dr. Adolf Loewy. ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden. — Sanitätsrath Dr. Herm a n n Schlesinger ist zum Geheimen Sanitätsrath ernannt worden. — Eine öffentliche Belobigung ertheilt der Regierungspräsident zu Potsdanr den Kauf- Leuten Mar Hersch und Willy Lewinsky aus Grünau, die im Februar d. I. die Geschwister Elise und Hans Kerger vom Tode des Ertrinkeils in der Dahme gerettet ulld dabei „Mnth und Entschlossenheit" an den Tag gelegt haben. — Gegen den Redakteur des „Deutschen Geueralanz." ist Strafantrag gestellt vom Bürgermeister Schmieder in Bromberg, auch Namens seiner gesummten Beamten des inneren und äußeren Dienstes. — In Storkow ist im 77. Lebensjahre der Kaufmann I. F r i e d e m a n n gestorben, der als Stadtverordnete nvorsteher, Vorsteher der jüdischen Gemeinde,Direktor der Vorschußbaukrc. eine rege öffentliche Thätigkeit entfaltete.— Als Freiwillige, die sich für die Expedition nach China gemeldet haben, werden uns noch genannt: I. C oh u vom 67. Infanterieregiment, L. Rosenthal aus Ibbenbüren. Musketier B a ch r a ch aus N e n t e r s h a u s e u bei der 3. Kompagnie des Hess. Trainbat. Nr. 11, August Lang, Reservist in Worms und Grü ilfe lder ans Alteukundfladt ill Oberfranken.— In Breslau ist am27. d. M. plötzlich im Alter von53 Jahren der Buchdrnckereibesitzer und Mitinhaber der „Gerichtszeitung". T h e od o r S cha tzk y gestorben. - In Danzig verhandelte am 24. d. M. die Strafkammer über die antifemitischen Krawalle, die in Berent am 12. und 13. Juni stattfauden. Es waren dreizehn Persollen angeklagt und dreiundvierzig Zeugen geladeil. Neun Angeklagte wurdeil zu Gefängnißbeziehungsweise zu Geldstrafell verurtheilt, vier freigesprochen. — Pastor Klamroth in Neustettin, auf den sich die Antisenliten bei ihrer früheren verleumderischen Notiz über den Syllagogeubraud-Prozeß daselbst berllfen hatten, ist vorige Woche gestorben. — Bei der Universität Leipzig ist der bisherige außerordentliche Professor, der Aegyptologe Dr. Georg Steindorff, zum ordentlichenHonorarprofessor befördert worden. — Dell jüdischen Lehrern und Kultusbeamtell im Rabbinatsbezirk Kissi.llgeu wurde in letzter Stllllde noch das Wahlrecht. welches ihnen das Bezirksamt zuerkannt hatte, durch Entschluß der königlichell Regierung von Unterfrankell wieder entzogeil. Es steht nur steuerzahlenden, ausgenommellen Gemeindemitgliedern zu. wie es die Gemeindestatuten bestinlmen. — Nach der neuesten Zusammenstellung der verschiedenen konfessionellen Stiftungen in Bayern haben die Katholiken 8603 Stiftungen mit einem Kapital voll 153 796 843 Mark, die Protestanten 1201 Stiftungen mit 49 944 952 Mark Kapital ulld die Juden nur 32 jüdische Kultusstiftungen mit nur 31 664 Mark Kapital. Dieselben vertheilen sich folgendermaßen: Pfalz 24 mit 17 893 Mark, Obersranken 2 mit 6929 Mark, Mittelfranken 4 mit 2485 Mark, Unter- 2 mit 4357 Mark. — Josef Israels, Hollands größter Maler, wurde aus der Pariser Weltausstellung der große Preis zuerkanllt. Die goldene Medaille erhielt der französische Künstler Henry Lövy. — Zum Großoffizier des Ordens der Ehrenlegion wurde das Mitglied des jüdischen Kollsistorillms von Belgien, Baron v. Stein. Gesandter der Republik Liberia in Paris, zllm Offizier der Ehreuligioil Graf Moise de Camondo. Generalkonsul von Serbien, zum Ritter der Ehrenlegion der Generalkonlmissar der Orange-Exrepublik, Herr Charles de Mosenthal, ernannt. Außerdem erhielten denselben Orden noch viele Kaufleute. Industrielle, Schriftsteller und Journalisten. — Am 30. v. M. lvurde in der großen Synagoge zu Tiraspol feierlicher Gottesdienst für 19 jüdische Soldaten des fliegenden 4. Artillerieparks abgehalteu, die nach China abgehen. — Unter den China-Freiwilligen in Odessa befinden sich zahlreiche Juden, darunter 2 aus den ersten und reichsten bärtigen Familien, Aschkeuasi und Leweusohn. — In Kobe sJapan) leben 600 Juden, welche in einer im April abgehaltenen Versammlung beschlossen haben, eine Synagoge zu bauen. Sie wandten sich an die Juden in Nagasaki und Jokohama in Japan sowie an die von Schanghai und Hang - Kong in China um Beistand. — Der Nev. Dr. Hertz, der Rabbiner von Johannisburg, welchen die Buren ausgewiesen haben, wird demnächst dorthin zurückkehren, um seine Gemeinde wieder zu organisiren. Ein großer Theil der jüdischen Flüchtlinge ist ihrem Seelenhirten nachgefolgt. Auch von der englischen Regierung soll Rev. Hertz eine Aufforderung zur Rückkehr erhalten haben. — Aus dem statistischen Handbuch der Regierung von Neu-Süd-Wales ersieht inan, welchen Antheil die Juden an der Regierung und Verwaltung dieser Kolonie nehmen. Im gesetzgebenden Rath sitzen drei Juden, Herbert Salomon und Hy am nnd Henry Moses. Im Parlament sitzen auch drei Juden, John Jacob Cohen, David Davis und Simeon Phil üp s. In der Ackerbauverwaltung ist V i c t o r C o h e n, in der Gefängniß- Verwaltung I. I. Moß, und ebenso befinden sich jüdische Persönlichkeiten in den übrigen Negierungsdepartements. Druck und Verlag von Ruvolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.