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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-31 · Heft 35 (31.8.1900) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 seitigen Ehrungen entgegennahm und auf jedes Wort eine treffende Antwort wußte. In seiner sonst schon stillen Wohnung gab es heute manch ungewohnten Anblick: herrliche Blumenarrangements rc. zierten Tische, die sich im Laufe des Tages mit Briefen und Depeschen bedeckten, und als es erst 10 Uhr geworden war, wollte die Thür nicht mehr stillstehen. und immer neue Gratulanten kamen, um dem Geburtstagskinde ihre und ihrer Korporationen Segenswünsche zu überbringen. Den Neigen eröffnete eine Abordnung des „Vereins für Krankenpflege iuit> Beerdigung", deren Sprecher, Stadtverordneter Arendt, mit warmen Worten für all die treuen Dienste dankte, die Dr. F. fünfzig Jahre tjinbnrcf) dem Verein hat angedeihen lassen, der „Börsenhalle", des „Kaufmännischen Vereins". Die nächste Deputation war die der Stadtverordnetenversammlung. Herr Wiehler betoute in seiner Ansprache, daß Dr. Falkson bereits 38 Jahre lang Mitglied der Stadtverordnetenversammlung sei imb der einzige, der noch thätig an der großen Bewegung der vierziger Jahre theilgenommen habe. Der nächste Gratulant war Oberbürgermeister Hoffmann, der mit beu Herren Bürgermeister Brinkmann und Stadtrath Magnus den Magistrat vertrat. „Wenn der Magistrat, begann Herr Oberbürgermeister Hoffmann, „wie üblich der Stadtverordnetenversammlung den Vorrang gelassen hat, so nimmt er an der Feier doch mit demselben Gefühl der Freude Theil. Sie bei Ihrem Eintritt in das 81. Lebensjahr beglückwünschen zu können. Wir verehren in Ihnen einen der treuesten Mitarbeiter an dem Wohle unserer Stadt. Beinahe vier Dezennien sind es ja wohl, daß Sie an der kommunalen Verwaltung mitgearbeitet und sich mit einer seltenen Lauterkeit der Gesinnung an den Debatten betheiligt haben. Wenn Sie zurückblicken aus die Kraft und Energie, mit der Sie Ihres Amtes gewaltet haben, so müssen Sie eine große Geuugthnung empfinden, und wir können nur wünschen, daß dieser Vergangenheit auch die Zukunft gleichen möge. Die Stadt würde es als einen schweren Verlust empfinden, wenn sie den Manu nicht mehr um sich besorgt sehen sollte, dem es beschieden war. den sachlichen Kern aus der Hülle, die Voreingenommenheit und persönliche Erregtheit oft um die Dinge weben, auszulöseu und die goldene Frucht der Erkenntniß in der silbernen Schale Ihrer Beredsamkeit darzubieten. Ich habe ja das Glück gehabt, lange Jahre mit Ihnen zusammen zu wirken, und weiß, welche Wandlungen die kommunalen Verhältnisse in dieser Zeit der gemeinsamen Arbeit erfahren haben. Uns Aelteren will es manchmal scheinen, als wenn man jetzt zn viel nach gesetzlichem und genossenschaftlichem Zwange ruft, und. während man früher mehr die Gesammtheit und den Geist der Selbstverwaltung im Auge behielt, heute immer mehr die rein wirthschastlichen Interessen in beu Vordergrund stellt. Immer neue wirthschaftliche Betriebe reihen sich den Aufgaben des Gemeinlebens an, und da habe ich Sie stets bewundert wegen der Elastizität des Geistes, mit der Sie sich das Material zu eigen geniacht und sich einen Standpunkt verschafft haben, wegen der Empfänglichkeit. die sonst dein Alter