Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 K Königsberg i. P, 21. August. Gestern feierte hier der bekannte Politiker und Schriftsteller Dr. med. Ferdinand Falk soll m voller geistiger Frische unter allgemeiner Theilnahme seinen achtzigsten Geburtstag. Derselbe »vurde am 20. August 1820 hier geboren. studirte von 1838 bis 1842 an der hiesigen und der Berliner Universität und ließ sich ein Jahr darauf hier als praktischer Arzj nieder. Keinem, der in ben letzten fünfzig oder gar sechzig Jahren seine Aufmerksamkeit denl öffeiiUirfjeit Leben Kölligsbergs schenkte, ist die ehrwürdige Gestalt, die geistige Persönlichkeit Falksons ullbekannt geblieben; ja, weit über die Stadt Hinalls hat fein Name guten Klang, wenn auch feine rastlose Thätigkeit als Politiker, Schriftsteller, Redner nlld Arzt in erster Linie stets seiner Heimath zu gute gekommen ist. Jll den Vordergrund der Oeffentlichkeit trat F. zuerst durch eine Welldung seiner persönlichen Schicksale. 1844 hatte er sich mit einer Christin verlobt, konnte aber die Eheschließung, obwohl er den Jllstanzellweg bis hinauf zuin Throne beschritt und trotz einer diesdiesbezüglichen Petition des preußischen Provinziallalidtags nicht erreichen. Endlich machte er kurzen Prozeß und ließ sich 1846 in Hüll von einem anglikanische»» Geistlichen als Jude trauen. In Kölligsberg aber »vurde gegen ihn Anklage wegen Nichtigkeit dieser Ehe erhoben, die Ehe thatsächlich allch für llichtig erklärt und das Erkenntniß von» ostpreußischen Tribunal bestätigt. 1849 nahm die Staatsanwaltschaft bie Klage zurück und erklärte beu Klagegrund durch die Bestimmunge»» de? inzwischen erlassenen Verfassung für beseitigt. Das Obertribunal hob 1849 die früheren Erkenntnisse auf und stellte fest, daß es bei der Erklärung des Staatsanlvaltes fortan sein Bervenden haben solle. Der Fall, der dem Betroffenen Anlaß zll den Schriften „Genlischte Ehen zlvischen Judeil und Christen" und „Emanzipation der Juden und der Denkenden" gab, ist in viele juristischen Lehrbücher übergegangen und lvlirde lebhaft erörtert. Treitschke hat den Fall allch in seiner „Deutschen Geschichte" in schiefer Weise und lmter vollkomniener Verkellnung der Motive dargestellt. F. gehörte stets zu ben Vertretern des entschiedenen Liberalislutts, später zur Sezession. Als Dichter lmd Schriftsteller hat er einen guten Namen. Schon 1844 gab er Gedichte heraus. Außerdem sind voll ihm Neiseschilderullgeu. politische mld litterarische Schriften erschienen. Seine letzte Arbeit war eine Art Memoirenlverk: „Die liberale Bewegung in Kölligsberg" (1888). Dell städtischen und gewerblichen Angelegenheiten lvaudte er stets sein Interesse zll; so war er lällgere Zeit Vorsitzellder des großen Halldwerkervereins und ist seit 1861 auch Stadtverordneter. Vor süllfzehil Jahren zum Stadtrath vorgeschlagen, lehnte er diese Ehrung ab. Trotz all dieser Liebliugsneigullgen und Nebenbeschästiguugell hat F. seinen ärztlichen Berns doch nie leicht genommen. In seiner langell ärztlicheil Thätigkeit war es für ihll die erhebendste Freude, fünfzig Jahre dem Israelitischen Verein für Beerdigung nlld Kraukellpflege seine Dieilste widmen zll können, nlld als er 1894 lvegeu abllehmeuder Kraft seine Elltlassuug nahm, ehrte