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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-31 · Heft 35 (31.8.1900) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
Seite 416 (sequence 10)
Language
German
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416 haben in beit letzten Jahren sie ihm häufig erpreßt! Mußte er doch in seinem eigenen Vaterlanbe, bem er mit glühender Seele anhing, für besten Wohlfahrt und Ehre er Anerkanntes geleistet hatte, erleben, daß der Judenhaß mittelalterliche Orgien feiern durfte. Aber Kristeller ließ sich nicht von noch so gerechtfertigter augenblicklicher Niedergeschlagenheit besiegen: er gehörte zu den ersten, die im Verein mit gleichstrebenden Hochgesinnten im Dezemlerkomitee von 1880 sich zur Abwehr antisemitischer Angriffe in die Bresche stellten. Aber er erkannte bald, daß mit der Verfolgung antisemitischer Ausschreitungen, mit litterarischer Widerlegung, so berechtigt, so wahrhaftig, so scharfsinnig sie auch sei, daß selbst mit der wohlgemeinten Unterstützung edler Andersgläubiger es allein nicht gethan ist. Im Zusammenschlüsse aller deutschen Juden, in ihrer moralischen Aufrichtung und sittlichen Veredelung erblickte er das Mittel, lticht um den vererbten, jahrhuuderte alten Haß und seilte feindseligen Aeußerungen abzuwettden, wohl aber, ttm die innere Widerstandskraft der Verfolgten zu befestigen, auf daß kein feindlicher Anprall sie zu besiegen, daß inmitten der Roth und dem Drattge der trüben Gegenlvart zu einer besseren Zukunft der Grund gelegt werde. Diese seine Auffassung zu verwirklichen, sollte ihm bald Gelegenheit geboten werden. Zu Beginn des Jahres 1882 wurde der damals in Leipzig domizilirende Deutsch-Israelitische Gemeindeburtd auf Grund des sächsischen Vereinsgesetzes gezwungen, einen attderett Sitz für seine gemeinnützige Thättgkeit zu suchen. Sorgenvoll spähte der damalige Präsident Jakob Nachod umher, wo er für das Schmerzenskind eine Zuflucht fände. Berlin, oder sagen wir Geheimrath Kristeller nahm es auf, nahm es in seinem eigenen Hause auf und hütete es und pflegte es und zog es groß zum Heile der deutschen Judenheit. Wer wäre für diese große Aufgabe berufener gewesen? Es bedurfte eines Mannes, der Thatkraft mit idealem Sinne, Liebe zum Judettthum mit Verstültdrtiß für alle Anforderungen der Gegenwart, strenge Unparteilichkeit mit detn Besitze einer eigenen, in sich geschlossenen, hochgeachteten Persönlichkeit verbinden kottnte. Diese seltene Vereinigung von Eigenschaften, die eine leitende Persönlichkeit aufweisen muß, vermochte der neue Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes in ungewöhnlichent Maße zu bieten, und bertthigt konnte der edle Nachod bald darauf seine Augen schließett; sein geliebter D.-J. G.-B. war in guter Hut. Dem neuen Präsidenten gelang es bald, sich einen Stab tüchtiger Mitarbeiter zu gewinnen, aber die Seele des Bundes blieb Kristeller in dem Maße, daß eine erschöpfende Schilderung dieses Theiles seiner Wirksamkeit einer Geschichte des Deutsch- Israelitischen Gemeindebttudes gleichkäme. Darum sei hier nur hervorgehoben, aus welchenGebietenKristellerNeues geschaffen hat. Da ist vor allem die segensreich wirkende, unter dem Protektorate des damaligen Kronprinzenpaares stehettde und nach ihm Friedrich - Wilhelm-Viktoria - Stiftung benannte Versicherungsuttd Pensionskasse für jüdische Kultusbeamte. Unermeßlich ist der Segen, beit diese Stiftung übt, und den vielen Hunderten, tneist bedürftigen Gemeinden ist eine ihnen kaunt erfüllbare moralische Pflicht erleichtert, zahlreichett Familienvätern ist die schwerste materielle Sorge