Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- Seite 419 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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419 Pferd bahnte sich einen Weg durch den weißen Morast. Als es seine Mittagsrativn in dem kleinen christlichen Dorfe in der Nähe Zlvczczols erhielt, wo ich es auch stehen lassen wollte, erfuhr ich erst, daß diesmal Chanukah auch Heiligabend war. Einen Augenblick stutzte ich und dachte, ob irgend eine geheim« Bedeutung in diesem Zusammentreffen oder in der chassidischen Wahl des Datums sei, aber es war jetzt keine Zeit mehr, darüber nachzudeuken; auf alle Fälle lud ich meine Pistole und eilte zum Rendezvous. Auf dem schwarzen Untergründe der Berge glänzten die Schneeflocken wie Winterblumen, von den zackenförmigen Felsen auf dem anderen Flnßufer hingen die Eiszapfen herunter. Unten im Strome rauschte es ebenso wild wie früher; doch plötzlich, da. wo eine starke Biegung kam, war er gefroren, wie todt unter den schneebeladenen Zweigen, die den Abgrund überragten. Bethnlahs Anblick war ganz cigenthümlich; sie sah aus wie der Sonnenschein, der durch die weiße Oede geht. Ihr hoher, einsamer Schatten warf einen bläulichen Schimmer auf den schneeigen Pfad. Sie war in wunderbaren Silberpelz gekleidet, aus dem ihr Antlitz wie eine tropische Blume hervorleuchtete. Anstatt der früheren Grazie zeigt« sie jetzt Würde und Hoheit; ihre Gestalt schien gewachsen durch das Bewußtsein ihrer Mission. Sie wendete sich zu mir, und ihre jungfräulichen Augen begegneten den meinigen mit beschämender Reinheit, und in diesem einzigen Augenblicke ängstlicher Entzückung verstand ich, daß meine Frage vergeblich war. Die zarte Röthe der Freude und Ueberraschuug färbte ihre Wangen wieder wie früher, aber diesmal, fühlte ich, würde sie nicht von Furcht gefolgt werden. Selbstbewußt und furchtlos stand sie jetzt vor mir, die früher gezittert hatte und entflohen war. „Du bist gekommen. Fremder, um Chanukah mit uns zu feiern?" sagte sie. „Ich kam," sagte ich mit gemachter Bravour, „in der Hoff, nung. es irgendwo zu feiern — mit Dir." „Du weißt doch, das kann nicht sein," sagte sie sanft. O, jetzt wußte sie es, wovon sie Königin war, das sah ich, und in meinem Herzen brannte die Empörung. „So haben sie Dich also iu ihren Traum eingeweiht," sagte ich mit Bitterkeit. „Ja," erwiderte sie mit ruhiger Sanftmuth. „Wie schön sind Diejenigen, die gute Nachrichten bringen!" Und ihre Augen glühten in Begeisterung. „Sie waren die Boten des Bösen," sagte ich, „Flüsterer der Unwahrheit. Das Leben ist Liebe und Freude." „O nein," erwiederte sie zitternd. „Du kennst doch sicherlich die Welt besser als ich; ist sie nicht voll mit Leid und Sünde?" Und wie unwillkürlich warf sie ihren prachtvollen Pelz zurück und enthüllte ihr Sterbehemd. „O, was für Wonne, zu denken, der göttliche Tag wird kommen, bevor ich alt bin, wenn, wie es im 25. Kapitel Jesaias geschrieben steht: „Und er tilgt auf diesem Berge die Hülle, die alle Völker »mhüllt. Und die Decke, die alle Nationen bedeckt. Er tilgt den Tod auf ewig; es nimmt der Herr, der Ewige, die Zähre von jeglichem Angesichte und schafft eines Volkes Schmach hinweg von der ganzen Erde. Denir der Ewige hat's verheißen." Ihre Augen waren von Thränen geblendet. Wie sehnt« ich mich, sie hinwegzuküssen! „Aber Dein eigenes Leben während dieser Zeit?" sagte ichsanft. „Mein Leben? Zeigt es nicht schon die Herrlichkeit Gottes wie dieser Berg den kommenden Tag?" Sie schien wirklich der kalten weißen Bergesspitze zu gleichen, die ich beim Sonnenuntergänge im glühenden Lichte gesehen hatte. Meine Leidenschaft erschien mir plötzlich prosaisch und selbstsüchtig. Ich fühlte mich zu jener höheren Liebe erhoben, die anbetet und entsagt. „Gott segne Dich," sagte ich und wendete mich hinweg mit thränendem Blick. Zu gleicher Zeit sah ich die drei schwarzen fanatischen Gestalten sich entfernen. (Forts, folgt.) Von der Verse, in. ~ Kissingen, Anfang August. Sie schon in Trimberg? Diese Frage habe ich sehr ost an meine Freunde in Kissingen gerichtet, aber ich muß zu meiner eigenen Schande gestehen, daß selbst solche, die nrir kurz vorher über meine Vorträge in unfern Litteraturvereinen viel Freundliches gesagt haben, von unserem einzigen jüdischen Minnesänger Süßkind von Trimberg so gut wie garnichts gewußt haben. O ja, das verehrte Publikum sorgt schon dasür, daß wir nicht hochmüthig werden und daß die Bäume unseres sogenannten Ruhmes nicht in den Himmel ivachsen! Daß ich selbst es mir natürlich nicht habe entgehen lassen, die Heimath Sttßkinds voir Triinberg aufzusllchen, über den ich schon so viel gesagt und geschrieben, werden die geneigten Leser, die auch nleinen diesmaligen Wanderungen zu folgen die Geduld haben, gewiß als selbstverständlich annehmen. Ich feint» auch Begleiter für meine Partie: einen wackeren Berliner Freund, der für alles, was Juden und Judenthum angeht, ein warmes Herz hat, und eine liebenswürdige Frankfurter Familie, der man dasselbe nachrühmen kann. An einem der heißesten Sonntage dieses Jahres machten wir den Besuch ans der Trimburg, die man etwa iu anderthalb Stunden zu Wagen von Kissingen aus erreicht. Der Anblick der Burg ist ein überraschender. Weit hinaus ragt das Gemäuer der prachtvoll erhaltenen Ruine Trimburg über das malerisch zu ihren Füßen gelegene Dorf. Die Burg liegt auf einem Berge, welcher sich frei und steil aus einem anmuthigen und fruchtbaren Thale erhebt. Hier hat einst das mächtige Geschlecht der Trimberger gehaust, von dem die Geschichte des Landes viel zu singen und zu sagen weiß. Mit einem kleinen Vorrath von Phantasie kann man sich sogar das Schloß wieder ansbauen, denn der Freihof, die linke Mauer, die Thore des inneren Burghofs, der Gewahrsam und einige Thürme und Zugbrücken sind noch recht gut erhalten. Die Burg muß sehr alt sein, denn nach einer Urkunde vom Jahre 1290 ivar sie schon damals, wie mein Reiseführer sagt, „ruinös" und wurde von einem reichen Domprobst wieder hergestellt. Dasselbe war der Fall nach dem Bauernkrieg, wo Bischof Jnlius von Würzburg „das Schloß fast neu gebaut" hat. Später gerieth das stolze Schloß ivieder in Verfall, und erst in neuerer Zeit hat die Badeverwaltung von Kissingen die Ruine ivieder in guten Stand setzen lassen, in der sicheren Voraussetzung,