abgeht, wegen des Muthes und der Kraft, mit der Sie für Ihre Erkenntnisse einstanden. Möge Ihnen diese Kraft noch recht lange erhalten bleiben." Dr. F. dankte mit bewegten Worten und rollte ein Bild der Geschichte auf von den „fünf Konsuln", unter denen er der Stadt gedient habe. Noch eine lange Reihe von Gratulanten — darunter Rabbiner Dr. Vogelstein, ferner Bürgermeister Brinkmann im Namen des Königsberger Handwerkervereins rc. — schloß sich diesen ersten offiziellen Deputationen an. Auch die Herren Botschafter a. D. Geheimrath von Keudell „in alter Treue", Abgeordneter Nickert - Danzig und viele Notabeln ans Stadt und Provinz hatten ihre Glückwünsche telegraphisch übermittelt. Die heutige Sitzung der Stadtverordnetenversammlung begann mit einer Ehrung ihres Seniors, dessen Platz mit einem duftigen Rosenstrauß geschmückt war. Der stellvertretende Vorsitzende zeichnete den Jubilar durch eine herzliche Allsprache aus. Dr. F. erwiederte diese Ansprache, sichtlich bewegt lind herzlich erfreut, mit folgenden Worten: „Meine verehrterl Herren! Wellige Worte! Die Ehrungen, die mir gestern voll Seiten dieser Versammlung mtb des Magistrats zu Theil wurden, haben lnich aufs Jlllligste erfreut, Ulld ich muß mir sagen, daß sie weit über mein Verdienst hinallsgehell. In dem Zustande von Erschöpfung. in dem ich mich gegenwärtig befinde, bin ich llur im Stande, meinem innigen Dallke einen schwachen Ausdruck zu gebell, wie er weita»ls der Wärme des Dankes nicht entspricht. Lassen Sie mich das Eine sagen: anl Abend meines Lebens war mir der gestrige Tag besonders durch die Ehrung Derer, die mir neben meinen Kindern und Enkeln im Leben am nächsten stailden, ein herzersreuender Sonnenstrahl, der letzte, ehe die scholl sinkende Sollne völlig untergegangen ist." # Könitz, 23. August. Wie es nunmehr feststeht, ist gegen den früheren Abdecker Israelski doch Allklage wegen Begünstigung bei dem Winterschen Morde erhoben und Verhandlnllgstermin auf den 8. September angesetzt worden. Der Boteilmeister des hiesigen Landgerichts, Fiedler, hat bekanntlich behauptet und diese seine Aussage beeidet: Er habe am Charfreitag Vormittag während der Kirchzeit gesehell, daß Jsraelski mit einem Sack auf dem Rücken, in dem sich ein runder Gegenstand befand, nach der Gegelld am Schützenhallse gegangen sei, wo am ersten Osterfeiertage der Kopf des ernlvrdeten Winter gesunden wurde. Jsraelski wurde eillige Zeit darauf verhaftet ulld befindet sich noch in Untersuchungshaft; er bestreitet, mit beut Morde in irgend einer Verbinduilg zu stehen. Zum Osfizialvertheidiger des Angeklagten wurde Rechtsanwalt Maschke in Könitz ernallnt. Außerdem wird Jnstizrath Sello aus Berlill vielleicht uoch die Ver- .theidigung führen. Der Prozeß kommt nicht vor dem Schlvurgericht, soildern vor der Strafkammer in Könitz zur Verhandluilg. Die Allklage stützt sich auf den § 257 der R.-Str.