Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- Seite 420 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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420 daß die Trimburg dann häufig von Kurgästen besucht werden würde. Der Blick von dem sogenannteil Fähnleinsthurm M die Weite über Städte, Dörfer, Wiesen, Rebgelände und Höhenzüge ist ein wahrhaft überwältigender. Auch kann man, steigt marr auf der bequemen Treppe in den Rittersaal wieder hinab (falls nicht zu viel Kissinger Kurgäste da sind!) sich gar wohl in die Zeit versehen, wo hier eine Schaar wackerer Minnesällger zum Turnier vor dem stolzen Schloßherrn Konrad I. und seiner edlen Gemahlin erschienen sind. Und unter diesen soll nun unser armer Süßkind von Trimberg gewesen sein! Der Gedanke, der an sich schon seltsam genllg ist, erscheint einem hier angesichts der mächtigen Burgruine immer seltsamer. Ulld doch ist es so. Wahrscheinlich hatte er hier und an allderen Ritterhöfen seine Kunst verlverthet, dann aber, vielleicht erst im Alter, die Erfahrung gemacht, die bisher keinem seiner Nachfolger erspart geblieben; nur daß er mehr Stolz besaß wie Viele von diesen. Er ließ sich wieder einen langen Bart wachsen, und in dem weiten Mantel und dem trichterförmigen Judenhut zog er voll dmlnen, um Denen nicht mehr sein Lied zu singen, „die seilles Sangs llicht werth". Wollte Gott, daß viele seiner Nachfolger unter ilnserell Glaubensgenossen beu demüthigen Stolz dieses einzigen jüdischen Minnesängers besäßen! Es ist begreiflich, daß das Dorf Trimberg, welches eigentlich nur aus einer einzigen großen Gasse besteht, llach der Befichtigullg der Ruine ullser besonderes Jllteresse in Anspruch nahm. Mein Reiseführer berichtet darüber: „Hier wurde der berühmte Minnesänger Süßkind, der Jude von Trimberg, der wohl von 1218—1225 am Hospital zu St. Egid und Dietrich in Würzburg als Arzt thätig war, geboren und lvird sein Geburtshalls im Dorfe gezeigt." Die große Zuversicht, nlit der diese Angaben gemacht werden, ist anzuererkennen; aber leider sind sie doch auf Sand gebaut. Alls derl wenigen Urkunden, die noch erhalten sind, läßt sich nichts mit Sicherheit feststellen, als daß Süßkind in Trimberg gelebt hat. Feste Ergebnisse über die Verhältnisse seines Lebens hat bis jetzt Niemand zll Tage gefördert. Nur sein Judenthunl haben ihm weder die Germanisten noch die Historiker streitig inachen können; an Versuchen dazu hat es wahrhaftig nicht gefehlt. Ja, selbst die, welche feilt Judenthum allerkennen, stellen es in Abrede, daß sich in den wenigen Dichtungen, die uns von ihm erhalten sind, Spuren jüdischen Geistes fänden. Und doch sollte darüber eigentlich nur der urtheilen, der selbst, wenn auch Nllr einen Hauch, von dem Wehen dieses jüdischen Geistes in sich verspüret hat. Mit dieser literarhistorischen Vorlesung, die ich meinen Reisegenossen halten mußte, gelangten wir an das Haus Nr. 52 zllm Schuhmacher Zoll, vor denl schon im Sonliner 1893 zwei Touristen, ein hervorragender jüdischer Schriftsteller und ein gelehrter Litterarhistoriker standen, um dort festzustellen, ob noch eine Kunde von dem jüdischen Minnesällger in seiner Heimath fortlebt. Damals war es ihnen schwer etwas zu erfahren; heute zeigt schon jedes Kind im Dorfe auf das Haus. Es ist inzwischen zu Ansehen gelangt; denn es ist ja am Ende die einzige Merkwürdigkeit in dem kleinen Dorfe. Das Haus hat Richard M. Meyer, der eine von den Beidell, seiner Zeit in rulserem Blatte ausführlich beschriebell. (Jahrgang 