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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-31 · Heft 35 (31.8.1900) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
Seite 412 (sequence 6)
Language
German
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412 für Wahrheit und Recht durchdrungen. der ihn antrieb, sich auch in die jüdische Litteratur zu vertiefen. Unterstützt von großer Begabung, war Solowjew bald der hebräischen Sprache vollständig mächtig, so daß er den Talmud im Urtext studiren konnte und auch wirklich studirte, um sich ein objektives Urtheit zu bilden. Seine tiefer! Kenrrtnisse des Juderrthums veranlaßten ihn in seiner Liebe für Wahrheit und Recht für die in Rußland verfolgten urrd arg verleurndeterr Juden bei jeder Gelegenheit einzntreten. Berühmt sirrd seine Schriften „Das Judenthum und die christliche Frage", „Der Talmud und die jüngste polemische Litteratur über denselben irr Oesterreich-Ungarn", sowie seine Streitschrift gegen Dinrinski, den Rohling Rußlands. Endlich schrieb Solowjew „Ueber den Nationalismus irr Rußland", wo er das Berhältniß der russischen Chauvinisten zrr den Juden ins Helle Licht setzte. Irr Solowjew verliert die russische Judenheit einen ihrer edelsten und eirrflußreichsten Bertheidiger, desserr Stimme bei allen Männern Gehör fand, welche Eigennutz und Menschenhaß für die Stimrrre der Wahrheit noch nicht ganz taub gerrracht haben. i Ueber die Juden in China laufen jetzt allerlei seltsame und unkontrolirbare Meldungen durch die europäische Presse. Ein Vertreter der „Daily Chronicle" hatte sogar den Eirrfall, den chinesischen Gesandten in Londorr, Mr. Chichen Lo-Feng-Luh darüber zu intervierverr. Die Nachrichten, die er dabei erhielt, sind interessant. In Kai-fong, Provinz Honan am Whaug-ho (Gelber Strom) existirt seit undenklichen Zeiten eine beträchtliche („important") jüdische Kolonie. Ihre unmittelbar am Wasser gelegene Synagoge hatte mehrere Male von Ueberschwemmungen dieses Flusses zu leiden gehabt. Bon den Chinesen werden sie als Angehörige ihres eigenen Volkes betrachtet. „Sie werden von uns sehr geschätzt und respektirt," betheuerte der Botschafter, „sie leben in Freundschaft mit uns und erfahren nicht die mindeste Anfechtung. Selbst zu dem Examen werden sie zugelassen, und, wenn sie dieses bestehen, auch zu allen Aemtern. Ebenso wie ich, so kann auch ein Jude bei uns, falls er sämmtliche vvrgeschriebeneu Prüfungen besteht, Mandarin und selbst Bizekönig werden." Die Verschiedenheit der Religion ist also in China kein Grund zur Feindschaft, da die Chinesen auf die Art, wie Jemand seinen Gott verehrt, wenig Gewicht legen. Ueber die Zahl der Juden in China konnte Mr. Chichen keine näheren Angaben machen. Im Uebrigen enthält eine neue Schrift von A. K atz, auf die wir noch zurückkommen, über dieses Thema alles, lvas über die Juden in China aus authentischen Quellen festzustellen war. Gatisten und Rumänien. Von Dr. Er u st Tu ch. noch nie wies die Weltgeschichte ein so imposantes Schauspiel auf, wie das, welches wir jetzt in China ^0 vor unseren Augen sich entfalten sehen: Ein Erdtheil im Kampf mit einem anderen, eine Kultur kämpfend gegen die andere, eine Rasse gegen die andere! Die gespannte Aufmerksamkeit aller Völker richtet sich nach den Orten, wo jetzt das Schicksal ungezählter Millionen sich vorzubereiten scheint. Man will Thaten sehen, will Aufregung haben, um die quälende Unruhe über die zukünftigen Schicksale loszuwerden. Ein bekannter