-G. Die ganze Verhalldlllng dürfte vielleicht zur Klärung des Sachverhalts beitragen, lvas uns nur sehr erlvüilscht sein könllte. — Das „Konitzer Tageblatt" bringt die Mittheilung, daß dieser Tage das Gutachten des Geheimraths Professor Dr. Mittenzlveig über beu Leichenbefund Winters bei der Staatsanlvaltschaft eingelausen sei und sich dahin äußerte, daß der unglückliche Ernst Winter bis gegen 7 Uhr Abends ganz gut noch gelebt haben könne. Es sei anzunehmen, daß W.. auf eillem Stuhle sitzend, von hilltell ergriffen und ihm ein Kllebel in den Mlllld gesteckt lvurde, lvorauf er, fast erstickt (bewußtlos), zwei Schllitte in beti Hals erhielt, den eillen Volt links, beit anderen voll rechts. Das wird daraus gefolgert, lveil an der vorderen Halspartie iloch ein Stückchell Haut und Fleisch lvie ein Zäpfchen herunterhing. was bei eillem Schnitt voll nur einer Seite nicht nlöglich gewesen wäre. Die Möglichkeit, daß W. noch bis 7 Uhr Abends gelebt haben könne, wird damit begründet, daß sich durch die in der Speiseröhre desselben Vorgefundenen Speisereste der Zeitpunkt der Ernlordung dlirchaus nicht so genau feststellen lasse, weil die Datier des Verdaullgsprozesses bei beu einzelnen Menschen verschieden ist. Soweit das erzailtisemitische „Konitzer Tageblatt", dessen Allgabell über das Glltachten des Professors Mittenzlveig scholl ans denl Grunde wahrheitsgemäß zll sein scheiilen, weil dieses Gutachten, gewissermaßen ein Obergutachten, d e n Antisemiten durchaus wider den Strich geht. — Vor der Strafkammer stand heute als Angeklagter ein Arbeiter aus Görsdorf bei Könitz. Derselbe hatte an einem Tage im Juni einen armeil jüdischen Händler aus Kamin, eitlen alten schwachen Mann, in überaus roher Weise ulit einer Forke nl iß ha ll d elt. Der Uebersallene blieb damals wie todt liegen, mußte nach Kotlitz ins Krankenhaus gebracht lverden, wo er mehrere Wochell dartliederlag. ulld ist heute ein vollständig gebrocheller Mensch, beffeit Geisteskräfte vollständig geschwnnden silld. Der Gerichtshof verurtheilte deil rohell Patron, dessen Thal als eine Folge der ailtiselllitischen Verhetzung zu bezeichnen ist, zu 4 Ia h ren G e fä n g n i ß. — Nach dem „Koilitzer Tageblatt" wird der lvegen Meineidsverdachts ht Untersuchungshaft befindliche Präparant» Speisiger auf Antrag seiner Verwandten in eine Irrenanstalt zur Beobachtutlg seines Geisteszustandes übergeführt werden. Speisiger hat Aussagen über beit Verkehr des ermordeten Winter mit anderert Personen beschworen und soll hierbei einen Meineid geleistet haben. — Gestern sind eillem telegraphisch eingelaufenen Befehle genläß zwei Kompagnien des hier einquartirten Bataillons nach Graudenz zurückgekehrt. Die Abberufung der noch verbliebenen dritten Kompagnie wird in den nächsten Tagen erlvartet. — Der Fleischer Allgust Binder von hier, welcher am Abend des 30. Mai d. I. mehrfach „Hep Hep" gerufen, auch den Befehl der Wachmannschaft zum Nachhatlsegehen nicht befolgt hat, wurde heute vom Schöffengericht wegen Verübung groben Unfugs zu 6 Mk. Geldstrafe ev. 2 Tagen Haft verurtheilt. — Der Tischlergeselle Dall llebauer von hier, welcher am 26. Juni d. I. sich gegen verschiedene Militärpersonen widersetzt und beim Transport vom Militärwachlokal nach denl Polizeigewahrsam den Polizeikommissar Block beleidigt und bedroht haben soll, wurde zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. — Ein Landfriedensbruchprozeß gegen etwa 20Personen wegen Demolirung der Synagoge findet Mitte Oktober vor deni hiesigen Schwurgericht statt. — Das „Kon. Tagebl." theilt wieder mit, gegen die Kaufmann M. Meherschen Eheleute, jetzt in Berlin

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