ihll auch dieser Verein, dessen Ehrenmitglied er schon seit 25 Jahren war, durch eine besondere Veranstaltung nub sinnige Festgaben. I. Könitz, 16. August. Die hiesigen G e r i ch t e haben sich jetzt fast llllallsgesetzt mit Strasthatell zu beschäftigen, die mit der Winterschen Mordsache uild den Ausschreitungen in irgelld einem Zusammenhang stehell. So stand heute vor der Ferienstraskammer als Berufullgsinstanz der Arbeiter Pikarski, ben das Schöffengericht wegen Gefangenenbesreinllg it nb Widerstall des zu vier Wochen Gefängniß verurtheilt hatte. Die Strafkammer verwarf die Berufung, ebenso auch die des Stellmachers Maschke, der wegen Beleidigung des Polizeikommissars Block zu 30 Mark Geldstrafe verurtheilt worden lvar. Der Sattlerlehrling Krause alls Hammersteiu war mit 18 Mark bestraft worden, tveil er all seinem Wohnort das Fenster einer in demselben Hause lvohneildeu jüdischen Familie eingeworfen haben sollte. Das corpus delicti, ein halber Mauerstein, rvohl geeignet, das Leben einer im Zimmer befindlichen Person zll gefährden, war zur Stelle. Die betreffende Wohnungsinhaberin beschwor wiederllm, den ihr sehr gut bekannten Krause, dem das Licht einer Straßenlaterne voll ins Gesicht schien, gailz deutlich als Steinwerser erkannt zll habeil. Zwei Entlastungszeugen bekundeten, daß Krallse, mit dem sie allerdings nicht unullterbrochell zusammen gelveseu waren, nicht geworfen habe. Auch hier wlirde das erstinstanzliche Urtheil bestätigt. Ferner erschien vor den Schranken der jüdische Händler Ehrlich, der einen Anderen geschlagen hatte, nachdem dieser ihn als Mörder bezeichnet und auch olist beschiulpst hatte. Das auf drei Wochen Gesängliiß lautenbe Urtheil wurde gleichfalls bestätigt. — In der letzten Schöffengerichtssitzung »vurde wieder ein füllszehnjähriger Junge wegen Betheiliguug an den Krawallen zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. — Nach einer eben eingegangeuen Entscheidung übernimmt der Militärfiskus die Einquartirungskosten für das null nahezu drei Monate hier befindliche Bataillon. Dadurch wird der Stadtgemeinde eine große Last abgenommen, bedeutend sind aber trotzdem immmer noch die Opfer, die von den einzelnen Bürgern aufzubringen sind. Die jedeslilalige Eiuquartirullgszeit erstreckt sich auf drei bis vier Wochen, es »verden null bald wieder Diejenigen bedacht werden rnüffen, die in der ersten Zeit zur Ausllahme des Militärs herangezogen worden lvarel». Ein noch tieferer Griff in den Geldbeutel ist somit die Folge der vorgekvllunenell Ausschreitungen. — Ein Gymnasiast »vurde gesterl» mit einigell Stullden Karrer bestraft, außerdem mürbe ihm das consilium abeundi zu Theil; er hatte eine junge jüdische Dame auf der Straße beleidigt und weigerte sich dern Direktor gegellüber ganz entschiedell, Abbitte zu l e i st e n. Der Vorgang ist charakteristisch für das ben jungen „Urgermanen" innewohnende Taktgefühl. — In der Schöffellgerichtssitzung vom 18. d. M. »vurden vier mit der Konitzer Mordaffäre nllmittelbar im Zusanpuenhange steherlde Strafsachen verhaildelt, voll dellen eine (gegen den Fleischer Jakob Heymanll) vertagt rverden mußte. Die erste, gegen die Arbeiter Ließ und Michalski aus Kvllitz gerichtete Sache — Beide sollen am 10. Juni d. I., dem