Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- Seite 418 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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418 vierzig Jahren die zutreffende, leider aber nicht genügend berücksichtigte Meinung ausgesprochen, daß die Punktatoren und Accentatoren dem tulmudfeindlichen Karaismus viel näher gestanden haben als dem rabbinischen Judenthum. Dies ist aber, wie ich ebenfalls bereits an anderer Stelle deutlich nachgewiesen zu haben glaube, dahin zu verstehen, daß die palästinensischen Schulen, aus denen diese gründliche Erfassung der biblischen Schriften hervorgegangen ist, der Nährboden für die Unzufriedenheit mit der babylonisch-talmudischen Einseitigkeit waren, welche Unzufriedenheit später im Karaismus ihren konkreten Ausdruck fand. Die Mißachtung gegen die Accentatoren hat überdies unserem Verfasser einen argen Streich gespielt. An einer Stelle lobt er Raschi (zu Deuteronomium 11,30) wegen einer Erklärung, die sich auf eine falsche Auffassung der Aceentenlehre stützt. Schon S. D. Luzzatto, den Herr Ehrlich ebenfalls nicht sehr glimpflich behandelt, wenn er ihn auch nicht deutlich beim Namen nennt, schon dieser bedeutende Grammatiker hat auf diesen Jrrthurn Raschis hingewiesen (Vergl. Dialogues sur la Kabbala et le Zohar p. 80). Zu bedauern ist es ebenfalls, daß Herr Ehrlich das Assyrische gänzlich vernachlässigt hat- Sonst hätte er sicherlich die Erklärung Friedrich Delitzschs (Prolegomena S. 62) zu (1- Buch Mose 30,20) acceptirt. Alle diese Ausstellungen sollen und dürfen jedoch keinen ernsten Bibelforscher und keinen Freund der hebräischen Sprache von der Lektüre dieses Buches abhalten. Im Gegeutheil kann ich dies nur sehr empfehlen, da man sich für die angewandte Mühe reichlich belohnt finden wird. Auch ivas die äußere Ausstattung des Buches betrifft (es ist in der Offizin von H. Jtzkowski hergestellt), finde ich eine diesmal erfreuliche Abweichung von der Tradition. Hebräische Bücher sind sonst äußerlich nicht sonderlich schön; der gute Kern muß eine schlechte Schale haben. Die Verlagshandlung hat aber in diesem Falle mit dem alten Schlendrian gebrochen, was dankend hervorgehoben zu werden verdient. * Obige Zeilen waren bereits geschrieben und in Druck gegeben, da erhielt ich den zweiten Band dieses Kommentars (Berlin 1900), enthaltend kritische Bemerkungen und Erklärungen zu den historischen Schriften der Bibel. Die gehässige Sprache gegen die alten jüdischen Bibelerklärer hatte ich vor Monaten in einer hebräischen Zeitschrift gerügt; der Verfasser bemühte sich darauf, wie er in der Vorrede zum zweiten Baud angiebt, seine Sprache erheblich zu mildern. In diesem zweiten Theile ist wiederum eine Fülle von lichtvollen Bemerkungen, die dem Bibelforscher sehr willkommen sein werden. Manche Anregung im Buche Nehemia hat sogar historischen Werth, so z. B. die Erklärung zu 5, 16, die uns Aufschluß giebt über die Art und Weise, wie die Mauer um Jerusalem in der Zeit Nehemias hergestellt worden ist. Es wäre ungerecht, wollte man kleinlich sein und dem Verfasser jene Stellen Vorhalten, wo er abseits vom Ziele geschossen hat. In diesem neuen Kommentar sind Hunderte von Bibelstellen, die erst jetzt eine befriedigende Erklärung gefunden haben. Wie viele Kommentare giebt es, die so viel Neues und Gutes bringe»? Das Bibelkritische in diesem Buche ist oft nicht stichhaltig, aber dafür ist manches Textkritische sehr gelungen. Im Uebrigen kann mau das als nebensächlich bezeichnen. Man wird über Ehrlichs Koinmentar nicht hinweggehen dürfen; eine orthodoxe Verketzerung, die bereits versucht worden ist, thut es nicht; denn im Reiche der Wissenschaft haben Gefühlsphrasen keine Geltung. UILLETON v» . Bcthulah. Eine Erzählung von I. Zangwill. IX. O&a, es war wirklich wahr! — Bethulah befanb sich in der Wonne der Opferwilligkeit, ihr Herz zitterte noch von der Offenbarung ihres erhabenen Schicksals. Sie jetzt zu prüfen könnte verhängnißvoll werben. Nein, sie mutzte Zeit haben, nachzubenken, vielleicht sogar zu zweifeln. „Morgen kannst Du mit ihr sprechen, und Niemanb wirb es erfahren," sagte der älteste Ehassib. „Nein, nicht morgen. In einer Woche, in zwei Wochen ober später." „Du willst also noch hier bleiben?" fragte er mitztranisch. „Bis zn bem bestimmten Tage werbe ich fortgehen." „Gut, reise! Bleib einen Monat fort." „Werbet Ihr sie währenb meiner Abwesenheit nicht fortzanbern." „Es wäre leicht, es in Deiner Gegenwart zn thun." „So soll es so fein." Er schlug einen Tag vor Ehanukah vor. Nnn sah ich ihn mißtrauisch all, aber ich konnte llichts daran bekritteln, denn er hatte eillfach ein Datum, das des nächsten Feiertages, festgesetzt. Ehanukah, bas Fest der Wiebereinweihung des Tenlpels, bas Wunder des unvergänglichell Oels, darin schien miv nichts zu sein, bas zu meinell Ungllllstell auf des Mäbchens Gemüth wirken fonnte; höchstens konnte die begeisternde Tradition von Juda Maceabi sie opferfreudiger machen. „Also einen Tag vor Ehanukah" willigte ich mit gleichgiltigem Gesichte ein. Aber ich will sie dort sehen, wo ich sie zuerst sah, aus bem Pfade, der zum Friedhöfe führt. Das lvürbe sicher ein Gegeneinfluß zum Ehanukahfeste sein. Da sie nichts von bell Feillheiten der Liebe verstanden, lvilligten sie ein, nnb ich ließ sie schwören. Als sie weggegangen waren, stand ich lange still nachdenkend auf der Brücke (die ungelaberle Pistole war meiner Hand entsunken) bis Himmel nnb Fluß geheimnitzvoll wie BUlt glühten, und bie Abenbkühle mich mahnte, baß November nahe sei. * * Ich war bis zum Tage meiner Verabredung nach Warschau hin und zurück, aber alles Neue und Schöne, das ich sah, konnte Bethulas Bild nicht aus meiner Seele verdrängen. Es waren Tage, wo ich mich in den Zauber der Landschaft versenken konnte, aber eigentlich befand ich mich immer, so zu sagen, im Vorzimmer des großen Momentes unserer dritten und vielleicht letzten Begegnung. Und mit jedem kürzeren Dezembertage kam dieser Moment näher, aber trotz meiner Ungeduld hätte ich den Tag der Verabredung beinahe versäumt. Ein Schneefall, den ich um diese Zeit des Jahres leicht hätte voraussetzen können, verzögerte meine Reise in der ersten Stunde, aber mein treues