Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Itr. 34. Berlin, 24. Äugnst l‘JO0. Der Grmeindebate. Weikrge zur: „Akkgemeinen Zeitung -es IuöenLHums". Korresponderrzen und Nachrichten. Deutschland. S. Berlin, 19. August. In der hiesigen Knabenschule der jüdischen Genreinde fand heute Vormittag eine erhebende Trauerfeier zum Gedächtuiß für den kürzlich verstorbenen Lehrer Herrn Raphael Cohn statt. Die Aula war zu diesem Zwecke in würdiger Weise dekorirt worden, die Wände und das Rednerpult waren schwarz ausgeschlageu. und aus großen schwarzumflorten Kandelabern gaben die Kerzen dem düsteren Raume die Beleuchtung. Zur Feier hatte sich eine zahlreiche Trauergemeinde eiugefunden. Außer dem Kollegium der Knabenschule war noch das Kollegium der Mädchenschule, der Lehrerbildungsanstalt und der ersten Religionsschule, an der der Verstorbene ebenfalls Lehrer gewesen war, vertreten; wir bemerkten ferner die Leiter der drei Waisenhäuser, Leiter und Lehrer der Taubstummenanstalt, den Leiter der Charlottenburger Religionsschnle, und neben alten Freunden des Verblichenen viele ehemalige Zöglinge der Lehrerbildungsanstalt : welche zum Theil selbst schon an der Spitze gemeinnütziger Institute oder Schulen stehen. Von Angehörigen des Verstorbenen waren der Schwiegersohn mit Frau anwesend. Die Feier wurde von dem aus den Schülern der Knabenschule und den Zöglingen der Lehrerbildungsanstalt gebildeten Chor mit „Es ist bestimmt in Gottes Rath" eingeleitet. Alsdann entwarf Rektor Dr. Holzmann in glänzender und warmempsundener Rede ein Lebensbild des Dahingeschiedenen. Er berichtete, daß der Verstorbene bereits, während er die Elementarschule seiner Heimath besuchte, Talmudstudien betrieb, wie er alsdann in Obersitzko den Entschluß faßte, Lehrer zu werden, wohl zum Theil dadurch bewogen, daß damals die Gemeinden Posens dank der Flottwellschen Verordnung vom 1. Juni 1833 mit allem Eifer sich der Erziehung der deutschen Juden widureten. Später kam er nach Berlin und besuchte das jüdische Lehrersemillar, das unter der Leitung von Zunz stand. Im Jahre 1852 trat er in das Kollegium der Knabenschule ein ulld mlterrichtete auf verschiedenen Stufen in verschiedenen Fächern. Ununterbrochen seit dieser Zeit blieb seine Thätigkeit in der untersten Klasse, ulld hier zeigte er sich als der Meister des Lehrfachs Mit berechtigtem Stolz sah das Kollegium ben ältesten und au Erfahrung reichsten Lehrer bei ben jüngsten Schülern. Der Redner gab alsdalln eilte psychologische Analyse des Wesens des Verstorbenen m:b rühmte ihm Wahrhaftigkeit, echte Demuth und Bescheidenheit und thatkräftige, umfassende Meilscheuliebe nach. Aus dieser Wahrhaftigkeit ergab sich danll auch seine große Bedeutung als Lehrer wie als Amtsgenosse. Seine Erfahrungen warell nicht ein roh zusammellgetragelles Material, sondern der wohlgeordllete Erlverb eines Mannes, der die wullderbare Fähigkeit besaß, sich nicht nur in den Geist, sondern auch in das Genlüth der Kinder zu versetzen und Kind mit ben Kindern zu sein, welche er fast nrit mütterlicher Sorgfalt und Zärtlichkeit behaildelte. Die Liebe, die er durch feine Liebe sich erwarb, verblieb ihm später auch als unverlierbares Besitzthunl, und die seinem Unterricht lällgst Elltwachsenell Hillgen ihm noch in vertraulicher Liebe und aufrichtiger Verehrung an. Als Anltsgenosse entfaltete er ebenfalls glänzende Eigenschaften. In den gemeinsamen Berathungell des Lehrerkollegiums lauschte man gern seinem Ralhe, der immer die Frucht seines milden und gerechten Sinnes war, — wie denn überhaupt seine hervorragende pädagogische Begabung eigentlich feiner allgemeinen Menschenliebe, seinem Genlüthe entsprang. Als der wahrhaftige ulld edle Mensch war er auch geradezu der Herzensvertraute vielen feiner Kollegen geworden. Mit anerkennenden Worten hob der Redner endlich die Unterstützung hervor, die er in seinen Direktorialgeschäften durch Rath und That des Verblichenen in hervorragellder Weise erfahren hatte. Mit dem Fleunning'schen Chor „Ueber den Sternen" endete die würdige und stilnnlUllgsvolle Feier. 