1896, Seite 356.) Was der junge Zoll damals nur als schüchterne Vermuthung hinsteüte, das verkündete er uns jetzt llach sieben Jahren mit derSicherheit eines alten Schloßkastellaus, der den Besuchern an jedem Tage hundert Mal die seiner Obhut unterstellten Merkwürdigkeiten in der alten, wohl einstudirten Litanei vordeklamirt. „Ja. hier hat der Dichter Süßkind gewohnt, in diesem Hause, in diesem Zimmer, vor vielen hundert Jahren." Er weiß es durch „Erbsage" u. s. w. Die Befürchtung, die die beiden Wanderer damals hegten, ist eingetroffen. Man hat in den armell Schuster hineininterpretirt, was man von ihm hören wollte. Nur eine Variante kann ich als gewissenhafter Litterarhistoriker nicht verschweigen. Während der junge Zoll seinen damaligen Besuchern verkündete: „Ja, hier hat der Jüd gewohnt," sagte er uns, ohne daß wir bis dahin etwas davon erwähnt hatten: „Manche haben gesagt, daß er ein Jüd gewesen, es ist aber nicht wahr." Dieser Schlußsatz weist übrigens mit Sicherheit darauf hin, daß die Strömungen des Tages auch bis nach dem weltfernen Trimberg gedrungen sind. Selbstverständlich haben wir dem Manne seinen guten Glauben nicht genommen, aber wenn die „Erbsage" sich so weiter entwickelt, wird Süßkind von Trimberg am Ende in dem fränkischen Dörfchen noch zu einem katholischen Heiligen gemacht werdet!. Der alte Zoll ist schon todt, und der junge wußte nichts mehr von der Geschichte, die der alte den beiden Besuchest auf ihrer Forschungsfahrt im Sommer 1893 erzählte, daß Süßkind es mit denen auf der Burg oben gehalten habe, daß er ihr „Schmuser", ihr „Beiläufer" gewesen sei, daß es ihm im Alterschlecht ergangen, tueil seine Kinder von ihm fortgelaufen und er nicht mehr viel gehabt habe. Ob der „Schmuser" eine litterarhistorische Legende und „schmusen" vielleicht so viel wie erzählen oder plaudern bedeutet, so daß eine Spur immerhin auf den Dichter zurückwiese, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß der letzte Theil der Tradition buchstäblich auf Wahrheit beruht, denn Süßkind war wirklich ein armer Mann. Er klagt in einent seiner Lieder mit bitterer Satire darüber, daß Hebeauf und Findenichts ihm schweres Leid anthäten, daß Herr Roth von Darbian nicht von ihm weiche, und daß Herr Dünnehabeu in seinem Hause eine unumschränkte Herrschaft ausübe. Man sieht, auch hierin war Süßkind von Trimberg der Ahne aller jüdischen Dichter, die nach ihm kamen. 6. K. Kpvechsaal. Sehr geehrte Redaktion! f ezugnehmend auf die in der Allgemeinen Zeitung des Jndenthums enthaltene Biographie S. D. Luzzattos, will ich nicht unterlassen, die Leser daran zu erinnern, daß in den hebräischen Briefen Luzzattos, die von dem Sohne des letzteren gesammelt und von Graeber herausgegeben wurden, der Allgemeinen Zeitung des Jndenthums rühmende Erwähnung geschieht. Es ist dies der 182. vom 18.1.1838 datirte und an Lettens gerichtete Brief, in welchem es gegen den Schluß hin heißt: „Die von Philippson redigirte Allgemeine Zeitung des Judenthums ist mir zu Gesichte gekommen. Wenn auch der Redakteur derselben und beffen Genossen Freunde der Emanzipation sind, so sind es doch nicht Alle, die mit der letzteren einzig und allein Kultus treiben! Immerhin ist mir eine Zeitschrift, die es sich zur Ausgabe macht, alle neuen Begebenheiten, die sich innerhalb unserer Nation zutragen, zu registriren, lieb und werth." Jnowrazlaw, 20. August. Dr. H. Ti eh. Druck und Verlag vvn Rudolf Blosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.