Tage des großen gegen die Juden gerichteten Straßenkralvalles. der dreimaligen Aufforderung des Kreislandraths Freiherrn von Zedlitz nicht Folge gelelstet nnb sich dadurch des Allslaufs schuldig gemacht habe»l, — endete mit der Verllrtheitllllg Liet/ zu 10 Mark Geldstrafe, eventuell 2 Tagell Gefängniß, Michalkis zu 20 Mark Geldstrafe eventuell 5 Tagen Gefängniß. — Als der Fleischermeister Hoffrnann eitles Tags im Mai oder Juni dieses Jahres am Geschästslokale des jüdischen Kaufmanns Selig Zander vorüberging, soll Zander zu dem Hauptsteueramtsdiener Herma»»n Schönrock geäußert haben: „Seher» Sie, da geht der Mörder.' Dem kanrl mau es am Gesicht ablesen, daß er der Mörder des Winter ist!" Nach erhaltener Kenntnis; hiervo»» erhob Hoffinallll gegell Zander Privatklage. Nachde»»» im heutlgen Termill der Zeuge Schöllrvck die Aerlßerllilg unter feinem Eide lviedergegeberl hatte, lvlirde Selig Zander zll 200 Mark Geldstrafe, eveiltuell 40 Tage Gesällglliß verurtheilt. — Aus Anlaß des Prozesses des Kauf»»»an»»s D. Lew in in Könitz gegen den Oberlehrer Dr. Hofrichter, jetzt in Neustadt, Westpr., — »vegen Beleidigllng — (es handelte sich damals unr die Aenßerung des Herrrr Hofrichter: „Ich gebe Jemande»»», der einem Juden die Hand gegebell, llicht die Hand!") »velcher mit Ablveisurlg der Klage des Lelvin e»ldete, hat der jüdische Damenschlleider A. Segall in Berlin (Lothri»»gerstraße 32), all Hofrichter einen Brief beleidigenden Inhalts gerichtet unb darill unter anderem die Thätigkeit des Herrn Hoffrnann mit dem chinesischen Boxerthum vergtichell. Unter Zubilligung mildernder Umstände »vurde Segall »vegell Beteidigllllg zu 75 Mark Geldstrafe, eveiltuell 15 Taget» Gesängniß verurthellt. Das sind die Nachweheu der böse»» Hetze, die hier »loch lange llicht ihr Ende erreicht hat. L. Schneidemühl, 20. August. Bei dem au» 14. d. AL. tu Lübben (Lausitz) stattgehabten Königsschießen des dort garnisonirenden Jägerbataillolls errang Hugo Lewitzki ans Berti»», Sohr» des Kantors Lewitzki, der augellblicktich die hiesige Kantorstelle vertretullgsweise verwaltet, alle drei ausgesetztel» Preise. Der erste von der Jnspektioll gestiftete Preis bestand in eine»»» prachtvoller» Bilderatbum, der zweite, vor» der Kompagllie gestiftete, ebenfalls in einen» Album mit Silberbeschlägen, itnb der dritte, der Staatspreis, aus einer Butterglocke mit silbernem Untersatz. Lewitzki wurde mit Guirlanden geschnlückt und mit Musik »»ach der Kaserne gebracht, »voselbst das Bataillo»» im Parademarsch vor dern glücklichen Schütze»! vorbeimarschirle. — Felix Sornmerfeld. Sohn des Mühlenbesitzers Isidor Sommerfeld, aus bem eine halbe Stunde von hier liegenden Borkelldorf, der in Bromberg bei den» dortiger» Infanterie-Regiment seiner Militärpflicht genügte, hat sich sreiwillig nach China gerneldet und ist bereits aus dein Wege dorthin. S. ist Gefreiter und Kapitulant. Die antisemitischel» Blätter können sich beruhigen. Interessant »väre es, zu erfahre»!, rvieviel Angehörige antisemitischer Agitatoren nach China freiwillig gehen. i. Bremen, 21. August. Der Direktor des „Norddeutschen Lloyd", Herr v. Helniolt, hat an unseren Rabbiner Dr. Rosenack das folgende interessante nub in hohem Grade beachtenswerthe Schreiben 6