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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-31 · Heft 35 (31.8.1900) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
Seite 417 (sequence 11)
Language
German
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417 tären Aufgaben, selbst an seiner eigenen wissenschaftlichen, namentlich philosophischen Weiterbildung gearbeitet. Als ein Weiser bereitete er sich ans das unvermeidliche nahe Ende vor, als erfahrener Weltmann traf er seine Anordnungen. Jede Disharmonie suchte er noch auf dem Todtenbette zu vermeiden. War doch sein ganzes Leben ein harmonischer Ausgleich scheinbar gegensätzlicher Neigungen und Bethätigungsweisen: treuer Jude und Weltbürger zugleich, Naturforscher und Ethiker, Mediziner und Aesthetiker, Mann der Feder und des Spatens, Weltmann und Weiser in einer Person! Persönlichkeit läßt sich nicht nachahmen. Jede wahre Persönlichkeit ist etwas einzigartiges. Kristeller war eine einzigartige Persönlichkeit. Aber nachstreben wollen und sollen wir ihm, die wir in ihm das Bild eines aufrechten, stolzbescheidenen Juden erbltdCeu durften, das verehrungswürdige Bild eines selbst den übelwollensten Feinden durch innere Hoheit imponirenden Ehrenmannes von silberner Fleckenlosigkeit. Gin neuer Pentateuch-Kommentar. Von Dr. S. Bernfeld. mir liegt ein neues und jedenfalls sehr eigenartiges Buch, das ich mit immer steigendem Interesse zu Ende gelesen habe. Es ist dies ein hebräisch geschriebener Kommentar zu den fünf Büchern Moses *). Bei diesem Kommentar wird man nicht mit dem Talmud fragen dürfen: üfl» pn (Eulen nach Athen tragen)? Denn obwohl die Litteratur auf diesem Gebiete sehr reichhaltig und fast unübersehbar ist, wird man bei aufmerksamer Prüfung des Buches eine Fülle von neuen und höchst trefflichen Erklärungen finden, wodurch uns erst der biblische Text verständlich wird. Der Verfasser giebt in der Vorrede und an mehreren Stellen seines Buches an, daß er sich von der Tradition der religiösen sowohl wie auch der wissenschaftlichen, völlig emanzipirt hat. Er wollte die Bibel nach ihrem Wortsinn erklären, ohne Rücksicht auf irgend welche Tendenz. Unstreitig ist er dazu berufen, da ihm nicht nur die Kenntniß vieler Sprachen, insbesondere aber die der arabischen, zur Seite steht, sondern auch ein tiefes Verständniß der hebräischen Sprache und deren feinsten syntaktischen Nuancen nachgerühmt werden muß. Dies ist auch, wie ich gleich hervorheben will, die starke Seite des vorliegenden Buches. Der Verfasser giebt uns oft eine sehr gelungene Erklärung für manche dunkel gewesene Bibelstelle, die uns nun jetzt aufgehellt wird. Es ist hier nicht der geeignete Ort, auf diese Einzelheiten einzugehen. Für jeden Kenner der hebräischen Sprache liegt in dem Buche eine Fülle von Anregungen vor, denen nachzugehen es sich gewiß verlohnt. Wie bereits hervorgehoben, hat sich der Autor von der Tradition gänzlich frei gemacht. An vielen Stellen des Kommentars bittet er die Leser um eine unbefangene Prüfung seiner neuen Ansichten, die auf den ersten Blick vielleicht befremden dürften. Von einer Befangenheit nach dieser y Der Titel lautet: 1ÖHPB3 (Die Schrift nach ihrem Wortlaut). Scholien und kritische Bemerkungen zn den heiligen Schriften der Hebräer. Erster Theil: Der Pentateuch. Von Arnold B. Ehrlich. Berlin 1899. M. Poppelauers Buchhandlung. Richtung weiß ich mich frei, und sollte ich vielleicht doch irgend welches Vornrtheil gegen manche Aeußerlichkeit des Buches — auf die einzugehen ich nicht für passend halte — gehegt haben, so darf ich sagen, daß schon die ersten lichtvollen Bemerkungen dieses Borurtheil in eine freudige Ueberraschung verwandelt hat. Ich gebe zu, daß ich die hebräische Sprache nicht nur als die Sprache der Bibel, sondern auch deren poetischen Schönheit lvegen liebe. In unserem Autor fand ich einen Gesinnungsgenossen, dem ich manche Belehrung auf diesem Gebiete verdanke. Dies soll ihm bei meiner Besprechung seines Buches unter allen Umständen zu Gute kommen. Denn ich darf nicht verschweigen, daß Herr Ehrlich, der für sich unbefangene Prüfung seiner Ansichten erbittet, gegen die alten jüdischen Kommentatoren sehr unbillig ist mld eine nichts weniger als würdige Sprache führt. Wozu dieser gehässige Ton? Raschi und Jbn Esra haben für die Verdeutlichung des biblischen Schriftthums sehr viel gethan. Daß sie oft nicht das Richtige getroffen, darf ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Merkwürdiger Weise ist der Autor oft der Wahrheit nahe gekommen, die ich in verschiedenen Abhandlungen vertreten haben, daß nämlich in der agadisch gefärbten Erklärung der Bibel, namentlich des geschichtlichen Theiles des Pentateuchs, viel mehr Wahrheit zu finden ist, als in der philologischen Zerfaserung des Schrifttextes. Die Agada giebt sehr häufig den Grundton der biblischen Erzählung richtig wieder. Der Verfasser selbst weist auf manche feine Bemerkung der Agada hin, die das Schriftwort richtig erfaßt hat. Dies ist um so wahrscheinlicher, als die Agadisten dem Genius der Sprache und des Volkslebens näher standen als j die späteren Erklärer. Nichtsdestoweniger spricht aber Herr Ehrlich überall, wo er eine von der Alten abweichende Meinung hegt, von jenen im wegwerfenden Tone, wodurch der eminent wissenschaftliche Werth des Buches herabgesetzt wird. Der polemische Theil des Kommentars ist zum mindesten überflüssig, für Viele aber gewiß störend. In der Auffassung der Eutstehungszeit des Pentateuchs steht der Autor ganz auf dem Standpunkte Wellhausens.! Dieser ist aber sehr einseitig, und da der Autor sonst mit Hellen Augen alles selbständig zu prüfen sich angeschickt hat, so dürfte er sich doch konsequenter Weise auch von Wellhausen! emanzipiren. Gesetzt den Fall, daß die assyriologische Schule! mit ihrer Rettung der Bibel zu weit geht — eine Ansicht übrigens, deren Vertreter immer weniger werden—; jedenfalls * kann man doch nicht mehr ohne weiteres von der Entstehung! aller Partien des Pentateuchs im babylonischen Exil sprechen.! Auch wittert unser Autor, darin ebenfalls den Herren Weühausen, ' Nöldecke und ihren Nachbetern folgend, überall „Tendenz-! schriftstellerei". Ein Mann, der seine Freude darüber aus- * drückt, nicht wortklaubender Philologe geworden zu sein, da j ein solcher aus lauter Kritik den Text im Zusammenhänge j nicht verstehe, ein solcher Mann sollte doch die biblische ' Geschichtsdarstellung besser verstehen.! Im Uebrigen kann ich bei dieser Gelegenheit nicht den [ Vorwurf unterdrücken, daß der Verfasser den Masforeten ent- 1 schieden Unrecht thut und auch die Aufgaben der Punktatoren j und Accentatoren nicht.richtig verstanden hat. Vor allem! waren diese von der talmndischen Tradition gar nicht abhängig,; wie Herr Ehrlich meint; im Gegentheil, sie küuunerten sich sehr i selten tum den babylonischen Talmud, dessen Ansichten sie fast; nirgends berücksichtigten. Außerdem hat schon S. Pinsker vor

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