Schriftsteller sagte: Zweien wird dieser Krieg augenblicklich von Vortheil sein: den Boeren und den Juden, denn gegenüber den gewaltigen Erschütterungen, welche dieser Weltkrieg erzeugen wird, werden die inneren Zwistigkeiten zusammenschrumpfen, man wird ihnen kaum noch Beachtung schenken. Er hat in gewissem Sinne recht behalten. Wer hat heute noch großes Interesse am Boerenkrieg und an dem schamlosen Treiber! der Antiserniten in Könitz? Dennoch darf in jenem Satze das Wort „augenblicklich" nicht übersehen werden. Augenblicklich sieht und hört man nur „China", aber neben diesem großen allgemeinen Interesse werden auch die inneren Fragen mit der Zeit sich wieder geltend machen und ihre Ansprüche erheben. Darm werden viele urit erstarrrrten Augen vor einer Gestaltung der Dinge stehen, die unbeachtet, rrnbewacht vor sich ging. Mancher rvird sich fragen: wie korrnteu wir so lange unsere eigensten Angelegenheiten außer Acht lassen? Verschiederltlich ist darauf hingewiesen worden, wie von gewisser! Kreisen, die hier nicht weiter angedeutet zu werden brauchen, der Kriegstaurnel absichtlich geschürt wird, um dabei im Trüben fischen zu körrnen. Politische und wirthschaftliche Gruppen trachten mit Leidenschaft nach unbemerkter Ausbeutung der Vorgänge zu ihren Gunsten. Wie man nun zu allen Zeiten Günstiges und Schlimmes zürn Nachtheil der Juden verwendet hat, so wühlt auch jetzt geheim und behutsanr der Antisemitismus im deutschen Vaterlande nur um so gefährlicher. Schon jetzt fallen Andeutungen über „Ritualnrorde", welche nächste Ostern aufgedeckt werden sollen! Wir Juden befinden uns in einer doppelt und dreifach schwierigen Lage. Wir haben ein zweifaches China, eins in Asien, ein anderes in Europa, wo es Ruinänien heißt. Und wie die Welt im allgemeinen über China manche wichtige Dinge vernachlässigt, so sind auch wir durch die schreckliche Judenverfolgung in Rumänien völlig taub und blind geworden für alle anderen Gefahren, die uns umtosen. Wenn aber einst die rumänische Gefahr beseitigt oder doch wesentlich gemildert sein wird, und die Judenheit glaubt, in dieser Hinsicht erleichtert aufathmen zu können, dann werden wir plötzlich gewahren, was in der Zwischenzeit außer Acht gelassen wurde, daß wir nämlich vor einer Schar feindlicher Elemente stehen, die unbemerkt zu riesigen Gegnern sich answachsen konnten. In einem überaus beherzigenswerthen Artikel, „Rumänien oder Galizien?" in einer der letzten Nummern dieses Blattes, der mit Ernst und Sachkenntniß geschrieben ist und von edelsten! Willen des Verfassers Zeugniß ablegt, weist S. M. Lasar mit überzeugender Schärfe nach, wie trostlos das Elend in Galizien ist, und wie entsetzlich es wäre, wollte inan sich hierüber einer Täuschung hingebeu. Welch schwerer Vorwurf liegt in jenen Sätzen: „Die Lage der 16000 Juden in Persien kennt Jeder, der eine jüdische Zeitung zu lesen Gelegenheit hat; alles, was dort unsere Glaubensgenossen zu leiden haben, macht blitzschnell über Paris oder London die Runde durch die Zeitungen; lvas die 800000 Juden in Galizien in Mitteleuropa machen, weiß Niemand, da dieselben nicht den Vortheil haben, sich ihr Recht mit Hilfe eines ausländischen Konsuls wie ihre Brüder in Asien und Afrika zu verschaffen, und keine Zeitung aller Herren Länder, auch galizische nicht ausgenommen, kann sich rühmen, in Galizien einen Berichterstatter in jüdischen Angelegenheiten zu haben." Und die galizischen Juden selbst, so

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