für den Fall ihrer vorzeitigen Abberufung genommen, und mit leichterem Muthe vermögen sie sich den schweren Pflichten ihres Amtes zu widmen zum Heile des Judeuthums. Desto lebhafter empfand der Begründer dieser segensreichen Institution die große Verantwortung, die er auf sich genommen hatte; wie manchen Tag hat er an der Schaffung dieser Organisation gearbeitet, wie manche Nacht sorgenvoll durchwacht! Eine Lieblingsaufgabe, der sich Kristeller mit erklärter Vorliebe widmete, ist die Hinlenkung der jüdischett Jugend zu den Berufsarten, die aufBethätiaung der körperlichen Fähigkeiten beruhen, sei es das Handwerk, sei es die Technik. Wie er selbst von schwerer geistiger Arbeit Erholung im Garten suchte, den er mit seinem Spaten umgrub, oder an der Drechselbank, an der er wie ein berufsmäßiger Handwerksmeister künstliche Gebilde aus Holz zu schaffen wußte, so erblickte der scharfsinnige Arzt in der Beschäftigung mit Händearbeit überhaupt ein Regenerationsmittel für so viele unserer durch zu viel geistige Anstrengung tmb sorgenvolles Streben körperlich geschwächtett Glaubensgenossen. Daher widmete er sich der Heranbildtmg vott Handsertigkeitslehrern, daher konnte ihm zu seinem siebzigsten Geburtstag durch seine Kollegen keine größere Freude bereitet werden als durch die Gründung der „Dr. Samuel Kristeller-Stiftung zur Förderung des Handwerks unter den Juden". Daß die geistigen Aufgaben darüber nicht vernachlässigt wurden, versteht sich bei einem Vorsitzenden, der auf so vielen geistigen Gebieten selbständig arbeitete, namentlich aber von frühester Jngettd an den religiösen und moralischen Fragen seitt lebhaftestes Interesse zuweudete, von selbst. Hierher gehört Kristellers Mitarbeit in der Gemeinde- Unterstützungs-Kommission für Ertheilung des Religions-Unterrichts in kleinen Gemeinden, namentlich aber seine eigenen, der Ethik des Judenthums gewidineten Schriftchen, die bei aller Kürze in ihrer Art Meisterwerke genannt zu werden verdienen: seine poetische Uebertragung der Pirque Aboth und seine Sammlung von „Belegstellen" zu den vom D.-J. G.-B. herausgegebenen „Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre". Da beide Schriftchen unseren Lesern wohl bekannt sein müßten, so erübrigt es sich, an dieser Stelle eine Würdigung derselben zu geben. An seinent siebzigsten Geburtstage, der ihm zahlreiche wohlverdiente Ehren brachte, gab Geheimrath Kristeller seine ärztliche Praxis auf, um sich ganz den Wohlfahrtsbestrebungen, namentlich dem D.-J. G.-B. zu widmen. Hier arbeitete er alltäglich mehrere Stunden, alles selbst anorduend, über den großen Aufgaben die kleinstett nicht vernachlässigend. Hier empfing er am liebsten die zahlreichen Besucher, und wem es auch nur einmal vergönnt war, dem imponirenden alten Herrn mit dem glänzenden Silberhaar, mit den jugendlich strahlenden blauen Augen, mit dem liebenswürdigen Zuge um die feinen Lippen, den ehrwürdigen Greis, den seine straffe Haltung höher erscheinen ließ, als sein mittelgroßer Wuchs es gethan hätte, zu sehen, wer seinen freundlichen, wohlwollenden, erfahrenen und den tief denkenden Mann verrathenden Worten auch nur einmal lauschen konnte, wird eine solche Stunde im Bortragszintmer des D.-J. G.-B. zu seinen schönsten Erinnerungen zählen. Von den unvermeidlichen Gebrechen des Alters gezwungen, legte er im Jahre 1896 den Vorsitz des D.-J. G.-B. in jüngere, rüstigere Hände; mit seinem Rathe und seiner Erfahrung stand er, der nunmehrige Ehrenpräsident, ihm bis zuletzt nahe. Bis zu seiner letzten Krankheit hat Kristeller an seinen hmnani-

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