22 Berlin, 19. August. Von allen Seitell erhalten wir Mittheilungeu über jüdische Freiwillige bei dem Expeditionseorps, das nach Chilla geht. Hier in Berti n hat sich Dr. phil. Martin Meyer, Unteroffizier der Reserve bei der Garde-Cavallerie, gemeldet, iil Schöneberg Ellgen Rosen bäum, in La lldsb erg a. W. Karl Grod dek. der als Torpedomafchinenmaat bei der II. Abtheilnng I. Kompagllie aus dem Torpedoboot Nr. 94 bient, in G r a n denz Bernhard Wolf bei der leichten Kolonne des ostasiatischen Feldartilleriereginn nts, in Bronrberg Felix Sommerfeld. in Krotoschin der Füselier A r t h u r L e i s e r vom 35. Inf.-Reg., in L i i f a der Gefreite Emil Herrenstadt vom 3. Bataillon des 50. Jnsanterie- Regilnents. in Hamburg Paul Fröhlich voll der II. Kompagnie des 53. Infanterie-Regiments, dem die Prinzessin Victoria, die Schwester des Kaisers, vor der Abreise nach China am 2. d. M. ihr Bild mit eigenhäildiger Ramellsllllterschrift zum Andenken hnldvollst geschenkt hat. in Hildesheim I. Boxer von der 12. Konipagnie des 3. Hannöverschell Jllfallterie-Reginlents Nr. 79, Adolf Mindns ans Badbergerl, endlich L. Rose aus O st e r r i e t h irr Westfalen von der 5. Kompagnie des 13. Infanterie-Regiments, I. Spiegel aus Waren dorf und Ernanllel Levy in Düsseldorf. Füselier bei der 8. Konrp. des 39. Jnf.-Reg. Das macht mit den in den vorigen Nummern ans Kiel. Marbllrg und Archshofen geiueldeten schon mehr als 40 jüdische Freiwillige für China. Weitere Meldirngell sind uns — irnd hoffentlich arrch der „Delltscherr Tageszeitung", die ja die Engllete angeregt hat — sehr willkomlllell. 2. Berlin, 21. August. Der Bericht über das 11. Semester der Vereinigung Jüdischer S tu di reu der zu Berlin lvirft ei neit Rückblick auf die füllfjährige erfolgreiche Thätigkeit des Vereins. Das Senlester begann, dieses Jubilännls würdig, mlter glücklichen Auspizien; im Jllnern blühte der Vereill und erfreute sich nacf) allsten hin eines stets wachsendell Ansehells. Eine große Anzahl Konlmilitonen war für die Sache gewollnen; das lleu gewählte Präsidium — bestehend ans Zlvirn, Perlitz. Hecker i. V., Presch. Kassenwart, nnd Jakobsohll, Tnrilwart — gillg mit Eifer an die Arbeit. Das Präsidium hatte zu Begillll des Semesters an alle Kommilitonen einen Mahnruf erlassen, der von fast allen jüdischen Zeitungell Deutschlands anfgenomluen wurde. Die Antrittskneipe, welche ani 10. Mai a. c. stattfand, verlief ben Erwartungen entsprechend in glänzellder Weise. Vorträge, an die sich meist lang ausgedehnte Diskussionen schlossen, hieltet! 1. E. Kohll: Die Renchlin-Pfefferkorn'sche Fehde; 2. Hecker: Die Bergjnden im Kankaslls; 3. Dr. H. Loewe: Das Blutmärcheil; 4. Grünberg: Moses Mendelssohli; 5. A. Blum: Nationalismus; 6. Dr. Th. Zlocisti: Alfred Nosstg; 7. Perlitz: Das Buch Ruth; 8. ferner verlas E. Kohn eine Abhandlung über Judenverfolgnngen in Worms. Das Turnen wurde in diesem Senlester eifriger als bisher gepflegt. Gegen Ende des Semesters hatte der Verein Gelegerlheit, seine Kräfte in den Dienst der attgemeineil Sache zu stellen. Durch den Kartellverein in Brest all benachrichtigt, daß 165 jüdische Auswanderer ans Rumänien. voll Studenten geführt, Berlin berühreil würden, hielten die Mitglieder es für ihre Pflicht, biefeu ihren unglücklichen Brüdern ihre Hilfe angedeihell zu lassen. Die Aufforderullg der Bonner Studentenschaft, eine Protestversamullung gegen die Konitzer Ereignisse zu veranstalten, wie sie in Bolln abgehalten lvurde. lehnte der Verein in Uebereinstlmmung mit ben anderen V. I. St-en für biefen Zeitpunkt ab. Mit dem „Verein Jüdischer Stlldeilten zu Breslau" schloß er am Ende des Semesters ein Kartell ab. sodaß damit ein Bund der V. I. St-en Berlin. Leipzig. Breslau geschaffen lvllrde, der den Namen „Jüdischer Delegirten-Tag" lJ. D. T.) tragen wird. Der Vereill zählte 31t Beginn dieses Semesters 28 Aktive; hierzu traten im Laufe desselben 11 neue Mitglieder. Außerdem gehören denl Verein 18 Alte Herren Ulld 16 Inaktive all. Während des Semesters schieden 2 Mitglieder aus. sodaß die Gesamintzahl 71 beträgt. Die Schlußkneipe, die am 24. Juli stattfalld. verlief in würdiger Weise. Auf dein Schlußkonvent am 25. Juli wurden zu provisorischen Chargirten für das nächste Seurester gewählt: raiid. ined. Zwirn, sind. jur. Manheim, sind. phil. Zlocisti, stud. jur. Presch znm Kassenwart nnb stud. phil. E. Kohn znm Turn- und Fechtlvart.